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Der Illuminateneid im bayrischen Militär – Geschichtskrümel 72

Lesezeit: 6 Minuten
Bayrisches Expeditionskorps in Griechenland greift einen befestigten Turm an.
Der bayrische Prinz Otto, zweiter Sohn von König Ludwig dem Ersten, übernahm 1832 während der griechischen Unabhängigkeitskriege die Herrschaft als König von Griechenland. Um seine Herrschaft zu sichern, stellte Bayern ein Expeditionscorps auf, das in Griechenland kämpfte. 1834 wurden die Bayern dann in die griechische Armee integriert. Doch vorher waren sie Teil der bayrischen Streitkräfte, die noch bis 1918 als eigenständige Armee existierten.

Die „Allerhöchste Verordnung vom 13. September 1814 ‚geheime Gesellschaften betreffend‘“ verpflichtete Soldaten der bayrischen Armee noch im Ersten Weltkrieg, bei der Beförderung zum Offizier folgenden Eid schriftlich abzulegen:

„Ich schwöre, daß ich zu keiner geheimen Gesellschaft oder zu irgend einer Verbindung, deren Zweck dem Staate unbekannt, von demselben nicht gebilligt oder dem Interesse des Staates fremd ist, weder gehöre noch je in Zukunft gehören werde und ich bin bereit, diese meine Versicherung durch einen Eid zu bekräftigen, wie ich sie jetzt schon durch meine Unterschrift bestätige.“

Bayrische Armee, im Ersten Weltkrieg? Ja, klar! Noch bis 1919 oblag die Wehrhoheit in Bayern, Sachsen und Württemberg den dortigen Herrschern. Die meisten anderen deutschen Länder hatten ihre Wehrhoheit an Preußen abgetreten. Im Kriegsfall ging jedoch das Oberkommando an den deutschen Kaiser – was 1914 geschah, auch wenn es zu Weihnachten hin ja fast zu Ende gewesen wäre.

Doch darum geht es hier nicht. Hier geht es um die Illuminaten, denen viele bayrische Offiziere der unteren Ränge schon seit dem 18. Jh. angehörten und was dem bayrischen Staat und der Kirche große Sorgen bereitete. Zusätzlich zum Fahneneid („Treueid“), den jeder Soldat leistete, verlangten sie darum seit 1790 den Offizieren einen zusätzlichen Schwur ab, eben den Illuminateneid. Genau so übrigens auch zivilen Beamten und geistlichen Funktionsträgern.

Illuminaten? Weltherrschaft, Schattenkabinette, 23 etc.?

Selbstredend nicht. Der Illuminatenorden wurde 1775 von Adam Weißhaupt, einem Professor für Theologie in Ingolstadt, gegründet – zuerst unter dem etwas schrägen Namen „Bund der Perfektibilisten“. Die Illuminaten verstanden sich als Aufklärer – eben „Erleuchter“ –, die versuchten, den erdrückenden theologischen Einfluss der Jesuiten in Ingolstadt zurückzudrängen.

Der Erfolg des Illuminatenordens hing vor allem an seinen wichtigen Mitgliedern. Neben dem Prinzen Karl von Hessen und mehreren Herzögen waren auch Leute wie Goethe oder der Freiherr von Knigge Teil des illustren Bundes. Knigge war es auch, der den Illuminaten eine klare Hierarchie verpasst hatte und für die Ordensrituale verantwortlich zeichnete.

Mit knapp 2000 Mitgliedern, darunter viele Adlige, hatte der Orden durchaus das Potenzial zu Einfluss – konnte diesen aber nie wirklich nutzen. Nur schon, weil Weißhaupt selbst von seinem Ordensprojekt überfordert schien.

Die Illuminaten wurden wie viele anderen Orden 1784 von Kurfürst Karl Theodor verboten, der auf Drängen seines Beichtpriesters alle Gesellschaften verbot, die ohne seine „landesherrliche Bestätigung“ gegründet worden waren.

Machtstreben?

