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Belohnungen: Es muss nicht immer Gold sein

Lesezeit: 7 Minuten

Ritterschlag durch die Herrin

Das Interessante an Klischees ist ja, dass sie immer einen Kern Wahrheit enthalten. Dass die Abenteurer in einer Taverne angeheuert werden, um einen Auftrag für irgendjemanden zu erledigen, ist ein solches Klischee. Und auch wenn es nicht zwingend eine Taverne ist: De facto als Soldknechte umherzuziehen, ist der Normalzustand der meisten Spielgruppen. Das wird allein schon dadurch deutlich, dass die absolute Mehrheit aller Fertigabenteuer genau auf dieser Motivation aufbaut. Irgendwer will etwas und bezahlt die Protagonisten dafür. Mit Geld.

Warum eigentlich immer Geld?

Unsere moderne Welt ist kapitalistisch, hervorragend organisiert, verfügt über eine komplexe Infrastruktur und Finanzwirtschaft. Das war nicht immer so, und es wird auch nicht immer so bleiben. Genau genommen war das den Großteil der Geschichte über nicht, wie es heute ist. Auf transportablem Geld basierende Wirtschaft ist eine Anomalie der Moderne. Natürlich hatten Menschen auch in früheren Zeiten Geld, beispielsweise im Mittelalter, aber sie hatten fast nie genug davon. Geld war fast immer, nahezu überall, eine Mangelware. Vor allem Geld, das einen eigenen, intrinsischen Wert hatte. Steuern für einen Krieg wurden beispielsweise in Form von Federn für Pfeile eingezogen!

Das Geld, das wir heute benutzen, ist eigentlich nur ein Stück Blech oder Papier mit einem Stempelzeichen darauf, sofern wir überhaupt noch mit physischem Geld zu tun haben. Die Münzen und Scheine sind ja nicht tatsächlich etwas wert, und genauso wenig sind es Bits und Bytes auf einem Computer. Es ist lediglich das Versprechen, Waren in diesem Wert zu erhalten, weil jemand anderes für den Wert des Blechstücks garantiert.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Um Unsicherheiten zu vermeiden, waren besonders sogenannte Bullion-Währungen sehr beliebt. Das ist Geld, das seinen Wert durch das Material hat, aus dem es besteht. Silber und Goldmünzen zum Beispiel. Egal wer gerade herrscht, ob Krieg ist oder Frieden: Gold bleibt Gold und Silber bleibt Silber. Nur Bares ist Wahres? Nur Bullion ist Wahres!

Darum war es beispielsweise für den Sultan des Osmanenreichs ein gewaltiges Problem in seinen Kriegsbemühungen, dass er um 1600 herum immer mehr Soldaten anheuern musste, die er nicht mehr mit feudalen Vorteilen wie Land bezahlen konnte, sondern die er als Janitscharen. mit hartem Silbergeld bezahlen musste. Dafür brauchte er allerdings Silber, sodass Edelmetall ein relevantes Importgut für sein Reich war!

Wenn nicht Geld, was dann?

Wenn das wenige Geld, dem man aufgrund seines Edelmetallgehalts vertrauen kann, rar ist, womit haben Menschen dann Handel getrieben? Kurz gesagt? Oft mit ihrem guten Namen. Innerhalb von Gemeinden und Gemeinschaften wurde eine Menge Tauschhandel betrieben, oft auch indirekt, in Form von Schuldverschreibungen. Beim Wirt anschreiben zu lassen, war früher die Norm, nicht die Ausnahme. Auch Dienstleistungen wurden getauscht und sogar gehandelt. Es war allerdings trotzdem allen klar, was das „in Schilling“ wert wäre, gerade zwischen Handwerkern und Kaufleuten.

Was bedeutet das für Belohnungen?

