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Reinheit und Sünde – Geschichtskrümel 78

Lesezeit: 7 Minuten
Titelbild „Sünde und Reinheit“, Bild von Hieronymus Bosch „die sieben Todsünden“
Hieronymus Bosch: „Die Sieben Todsünden“ und „Die vier letzten Dinge“. Dieses Bild, das entweder von Bosch selbst oder von einem seiner Schüler stammt, zeigt die sieben Todsünden von oben her im Uhrzeigersinn: Völlerei, Trägheit, Wollust, Hochmut, Zorn, Neid und Habgier. Die „vier letzten Dinge“ hingegen sind von links oben: das Sterben, das Jüngste Gericht, der Himmel und die Hölle.

Eigentlich wollte ich heute meine Artikelserie zu Sex und Sexualmoral in der Geschichte weiterführen. Dabei stellte ich aber fest, dass ich den Artikel über das Mittelalter nicht schreiben kann, ohne vorher über die mittelalterlich-christliche Vorstellung von Sünde, Reinheit und Wiedergutmachung gesprochen zu haben, die sehr stark auf die jüdischen Konzepte zurückgreift. Der Unterschied kommt vor allem dadurch zustande, dass physische Buße durch Opfer etc. zunehmend durch spirituelle Buße ersetzt wurde.

Gott straft!

Das Konzept der „moralischen Vergeltung“ durch Gott ist noch heute bekannt. Gerade aus den USA kriegt man auch hier in Deutschland regelmäßig mit, dass wieder irgendeine evangelikale Gruppe eine Naturkatastrophe wie beispielsweise einen Hurrikan der „moralischen Verkommenheit“ betroffener Landstriche zuschreiben will. Diese aus rationaler Betrachtung heraus völlig obskure Sicht prägte auch das Spätmittelalter, das von Seuchen, Kriegen und externer Bedrohung durch den Islam unter Druck geraten war.

Doch schon vorher spielte die Frage nach der (spirituellen) Reinheit der Gruppe eine große Rolle, zurückgehend bis auf das antike Judentum. Jedoch unterscheiden sich Früh-, Hoch- und Spätmittelalter in ihrem Umgang mit dem Thema Sünde deutlich.

Glaubenssysteme und Moral

Einem säkularen, modernen Menschen in Westeuropa muss es seltsam anmuten, wenn er Debatten aus Ländern hört, die noch stärker von religiösem Glauben geprägt sind. Der Kampf gegen das Kastensystem in Indien, das unreine Menschen kennt, die unreine Tätigkeiten ausüben und dadurch „unberührbar“ werden. Ungewohnt? Selbstredend. Ungewöhnlich? Keineswegs! Die Idee der Unreinheit durch Taten, natürliche Vorkommnisse oder Geburt sind nichts Indisches – im Christentum starten neugeborene Menschen ja auch belastet mit der Erbsünde. Auch die Unreinheit durch Menstruation ist ein Konzept, welches sich durch viele Religionen zieht.

Egal was einen unrein macht oder mit Schuld belädt, in allen Fällen hängt es immer mit einem spezifischen Glaubenssystem zusammen, das nichts mit Gesetzen oder auch nur zwingenderweise mit Fakten zu tun hat. Es ist immer eine Frage der Moral, und moralisch ist einfach nur, was von einer dominanten Gruppe als „die richtige Art zu handeln“ angesehen wird.

Reinheit und Unreinheit, ebenso wie moralische Schuld, sind deshalb nie unabhängig von der Idee von Richtig und Falsch. Es ist nichts Objektives, sondern geprägt durch die Vorstellungen der Gesellschaft. Die Regeln gelten darum nur für diejenigen, die Teil des Glaubenssystems sind. Das erklärt im Übrigen auch, warum Juden im europäischen Mittelalter sehr viel schlechter wegkamen als Christen (derselbe Glaubenskern), aber dennoch als ihre eigene Gruppe wahrgenommen wurden und auch halbautonom waren, wenn es um die Regulierung ihrer Gemeinschaften ging!

Reinheit & Sünde sind jedermanns Problem!

Damit man die christliche Sexualmoral und die Obsession der Kirche mit dem Sex verstehen kann, muss man erst einmal verstehen, was die abrahamitischen Religionen stärker als viele anderen Glaubensströmungen prägte: die Obsession mit Reinheit, Sünde und göttlicher Strafe.

Wie ich im Artikel über Inzest und Tiersex in der Antike schrieb, waren die Juden in ihren Vorstellungen von Richtig und Falsch nicht weitab von der Norm ihrer Nachbarländer.

Was sie allerdings unterschied, war die dogmatische Haltung, dass der Einzelne nun nicht mehr nur für sein eigenes Handeln zuständig war, sondern ein unreiner Mensch eine Gefahr für die gesamte Gemeinschaft bedeutete. Der jüdische Gott war nur zu bereit, erneut ein Volk zu tilgen, wenn es seine Gebote missachtete und in Liederlichkeit lebte. Jeder musste darum um seine Reinheit besorgt sein. Jedenfalls theologisch.

