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Ein königliches Festmahl – Geschichtskrümel 86

Lesezeit: 7 Minuten

Die Könige Englands regulierten im Hochmittelalter die Nutzung ihrer Wälder mit strengen Gesetzen und harten Strafen. Ein getötetes Reh führte zu einer Untersuchungskommission, fast als wäre es ein Mord an einem Menschen gewesen. Die Gründe waren simpel: Die Könige wollten der Jagd frönen können, und der Königshof brauchte Fleisch. Sehr viel Fleisch. Gegen 1300 waren die englischen Wildbestände trotz aller Regeln und Verbote arg dezimiert. Warum das so war, wird vielleicht etwas klarer, wenn man sich anschaut, wie viel bei einem einzelnen königlichen Fest verzehrt wurde! Genau so ein Fest schauen wir uns heute einmal genauer an.

Fleisch, Fleisch, mehr Fleisch – und Fleisch!

Im alten Rom gab es immer wieder Zeiten, wo es als schicklich galt, sich beim Essen zurückzuhalten. Das sahen viele mittelalterliche Herrscher vollkommen anders. Der soziale Stand ließ sich auch am Essen ablesen. Wer es sich leisten konnte, der aß Fleisch. Wer Krieg führen wollte, der brauchte sowieso Fleisch, einfach um den notwendigen Nährwert aufnehmen zu können. Das wussten auch die Armeen der Vormoderne!

So oder so: Die mittelalterliche obere Gesellschaft verspeiste so viel Fleisch, selbst abseits von Gelagen, dass Edward II. sich sogar genötigt sah, die Anzahl von Fleischgerichten pro Mahlzeit abhängig vom sozialen Stand zu beschränken. Mit der Begründung, dass sein Land sonst in Armut und Krankheit versinken würde, ordnete er Folgendes an: Gerade mal zwei Gänge sollten Fleisch enthalten! Höchstens zwei verschiedene Sorten pro Gang! An Fischtagen wiederum höchstens zwei Gänge mit Fisch – zwei verschiedene Sorten pro Gang. Der höhere Adel durfte immerhin noch einen Zwischengang einschieben (quasi ein „Zwischenfleisch“). Das hätte dann auch Festmählern einen Riegel vorgeschoben, die quasi indirekt dem König vorbehalten gewesen wären, denn zwei magere Gänge… das ist doch kein Leben.

Gebracht hat das vermutlich nichts – wie soll der König auch das Mittagessen des Adels sinnvoll regulieren? Edward II. wurde später auch abgesetzt, da er rundum unbeliebt war.

Gelage blieben damit etwas, was sich nicht nur der König leisten konnte – und sie waren ein echtes Statussymbol.

Das Fest als Symbol von Macht und Würden

Würde es einfach nur darum gehen, gewaltige Mengen zu essen und zu trinken, dann wäre ein Festmahl nicht viel mehr als ein all-you-can-eat-buffet. War es aber natürlich nicht. Ein Gelage ist mehr als Essen – es ist ein Ritual, bei dem der Gastgeber seine Größe und seinen Stand anzeigen und festigen kann. Dabei darf man nie vergessen: Symbole sind wichtig. Gerade in einer Zeit vor Massenmedien und Wikipedia ist es wichtig, die Ordnung darzustellen, damit sie auch existiert. Postmodernistisch gilt ja sogar, dass die Realität nur konstruiert ist. Rituale und Symbole sind ein wichtiger Teil für die Konstruktion einer Gesellschaft oder einer Hierarchie. Wer in der DDR aufwuchs, kann sich das sicher noch besser vorstellen, mit all den kleinen Ritualen, die immer ein fester Teil kommunistischer Staaten waren.

Der Mundschenk und andere Ehrenämter

Die Speisen waren zwar reichlich vorhanden und das Gelage gewaltig, aber es enthielt auch ein Zeremoniell. Viele kleine und große Ämter waren zu vergeben, die den Stand der Würdenträger und die Beziehung zum Gastgeber hervorhoben. Darunter waren Klassiker wie der Mundschenk, aber auch viele kleinere Aufgaben. Henry IV. von England hatte an seiner Krönungszeremonie im Jahr 1399 viele Leute, denen er Honig um den Mund schmieren wollte, denn seine Herrschaft war umstritten, und seine Streitigkeiten sorgten letztlich auch dafür, dass ein halbes Jahrhundert später der Rosenkrieg in England ausbrach.