Wenn nun ein NSC etwas von den Spielercharakteren will, dann ist es in den meisten Spielsettings eher unwahrscheinlich, dass er über größere Geldmittel verfügt. Und auch wenn er das täte, würde er sie vermutlich nur ungern rausrücken. Bullion-Geld ist schließlich eine sichere Anlage, und es ist schwer zu beschaffen. Warum also nicht einen Blick auf alternative Bezahlungen werfen?

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Wertgegenstände

Ein Baron kann viel eher jemanden mit einem guten Reitpferd belohnen, als ihn mit einer Kiste Silbergeld auszuzahlen. Sogar eine Reihe von Dienstleistungen vor Ort, erbracht von den verschiedensten Leuten, ist einfacher zu bewerkstelligen. Ein Pferd vom Gestüt, ein neues Schwert vom Schmied, neue Hosen und eine hübsche Ledertasche? Wesentlich wahrscheinlicher, als dass der Herr Baron einen dicken Batzen Geld rausrückt. Außerdem kann man ja aufpolstern mit anderen Werten. Hier habt ihr noch einen Karren, zwei Zugochsen und eine Wagenladung Wein. Viel Spaß damit! Das kann man dann mitnehmen und mit einigem Arbeitseinsatz auch woanders zu Geld machen (oder wieder in andere Werte umsetzen), aber diesen Schritt selbst zu erledigen, spart sich der Auftraggeber damit.

Grund und Boden

Und wie wäre es mit einem Stück Land? Ein kleiner Bauernhof vielleicht? Oder Bauland? Ein Stadthaus? Derartige Geschenke haben natürlich den Zweck, den Arbeitnehmer langfristig an seinen Arbeitgeber zu binden und in der Gegend zu halten. Selbstredend kann man versuchen, diese Dinge zu verkaufen. Das könnte aber leicht als respektlos betrachtet werden und sich obendrein als sehr schwierig gestalten. Du erinnerst dich: Die potenziellen Käufer haben ja auch kein Bargeld.

Im Rollenspiel bietet sich so eine Form der Belohnung nur dann an, wenn sie sowohl attraktiv ist, als auch die Implikationen erwünscht sind. Die Spielleitung muss damit arbeiten können (und wollen!), wenn die Protagonisten (zumindest für ein Weilchen) sesshaft werden. Auch die Spielenden müssen das annehmen. Wenn sie völlig verkrampft versuchen, um jeden Preis das geschenkte Land zu verramschen, dann wird daraus kein schönes Spiel.

Posten

Für Posten gilt das Gleiche wie für Grund und Boden. Es funktioniert nur, wenn die Spielenden sich darauf einlassen. Außerdem kann es schwer werden, für eine diverse Gruppe irgendwo passende Posten zu finden, die zu ihrer Persönlichkeit und ihrer Motivation passen. Die Ritterin, der Magier und der Barde sind leicht auf einem reichen Gutshof mit passendem Posten zu versorgen, aber für die Piratin der Gruppe wird es dann eher schwierig. Und auch für spätere Geschichten ergeben sich Probleme, wenn die Charaktere aufgrund unterschiedlicher Aufgaben dazu tendieren, auseinanderzustreben. Posten funktionieren daher vor allem bei homogenen Gruppen sowie in Situationen, wo man alle über einen Kamm schert und zu den ehrenhaften „Verteidigern des Dorfes“ ernennt oder dergleichen.

Einfacher ist es, wenn die Protagonisten eine eigene Organisationsstruktur haben und man sie sozusagen als Unternehmen anwerben kann. Dann ist nämlich die interne Verteilung von Aufgaben einfacher.

Gefälligkeiten

Ein gutes Wort beim Fürsten, ein Empfehlungsschreiben für den königlichen Sekretär, eine Bürgschaft oder die alleinige Möglichkeit, etwas zu tun, das sonst unmöglich ist. Ein Klassiker bei Fürsten mit Einfluss war übrigens ein Passierschein, der bei der weiteren Reise Unterkunft, freies Geleit und Verpflegung in anderen Reichsteilen garantierte.