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Rein und Unrein

Wir verbinden mit Reinheit eigentlich nur Gutes. Reinheit, das ist schön, am besten weiß strahlend und irgendwie „ruhig und ordentlich“. Der Spruch „Sauberkeit ist eine Tugend“ kommt ja nicht von ungefähr.

Sauberkeit?

Allerdings hat Reinheit im christlich-theologischen Sinne nichts mit Sauberkeit zu tun. Sauberkeit, das ist eine Frage der Hygiene. Zwar finden sich in der Bibel auch Stellen zur Sauberkeit, so klärt Deuteronomium 23:13–14, dass jeder eine Schaufel dabei haben soll, um außerhalb der Lagerstätte seine Notdurft zu verscharren; aber das ist es natürlich nicht, worum es bei Reinheit im spirituellen Sinne geht, es geht höchstens darum, Ordnung in die Gesellschaft zu bringen und antisoziales Verhalten zu steuern (Scheiß mir nicht die Bude voll!“).

Reinheit!

Dahingegen kann man noch so hygienisch sein, Handschuhe tragen und den Raum danach gründlich putzen – das Waschen von Leichen sorgt trotzdem für sieben Tage Unreinheit, wenn man die Schriften befragt. Ebenso ist bis zum Anbruch des neuen Tages unrein, wer Sex hat – Dusche hin oder her.

Reinheit ist darum ein Zustand, der nicht unbedingt etwas mit der eigenen Tat zu tun hat. Man muss also nicht zwingend schuldig sein, sprich gesündigt haben, um unrein zu sein. Das ist gut, denn vieles, was spirituell verunreinigt, kann nicht vermieden werden. Frauen menstruieren – das verdammt sie noch lange nicht in die Hölle. Ebenso wenig kommen wir darum herum, die Toten zu bestatten.

Sich reinwaschen

Bei vielen Taten, die Unreinheit bewirken, sieht das Alte Testament Rituale und Tätigkeiten vor, um sich wieder zu reinigen und das spirituelle Gleichgewicht zwischen Gott und seinen Anhängern wiederherzustellen. Seien das Opfer (Taubenopfer nach dem Ende der Menstruation z.B.) oder Fasten, wie es im frühmittelalterlichen Christentum üblich wurde. Alles kein Problem, einfach den vorgegebenen Methoden folgen oder die notwendige Zeit abwarten, und die Unreinheit verschwindet. Sündig, also schuldhaft, wird die Unreinheit erst, wenn man es unterlässt, die notwendigen Schritte zu gehen, um sich reinzuwaschen. Bei den Katholiken wären das z.B. die Beichte und die dabei auferlegte Buße. Schlimmstenfalls mussten eben externe Kräfte – das Gericht, die Priester – die Buße erzwingen, beispielsweise durch Schandstrafen.

Verbrechen macht nicht unrein

Damit sind wir wieder beim Glaubenssystem und bei der Moral angekommen! Was rein und unrein ist, das hängt eben nicht mit objektiven Tatsachen zusammen. Ein Dieb ist nicht unrein, er ist ein Verbrecher. Er hat die soziale Ordnung gestört, nicht die spirituelle Gemeinschaft bedroht.

Das gilt selbst heute noch. Nur in Extremfällen verschiebt sich unsere Argumentation von einer reinen Betrachtung der Tat und dem folgenden Verhängen einer angemessenen Strafe hin zu einem Bedürfnis nach Rache und nach einem öffentlichen Aufschrei. Eigentlich passiert das meiner Erfahrung nach nur bei zwei Themen: Morden und Sexualstraftaten, besonders wenn Kinder betroffen sind. Bei Verbrechen an Kindern geht es dabei auch um Fragen der Reinheit und der Sünde! Denn ein wichtiger Diskurs der Moderne ist die Reinheit und Unschuld von Kindern, die viele als besonders schützenswert und etwas Naturgegebenes, also quasi Göttliches, ansehen.

Der besondere Schutz von Kindern steht hier allerdings gar nicht zur Debatte, denn dafür gibt es auch ganz pragmatische Argumente (Machtungleichgewicht z.B.). Worauf ich damit hinauswill, ist, dass es verschiedene Kategorien von Untaten gibt und einige davon moralisch und spirituell schwerer wiegen und wogen.

Sünde

Nicht jede Form der Unreinheit ist sündig, wie oben gesagt. Was aber macht den Unterschied zwischen Diebstahl, Menstruieren und einer waschechten Sünde aus?