1787 wurde das Werben für die Illuminaten zudem in einem weiteren Edikt ausdrücklich mit der Todesstrafe belegt. Nur, warum? Das lag unter anderem an der Philosophie des Ordens, die neben Bildungsstreben und Sittlichkeitsgeboten auch einen Hass auf Despotismus pflegte. In internen Dokumenten wurde zudem immer wieder auch über etwaige Herrschaft durch den Orden fantasiert. Warum das politisch ist, ist klar: Jeder Monarch oder Fürst ist irgendwie Despot, dementsprechend ist es leicht, solche Texte als staatsfeindlich zu interpretieren.

Was die Illuminaten tatsächlich taten, war, den „Marsch durch die Institutionen“ anzutreten und Mitglieder in allen deutschen Ländern im Staatswesen unterzubringen, um ihr Ziel voranzutreiben: eine Gesellschaft, einen Staat und eine Kirche, die von Vernunft und Selbstbestimmung getrieben wurden. Gerade in Bayern waren sie sehr erfolgreich, ihre Mitglieder in den Staatsdienst zu bringen.

Offiziere im Illuminatenorden

Da die Obrigkeit und ihre kirchlichen Berater also besorgt waren, dass die Illuminaten aufrührerisch oder sogar rebellisch tätig werden könnten, war es nur naheliegend, dass sie sich besondere Sorgen um Staatsbedienstete und natürlich vor allem Soldaten machten – keine Machtergreifung kann schließlich ohne die Armee Bestand haben.

Knapp 10% aller Illuminaten waren nämlich Offiziere. Doch waren diese innerhalb des Ordens nicht besonders wichtig. Die meisten waren einfache Mitglieder. Das ergibt allerdings Sinn, wenn man bedenkt, dass der Orden sich um Philosophie drehte und das Kriegshandwerk nicht. Jedoch waren gerade die gebildeteren Offiziere an der Mitgliedschaft interessiert. Wohl unter anderem aufgrund des großen Bildungsangebotes, welches der Orden gewährte, das vielfach als sehr anregend betrachtet wurde – und geistige Freiräume waren im absolutistischen Staat schwer zu finden.

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Die Zerschlagung erfolgt durch das Militär

1785 forderte Kurfürst Karl Theodor seinen Hofkriegsrat auf, dafür zu sorgen, dass alle Offiziere informiert würden, dass sie sich binnen 6 Wochen schriftlich vom Illuminatenorden lossagen sollten. In diesem Falle sicherte er ihnen Straffreiheit zu, ansonsten drohte die Entlassung aus dem Militärdienst. Zahlreiche Offiziere kamen dem nach und erhielten in der Folge einen Befragungsbogen, der dem Fürsten tiefe Einblicke in die Struktur der Illuminaten gab.

Die wenigen „Exempel“, die statuiert wurden, waren unerwartet mild, und vielfach kam es bereits nach wenigen Wochen zu Begnadigungen. Hier wird klar, dass das Militär die Stütze von Karl Theodors Herrschaft war. Durch die gezeigte Milde und das gleichzeitige Gefühl der Mitglieder, dass der bereits vor dem Verbot ins Chaos gestürzte Orden eigentlich sowieso am Ende gewesen war, band der Fürst die Armee enger an sich. Allgemein war der Fürst recht zurückhaltend, solange es nur um einfache Mitglieder des Ordens ging.

Revolutionäre?

Uniformen des Bayrischen Expeditionskorps für Prinz Otto. Wie man sofort vermutet hätte sind sie natürlich weiß und blau. Das war übrigens nicht immer so, auch andere Farben waren im Gebrauch. Im 19. Jh. dominierte jedoch blau und eben weiß, bis sich dann Feldgrau durchsetzte, als die Armeen sich modernisierten.

Einen wichtigen Anteil an der anhaltenden Furcht vor den Illuminaten und anderen Geheimbünden in Bayern hatte auch die Französische Revolution. Bayern war schließlich noch rein katholisch, der katholische Glauben zu dieser Zeit sogar noch Staatsreligion. Die Illuminaten bedrohten also nicht nur den Staat, sondern auch den rechten Glauben, der mit dem Fürsten eng verzahnt war. Mit ihren liberalen Glaubenssätzen erschienen die Geheimbünde darum als Brutstätte für revolutionäre Gedanken à la Frankreich. Zudem ebbten die Gerüchte einfach nicht ab, dass die Illuminaten im Untergrund weiteroperierten.