Ein Auftraggeber kann eine Gruppe Söldner belohnen, indem er ihnen ermöglicht, irgendwelche Waffen zu erwerben, an die sie sonst nicht rankämen – und er kann ihnen vielleicht sogar einen guten Preis machen. Denn es gab historisch auch ein anderes Problem als Bargeldmangel: Geldmittel in rauen Massen, aber keine Möglichkeit, sie auszugeben. Was nicht gehandelt wird, das kann man nicht kaufen. Egal ob man Geld hat. Außer eben, jemand anders öffnet einem die nötigen Türen.

Und dann ist da natürlich auch noch die gute, alte Schuld. Ich schulde dir etwas. Einen Gefallen oder einen Geldwert. Adelige machten liebend gerne Schulden, denn im Zweifel kann man sich einfach weigern, sie zu bezahlen. Auch ein Grund, warum viele Leute lieber handfestere Werte und schriftliche Zusagen bekamen.

Und wenn es nicht Fantasy ist?

Mit dem Zeitalter hat das ja alles gar nicht so viel zu tun. Ob Mittelalter-Fantasy oder Renaissance, Cyberpunk oder Prohibitionszeit. Geld ist bei Weitem nicht das einzige Mittel, um jemanden zu bezahlen, und es ist selten das dramaturgisch interessanteste. Oft ist es auch völlig nutzlos. Ein untergetauchter Edgerunner in Cyber-City benötigt keine Holokarte mit einem dicken Bankguthaben darauf, wenn er überall gesucht wird. Was er aber gebrauchen kann, ist eine gefälschte ID, vielleicht ein neues Gesicht und ein neuer Job. Und selbst ein New Yorker Gangster, der in Geld nur so schwimmt, kann sich nur kaufen, was ihm jemand anders auch geben will. Zugang zu neuen Märkten, die Vermittlung von Geschäftspartnern oder die Schlichtung einer kostspieligen Fehde? All das können interessante Bezahlungen sein. In einer Post-Apokalypse gilt dies noch mehr als irgendwo und irgendwann sonst. Ob man etwas bekommen kann, hängt dann nur selten davon ab, welche Werte man besitzt. Der Geschäftspartner muss auch ein Interesse an ihnen haben.

Zusammenfassung

Belohnungen müssen nicht die Form von Bargeld oder leicht transportablen Werten haben. Den Großteil der Geschichte über war Bargeld stete Mangelware. Auch reiche Leute zahlten oft nur dann in Münze, wenn es sich nicht vermeiden ließ – sofern sie überhaupt genug Bargeld hatten. Die meisten ihrer Werte waren ohnehin in Arbeitskraft und materiellen Werten gebunden.

Anstelle von Geld gibt es zahlreiche andere Dinge, mit denen ein Charakter im Rollenspiel be- und entlohnt werden kann. Ganz direkt z.B. Warengeschenke: ein Schwert aus der Waffenkammer, ein Pferd aus dem Stall. Grund und Boden sowie Gebäude bieten sich auch an, sei es als Geschenk oder zur Pacht. Zu guter Letzt kommt auch noch der schlichte Zugang zu Dingen hinzu: die Passage durch ein Tor, die Empfehlung an einen Geschäftspartner oder die Möglichkeit, etwas zu kaufen, was es sonst nicht käuflich zu bekommen gibt.

Alle diese Arten der Bezahlung haben unterschiedliche Implikationen. Die einen binden einen Charakter an einen Ort, wie die Immobilie, während andere lediglich den Protagonisten ermöglichen, weiter aktiv zu bleiben und zu reisen. Ihnen allen ist aber gemein, dass sie, im Gegensatz zu schnödem Geld, Haken und Ösen haben und nicht einfach so dazu führen werden, dass ein Charakter sich ungewollt zur Ruhe setzt.

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