Sünden können, wie oben erwähnt, entfernt werden, indem man Sühne übt und Buße tut. Oder indem Vergeltung verübt wird. Denn es gibt im Kern zwei verschiedene Formen der Unreinheit: solche, die den Einzelnen betreffen, und jene, welche das ganze Land und das Volk der Gefahr aussetzen, dass göttliche Vergeltung folgt. Diese sind nicht nur unrein, sondern auch moralisch verwerflich. Darum müssen sie durch das sogenannte Talionsprinzip („Gleiches mit Gleichem“) vergolten werden. Eben das biblische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“! (Exodus 21:23–25) Manchmal bedeutet das eine Spiegelstrafe: Wer Sodomie betreibt, den kastrieren wir, wer den bösen Blick benutzt, dem schneiden wir die Augen raus etc.

Es gibt grob gesprochen eine Gruppe von drei Übertretungen, die nicht nur den Täter, sondern das Land, das Heiligtum oder Gottes Namen verunreinigen. Diese sind: verbotene sexuelle Beziehungen, Götzendienst und Totschlag. Im Gegensatz zur Unreinheit, die aus Menstruation, Berührung eines Leichnams usw. entsteht, sind diese Übertretungen auch moralisch verwerflich, also Sünde.

Auf den Punkt gebracht: Es gibt rituelle Unreinheit und es gibt moralische Unreinheit. Oder, einfacher gesprochen, es gibt eine zugelassene (erwartbare) und eine verbotene Form der Unreinheit. In beiden Fällen kann man nicht länger am religiösen Leben teilnehmen, bis gesühnt wurde, und schlimmstenfalls muss man sogar getötet werden, um „die Herde zu schützen“.

Ist Sünde real?

Ja natürlich! Ist sie deshalb physisch, greifbar und faktisch, sprich objektiv? Nein, selbstredend nicht. Allerdings ist das menschliche Dasein nun einmal auch durch unsere Vorstellung geprägt. Ideen, Konzepte und Glaubenssätze bestimmen absolut zentral unser Handeln. Die Sünde stört die Ordnung, die sein soll. Somit bringt die Sünde auch spirituelles Chaos in eine Welt, die bereits durch Naturgewalten und menschliches Tun chaotisch genug ist.

Unreinheit ist darum zwar nicht zu sehen, zu riechen oder anderweitig zu identifizieren, aber sie ist für die Zeitgenossen dennoch real, gefährlich und braucht eine angemessene Reaktion. Die Idee, dass all das nur metaphorisch wäre, quasi „ausgedacht“, ist nur dann korrekt, wenn man es von einer säkularen Warte aus betrachtet. Ebenso kann aber auch der Hindu über den Christen lachen und die Falschheit von dessen Glaubenssätzen betonen.

Sünde und die spirituelle Unreinheit sind also wirkmächtige, reale Konzepte, die auch unsere Gesellschaften strukturierten und prägten. Im Mittelalter war das nicht anders, auch wenn sich der Umgang damit und die Weltsicht, welche das Ganze steuerten, über die Jahrhunderte veränderten. War der Henker im Frühmittelalter noch eine quasimagische Gestalt, die göttliche Ordnung wiederherstellte, so wurde er irgendwann zum Mörder, zu einer unreinen Person, die als notwendiges Übel die Strafen vollstreckte, aber durch die Tötung an spiritueller Reinheit verlor.

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Geschichtskrümel“ ist eine wöchentlich erscheinende Serie aus Kurzartikeln. Sie soll Autoren, Spielern und Spielleitern als Anregung dienen und Inspiration fürs Rollenspiel oder Geschichten bieten. Die Geschichtskrümel drehen sich um historische Ereignisse oder Themen, über die ich in meinem Alltag stolpere. Sie sind manchmal lehrreich, manchmal skurril und manchmal einfach nur lustig.

Quellen

  • Berkowitz, E. (2012). Sex & Punishment. 4000 Years of Judging Desire. London: The Westbourne Press.
  • Dubbink, J. (2014). Unreinheit und Sünde – Der Unterschied zwischen kultischer und ethischer Bewertung des menschlichen Handelns. Communio Viatorum, (3), 234ff. Retrieved from https://research.vu.nl/en/publications/unreinheit-und-sünde-der-unterschied-zwischen-kultischer-und-ethi
  • Dunn, M. (2013). Belief and Religion in Barbarian Europe, c. 350–700. London: Bloomsbury.
  • Gert, B., & Gert, J. (2017). The Definition of Morality. In The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2017 Edition).
  • Goetz, H.-W. (2012). Gott und die Welt Religiöse Vorstellungen des frühen und hohen Mittelalters. Teil I, Band 1: Das Gottesbild. Berlin, Boston: De Gruyter.
  • Goetz, H.-W. (2014). Gott und die Welt Religiöse Vorstellungen des frühen und hohen Mittelalters. Teil I, Band 2. II. Die materielle Schöpfung. Kosmos und Welt. III. Die Welt als Heilsgeschehen. Berlin, Boston: De Gruyter.
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