1790 wurde darum erstmals eine Eidesformel aufgesetzt, die von nun an von jedem Geistlichen, Beamten oder Offizier zusätzlich zum Diensteid zu schwören war. Nicht nur beim Dienstantritt, sondern auch bei jeder Versetzung und Beförderung! Sollte sich herausstellen, dass der Eid gebrochen wurde, konnte nun ein Kriminalverfahren wegen Eidbruchs eröffnet werden, mit allen dazugehörigen Konsequenzen. Eine fast schon archaische Praxis, hatte der Eid doch schon im Frühmittelalter großes Gewicht. Ein ähnlicher Eid wurde im Übrigen 1801 auch in Österreich eingeführt. Preußen hingegen begnügte sich mit dem einfachen Fahneneid, allerdings waren Offiziere und ihr Leben dort sowieso stärker reglementiert und überwacht.

Der bayrische Illuminateneid von 1790 war angelehnt an das „tridentinische Glaubensbekenntnis“ von 1564, das sicherstellen sollte, dass alle Professoren und Beamten dem katholischen Glauben angehörten und sich der Reformation widersetzten.

Die Moderne naht – aber nicht für den Papst

Noch bis ins späte 19. Jh. fürchteten die bayrischen Herrscher, dass die Armee unterwandert werden könnte. Die Furcht vor „den liberalen Bünden“ als Gärtner der umstürzlerischen Saat war fest in das bayrische Gedächtnis eingewoben. Obwohl die Freimaurer ab 1808 wieder legal waren (nicht so die Illuminaten), blieben der Illuminateneid und das Mitgliedschaftsverbot in Geheimbünden für Staatsbedienstete bestehen.

Nachdem sich 1866 die bayrische Armee als kriegsuntauglich herausgestellt hatte, kam es 1868 zu einer Heeresreform nach preußischem Vorbild. Die Offiziere, die zuvor kaum reglementiert waren, wurden nun zum politischen Desinteresse und zu einem homogenen Korpsgeist erzogen, sodass die Angst vor Umstürzen langsam nachließ, denn man hatte die Offiziere nun viel stärker an der Leine, und es gab nicht mehr viele Möglichkeiten, sich dem scharfen Blick des autokratischen Staates zu entziehen.

Dass der Illuminateneid noch lange erhalten blieb, lag darum auch an der Kirche, die Geheimbünde lange Zeit als Sekten und potenzielle Häretiker bekämpfte. Als die große Panik vor Revolution und Liberalisierung wegen Napoleons europaweiten Feldzügen langsam nachließ, deklarierte der Papst dann erneut, dass Freimaurerei und andere Bünde mit dem katholischen Glauben unvereinbar seien. Darum dauerte es schlussendlich trotz der früheren Abschaffung in anderen deutschen Teilstaaten noch bis 1918, dass Bayern seinen Illuminateneid mit der Gründung des Freistaates Bayern nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg abschaffte.

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Geschichtskrümel“ ist eine wöchentlich erscheinende Serie aus Kurzartikeln. Sie soll Autoren, Spielern und Spielleitern als Anregung dienen und Inspiration fürs Rollenspiel oder Geschichten bieten. Die Geschichtskrümel drehen sich um historische Ereignisse oder Themen, über die ich in meinem Alltag stolpere. Sie sind manchmal lehrreich, manchmal skurril und manchmal einfach nur lustig.

Quellen:

  • Frenschkowski, M. (2016). Die Geheimbünde. Wiesbaden: marixverlag.
  • Gahlen, G. (2016). Der Illuminateneid und seine Nachfolger im bayerischen Militär vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg. In G. Gahlen, D. M. Segesser, & C. Winkel (Eds.), Geheime Netzwerke im Militär 1700–1945 (pp. 85–112). Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh GmbH.
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