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Der Zombie im Rollenspiel

Lesezeit: 9 Minuten

Zombie frisst Bauch

Im Verlauf der letzten Jahre rollte ja eine regelrechte Sturmwelle aus Zombiemedien über uns hinweg. Zahllose Filme, TV-Serien und ein Computerspiel nach dem anderen. Wohin man auch schaute: Überall verrottendes Fleisch auf der Suche nach Frischware.

Für uns Rollenspieler war das aber nichts Neues. Der Untote ist von jeher ein Standardgegner in nahezu jedem Rollenspiel, das irgendwie über Fantasy-Elemente verfügt. Sogar die Urgroßvaterspiele D&D und DSA hatten Zombies und Skelette in der einen oder anderen Form. Nur, warum ist das so?

Der Zweck von Zombies in Geschichten

Was die meisten Cineasten bereits wissen, ist, dass der Zombiefilm sich nicht um die Untoten dreht. Die wandelnden Toten sind ein Mittel zum Zweck. Sie isolieren die Charaktere, spitzen die Lage zu, in der diese sich befinden, und zwingen sie zu Entscheidungen. Sie erzeugen Notlagen und Stress. Außerdem eliminieren sie die lästig zuverlässige und zuverlässig lästige Moderne. Achte mal darauf, wie populär auf einmal Rückbesinnungsfantasien geworden sind und wie viele Medien auf einmal den Rückgriff auf die 80er und 90er bevorzugen. Die Moderne ist für viele Menschen kaum noch als Ganzes zu begreifen. Alles ist vernetzt, Informationen sind schnell verfügbar, Ressourcen im Überfluss. Die Zombie-Katastrophe eliminiert das, wahlweise kurzfristig und lokal oder langfristig und global.

Die eigentliche Geschichte aber dreht sich dann letztlich um die Menschen. Zombie-Apokalypsen sind kein realistisches Szenario. Allein natürlich, weil es eben gar keine Zombies gibt. Sie sind aber auch kein plausibles Szenario. Nicht einmal innerhalb ihrer selbst. Jeder auch nur ansatzweise simulationistische Ansatz im Umgang mit Zombies führt das Konzept ad absurdum. Zombiewelten funktionieren nur als Kulisse für eine Geschichte, in deren Mittelpunkt eben gerade nicht die Zombies stehen, sondern die Überlebenden.

Der Zweck von Zombies im Spiel …

Im Spiel sieht das anders aus. Auch hier stehen die Menschen oft im Mittelpunkt, aber es ist im Spiel nicht mehr so zwingend der Fall wie in Film, Roman oder Fernsehen. Oft steht auch das Spiel selbst im Mittelpunkt des Spiels. Bei vielen Shootern stehen beispielsweise die Shooter-Mechanismen im Vordergrund, die Auswahl verschiedener Waffen, die Taktiken oder die Qualität von Grafik, Engine und Soundtrack. Ein Zombie-Shooter PC-Spiel kann hervorragend funktionieren, ohne nennenswerte Story und ohne interessante Charaktere. Resident Evil, aka. Biohazard, hat das grandios bewiesen. Nichts in diesen Spielen ergibt einen Sinn, und die meisten Charaktere sind nicht mehr als ein Outfit, eine Waffe und manchmal noch eine Sonnenbrille, zuzüglich einer Portion „Liam! Hilfe!“, etwas „MuhuhuHAHAHA!“ oder eines „Grrrr ….! ARR!“

Wie bei Computerspielen, so sieht es auch bei Brett- und Rollenspielen aus. Zumindest, was den gamistischen Aspekt angeht, also den Teil des Rollenspiels, der mit Regeln, Würfeln, Taktik und der Ermittlung von Ergebnissen zu tun hat. Die meisten Rollenspiele haben schließlich Regeln für Kämpfe, und es kann ggf. Spaß machen, diese Regeln zu verwenden.

… und im Rollenspiel

Der Zweck von Zombies im Rollenspiel, über die reine Konfrontation im Rahmen der Kampfregeln hinaus, ist letztlich der gleiche wie bei Romanen, TV-Serien oder Filmen. Ein Zombie-Abenteuer oder –Setting reduziert Elemente der Moderne, spitzt die Situation der Protagonisten zu und schränkt vor allem den Maßstab der Schauplätze ein, indem es freie Bewegung erschwert. Es kann auch Zeitdruck erzeugen, was wiederum bei Kurzabenteuern vorteilhaft sein kann.

Als Gegner werden Zombies und alle anderen Arten von Untoten vor allem verwendet, weil sie ein gewisses Maß an Grusel mit moralischer Unbedenklichkeit kombinieren. Einen Untoten kann man nicht töten. Man kann ihn nur zerstören. Tot ist er ja bereits. Dass es sich mal um eine Person gehandelt hat, spielt keine Rolle, denn die Spielenden haben diese Person oft genauso wenig gekannt wie die Charaktere, die sie spielen.