Verschiedene Ämter bei einem Fest

An seinem Krönungsfest fanden sich unter anderem folgende Ämter, die von Herzögen und anderen Adligen besetzt wurden:

  • Der Pantler (Brotmeister), der für die Versorgung mit Brot zuständig war. Er leitete die Pantry.
  • Der Marshall, der für das Zeremoniell zuständig war. Besonders das Zuweisen der Sitzplätze – hier durften keine Fehler geschehen.
  • Der Lord Chamberlain (Kammerdiener) Sir Thomas, Earl of Warwick, versorgte den König mit Waschwasser und Tüchern – als Bezahlung erhielt er die Tücher und das Wasserbecken.
  • Der Carver (Vorschneider), der das Fleisch für den König schnitt – ein Posten von höchster Ehre. Die Platte des Königs musste immer sauber sein, und der Carver sorgte dafür, dass der König von allem einen Happen hatte.
  • Sir William Argentine offerierte dem König das erste Getränk des Festes und erhielt dafür den Silberbecher als Geschenk.
  • Der Chief Butler (Mundschenk) kümmerte sich um die Getränke des Königs und erhielt dafür den königlichen Pokal als Gabe.

Die Stadt London schickte mehrere Bürger zum Bankett, unter anderem:

  • William le Venour wurde damit geehrt, dass er Waffeln für den König bereiten durfte.
  • Edmond Chambers erhielt das Amt als Larderer und durfte den Lagerraum der Speisen verwalten.
  • Lord Grey wurde als Naperer eingesetzt und verwaltete somit die Tischtücher und Servietten. Diese spielten eine große Rolle, und es wurde viel Zeremoniell mit den Tüchern und Servietten gemacht. Das Platzieren, Wechseln etc.

Alle Amtsträger prüften im Übrigen im Verlauf des Festmahls den Wein des Königs auf Gift. Henry und ein großer Teil seines Hofes waren trotzdem bald darauf krank. Vermutlich irgendein Lebensmittel, das nicht mehr gut war.

Sitzordnung

Wenn die Ämter eine Rolle spielten, dann war auch allen die symbolische Wichtigkeit der Sitzordnung klar. Bei Henry IV. saßen beide Erzbischöfe und gleich siebzehn Bischöfe, dazu der Earl von Westmoreland. Die göttliche Unterstützung war sicher wichtig für den eher umstrittenen König Henry. Zu seiner Linken und zu seiner Rechten standen der Prince of Wales und der Hofmeister, um den König zu bedienen. Sie trugen das Schwert der Gnade und das Schwert der Gerechtigkeit an ihrer Seite.

Am zweiten Tisch hatten die fünf großen Adligen der Peerage ihren Platz, die Dukes of Lancaster, York, Aumarle, Surrey und Exeter.

Der dritte Tisch, der links der Königstafel stand, beherbergte die Bürger von London, in deren Stadt der König sein Fest feierte: den Lord Mayor (Bürgermeister) und die Aldermen der Bezirke.

Der vierte Tisch wiederum war für die Barone der Cinque Ports reserviert, die fünf Häfen in Kent und Sussex, was die Bedeutung der Überseeverbindungen für England klarmacht.

Der fünfte Tisch waren die sechsundvierzig Knights of Bath, deren Ritterorden Henry gerade erst begründet hatte.

Die sechste und letzte Tafel teilten sich die Knights and Squires of Honour. Also jene, die vom König in irgendeiner Form geehrt werden sollten, ohne einen spezifischen Ehrenplatz zu erhalten. Quasi die erste Reihe, aber eben nicht die VIP-Loge.

Bei anderen Festlichkeiten kamen auch noch Tische für die Ladies und die Ladies of Honour hinzu, oftmals in eigenen Speisesälen, wo keine Männer zu finden waren. Bei Henrys Krönung werden seltsamerweise keine Frauen erwähnt!

Logistik und Zubereitung

Ein Haufen Ehrenposten, von denen viele erst zum Zuge kamen, wenn das Essen fertig war! Das musste aber erst einmal gekocht werden. Ein Beispiel für das logistische Ausmaß finden wir 1467 beim Fest zur Inthronisation des Erzbischofs George Neville, des Bruders von „Kingmaker“ Richard Neville.

Neben über einem Dutzend adliger Offiziere, die sich um verschiedenste Dinge kümmerten, waren auch 62 Köche und 115 Helfer (inklusive derjenigen, welche die Spieße drehten) damit beschäftigt, das Mahl zu bereiten. Bedenke, dass die Küche den Platz dafür gar nicht bot!