Zusätzlich sind Untote oft keine besonders starken Gegner, sodass sie sich in Stufensystemen besonders für Anfängercharaktere eignen und auf hohen Stufen als Schwert- und Kanonenfutter fungieren können.

Das größte Problem mit Zombies im Rollenspiel

Viele Dinge, die in Filmen und TV-Serien funktionieren, oder in Romanen, scheitern phänomenal im Rollenspiel. Oft liegt das daran, dass Rollenspiele etwas vollkommen Einzigartiges sind und nur in einigen Bereichen den Regeln anderer Medien folgen. Im Mittelpunkt jedes Rollenspiels steht, wie du vermutlich längst weißt, die Entscheidungsfreiheit der Spieler. In manchen Spielen und in bestimmten Settings reicht diese Entscheidungsfreiheit weiter als in anderen. Ein Rollenspiel ist aber nur dann ein Rollenspiel, wenn die Spielenden daran aktiv mitwirken dürfen und eigene Ideen und Gedanken in das Spiel einfließen lassen können. Warum ist das ein Problem für Zombies? Nun, lange Rede, kurzer Sinn: Rollenspieler sind selten so dumm wie Charaktere in Zombiegeschichten.

Zombies sind echt, echt dumm

Nahezu jede Form von Zombiestory hängt zu einem gewissen Teil an dem seidenen Faden, dass die Protagonisten kaum klüger handeln als ein Toastbrot. Es ist extrem selten, dass dies nicht der Fall ist, und auch beliebte Serien und Filme lösen sich auf der molekularen Ebene auf, sobald man versuchen würde, sie nachzuspielen.

Selbst ein einzelner Spieler hat vermutlich zehnmal so viele gute Ideen, wie sämtliche Protagonisten in ABCs „The Walking Dead“ über alle Staffeln hinweg aufaddiert hatten. Das fängt bereits bei so simplen Dingen wie der besten Bewaffnung an. Ich kenne keinen Spieler, der ernsthaft auf die geradezu zombiehaft dumme Idee kommen würde, Messer als Waffe auch nur in Erwägung zu ziehen. Von allen denkbaren Waffen ist ein Messer mit sehr viel Abstand die unsinnigste Wahl. Dennoch werden staffelweise die Untoten mit Messern angegangen. Ich habe viele Spieler zu diesem Thema befragt, und ihr erster Impuls war bei Nahkampfwaffen praktisch immer der gleiche: Stangenwaffen. Warum? Weil man schön auf Distanz zu diesen kratzenden, beißenden Monstern bleiben kann.

Regelmäßig neue Beiträge & Fantasy-Karten

Spieler teilen sich nicht auf

Spieler teilen sich auch nicht sinnlos auf, wenn es keinen guten Grund dazu gibt, und sie lagern bevorzugt an gut zu verteidigenden Orten. Wenn sie auf Reise gehen müssten, würden sie zusehen, die richtigen Fahrzeuge zu benutzen. Und machen wir uns nichts vor: Die stehen bei einer Zombie-Apokalypse ja eh überall herum.

Hinzu kommt noch ein Problem: Die meisten Rollenspieler denken grundsätzlich als Team. Klar, es gibt Taschenlampenfallenlasser und PvP-Enthusiasten, aber die sind selten.

Wenn du also eine Zombiegeschichte spielen willst, dann solltest du vorher mit deinen Mitspielern über dieses Thema sprechen. Einigt euch, ob ihr Klischees bedienen oder frei in einer Sandbox spielen möchtet. Man kann das Spiel mit Klischees übrigens auch gamistisch verwenden. Zum Beispiel, indem jemand am Spieltisch, der absichtlich etwas an sich Dummes, aber super Klischeehaftes tut, einen Klischee-Punkt bekommt. Diese Punkte kann man dann ja vielleicht sammeln und als Bonus für irgendwas verwenden. Zum Beispiel, um einen Würfelwurf zu verbessern oder um ganz direkt einmal dem Tod von der Schippe zu springen. Das hängt davon ab, welches System du spielst, aber ich bin sicher, dass dir etwas einfällt.

Wie kann man Zombies interessanter gestalten?