Zusätzliche Kochbereiche mussten also geschaffen werden – und seien es Feldküchen außerhalb des Gebäudes. Die Öfen mussten tagelang heiß gehalten werden, um all diese Pasteten, Kuchen und Brote zu backen! Überhaupt: Wo kommen all die Köche her? Ausgebildete und fähige Köche gibt es ja nicht überall. Vermutlich wurde aus dem ganzen Umland Personal rekrutiert für so ein gewaltiges Festmahl, und ebenso wahrscheinlich kam ein Teil des Personals auch von den Gästen.

Natürlich reicht es auch nicht, einfach Tische aufzustellen und Getränke hinzupacken. Die Vorbereitung der Hallen unterlag ihrem eigenen Zeremoniell, und der Pantler bereitete das Brot rituell vor und prüfte das Salz auf seine Qualität.

Alltägliche Mahlzeiten am Hof

Schlemmereien waren natürlich nicht Alltag. Der hatte es aber dennoch in sich. Zum Frühstück mag Edward IV. sich noch mit Brot, einem gekochten Gericht und einer halben Gallone Bier (2,25 Liter) begnügt haben. Die allgemeinen Mahlzeiten für kleinere Gesellschaften umfassten trotz allem 8 verschiedene Gerichte, die der anwesenden Lords 5, die der Gentlemen 3 und alle anderen erhielten nur 2 Gerichte. Suppe gab’s natürlich extra dazu. Der Haushalt von Edward IV. kostete pro Jahr 13.000 Pfund – ein relevanter Anteil der Wirtschaftsleistung Englands. Die Regularien zur Versorgung stammten noch von Edward III. und behielten lange Gültigkeit.

Was wurde gegessen?

Bei einem Fest krachte es derweil ordentlich. Generell gilt, dass mit den größten und schwersten Gerichten begonnen wurde und es dann immer leichter wurde. Runtergespült wurde es mit Ale, rotem und weißem Wein sowie Hippocras (abgeleitet von Hippokrates), einem Gewürzwein, der auch meist den Abschluss des Banketts bildete. Dort begleitete der Hippocras dann Waffeln, Bonbons, anderes Konfekt und Spezereien (Gewürze).

Bedingt durch das Christentum, gab es auch Festmähler, die auf Fischtage fallen konnten, dann gab es keinerlei Fleisch. Pasteten bildeten meist die Grundlage. Milch wurde durch Mandelmilch ersetzt.

Ein Gang bestand natürlich nicht aus nur einem Gericht. Eher aus 8. Verschiedenste Vögel – gerade Großvögel wie Schwäne, Gänse und Pfauen – und natürlich Wild, Schwein und auch Fisch. Gekocht, gebraten, mit Saucen oder als Pastete.

Vorräte für Nevilles Fest

George Nevilles Thronbesteigungsfest brauchte gewaltige Vorräte, darunter:

  • 300 Tuns Ale (1 Tun = 981 Liter)
  • 100 Tuns Wein
  • 1 halbe Tun Hippocras (ein Gewürzwein)
  • 104 Ochsen
  • 6 Stiere
  • 1000 Schafböcke
  • 304 Kälber
  • 2304 Schweine und Ferkel
  • 400 Schwäne
  • 2000 Gänse
  • 1000 Masthähne
  • 2000 Hühner
  • 400 Regenpfeifer (Vögel)
  • 300 Dutzend Wachteln und andere Singvögel
  • 104 Pfauen
  • 4000 Enten
  • 204 Kraniche
  • 204 Zicklein
  • 8000 Tauben und andere Vögel
  • 408 Reiher und andere Großvögel
  • 200 Fasane
  • 500 Rebhühner
  • 400 Waldschnepfen
  • 500 Hirsche, Rehe und Rehkitze
  • 4000 Wildpasteten, kalt
  • 4000 Gerichte mit Sülze
  • 4000 Tartes, kalt
  • 3000 Pudding (englische Art, gebacken), kalt
  • 1500 Wildpasteten, heiß
  • 2000 Pudding, heiß
  • 608 Meerbrassen und andere Fische
  • 12 Schweinswale und Robben
  • „Viel“ Konfekt, Bonbons, Confiserie und Waffeln

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Geschichtskrümel“ ist eine wöchentlich erscheinende Serie aus Kurzartikeln. Sie soll Autoren, Spielern und Spielleitern als Anregung dienen und Inspiration fürs Rollenspiel oder Geschichten bieten. Die Geschichtskrümel drehen sich um historische Ereignisse oder Themen, über die ich in meinem Alltag stolpere. Sie sind manchmal lehrreich, manchmal skurril und manchmal einfach nur lustig.

Quelle

  • Laurence, J. (1991). Royal Feasts. In Feasting and Fasting. Proceedings of the Oxford Symposium on Food and Cookery 1990 (pp. 138–151). Devon: Prospect Books.

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