Die meisten klassischen Zombies sind ziemlich langweilig. Egal ob sie nun lautstark nach Hirn verlangen (oder nach Gangbang): Zombies sind oft nicht mehr als schlurfende Schwachköpfe. Die Story dreht sich, wie bereits gesagt, eben nicht um die Untoten. Es geht darum, dass Lebensmittel knapp sind (weil Zombies!), Medikamente benötigt werden (weil Zombies!) oder die Straßen nachts nicht sicher sind (weil Zombies!). Spannend wird das durch die Frage, wie die Überlebenden damit umgehen. Was ist der Sheriff zu tun bereit, um das Leben seiner kranken Schwester, die an chronischem Nierenversagen leidet, zu retten? Was macht der Kleinganove, der eigentlich die Bank überfallen wollte (oder das bereits getan hat), in einer Welt, wo auf einmal das Recht des Stärkeren zu herrschen scheint? Nutzt er die Chance und schwingt sich zu einem legitimen (oder illegitimen) Anführer auf oder überfällt er andere Überlebende, um nun Essen, Schmuck und Annehmlichkeiten zu stehlen, anstelle von Geld?

All das macht aber die wandelnden Toten für sich noch nicht spannender, aber es gibt einige Tricks, die das bewerkstelligen können.

Humor statt Horror

Bezug. Oder wie ich immer sage: Kontext, Kontext, Kontext! Wer sind die Untoten, mit denen man es im Spiel zu tun bekommt? Sind es Hobo-Zombies? Wurde ein Golfclub mit Millionären zombifiziert? Sind alle Zombies sonderbarerweise Saarländer? Oder Hipster? So etwas ermöglicht es, sozialen Kommentar in das Spiel einzubringen. Oder Humor.

Onkel Fido!

Oder man arbeitet in Richtung von emotionalem Drama, wenn die Untoten eine besondere Signifikanz für die Protagonisten als Menschen hatten. Es ist etwas anderes, von anonymen Zombies bedroht zu werden, als wenn es die eigene Familie oder Freunde sind. Auch weil man in der Wahl der Verteidigungsmittel eventuell zurückhaltender ist, wenn ja vielleicht doch eine Chance auf Heilung besteht. Das erfordert allerdings sehr immersionsfreudige Spieler und idealerweise auch einen Vorlauf, um emotionale Bindungen aufzubauen.

Besonders geeignet sind hier auch die grausameren Zombie-Varianten, also Pilz- und Nanozombies (dazu mehr im nächsten Artikel). Den scheinbar (oder tatsächlich) unaufhaltbaren Verfall eines geliebten Menschen zu erleben, kann sehr dramatisch sein. Hier sollte man aber aufpassen, dass es einigen Spielern nicht zu viel wird. So eine Geschichte kann schnell unter die Haut gehen und Mitspieler mit Themen konfrontieren, die sie nicht behandeln möchten.

Maßgeschneiderte Zombies

Dann ist da die taktische und gamistische Ebene, die man anspielen kann, wenn man es mit gefährlicheren Zombie-Varianten zu tun hat. Wut-Zombies, wie in 28 Days Later, zum Beispiel. Man kann die meisten Zombiearten aber auch dadurch gefährlicher machen, indem man die Menschen klug wählt, aus denen sie hervorgingen. Was, wenn die Zombieseuche auf einer Armee-Basis ausgebrochen ist und alle Untoten der ersten Generation Soldaten sind? Was, wenn sie keine völligen Faul-Deppen geworden sind, sondern ein gewisses Maß an ihren taktischen Fähigkeiten behalten haben? Vielleicht tragen die Toten sogar Schusswaffen und sind imstande, sie, wenn vielleicht auch ungeschickt, einzusetzen? Das ändert eine ganze Menge und bringt deinen Mitspielern vielleicht genau die Würze auf den Tisch, die ihnen sonst fehlen würde.

The Walking Dead hat dieses Konzept ganz unmittelbar am Anfang angeschnitten, mit der Einführung etwas klügerer Zombies, die als Anführer und Spotter der Horde fungieren können. Nur hat The Walking Dead diese Idee dann einfach wieder vergessen und nie wieder erwähnt, geschweige denn jemals wirklich interessant genutzt.

Die Infektion

Und dann ist da ja auch noch die Infektion an sich, so es denn überhaupt eine ist. Wie wird ein Mensch zum Zombie? Verbreitete es sich durch die Luft, Berührung, Biss? Kann man immun sein? Und viel wichtiger: Kann man etwas dagegen tun? Wenn Antibiotika oder Fungizide beispielsweise helfen, dann gibt es ein Ringen um diese Mittel. Vor allem aber ist ein Kratzer oder ein Biss dann kein zwingendes Ende des Charakters, sondern Aufhänger für mehr Drama.

Zusammenfassung

Zombies haben einen Zweck: Die wandelnden Toten isolieren die Charaktere, spitzen die Lage zu, in der diese sich befinden, und zwingen sie zu Entscheidungen. Sie erzeugen zudem Notlagen und Stress. Außerdem eliminieren sie die lästig zuverlässige und zuverlässig lästige Moderne, die alles komplizierter macht!

Zombies haben im Rollenspiel den Vorteil, dass sie ein wenig Grusel mit moralischer Unbedenklichkeit kombinieren. Sie bieten sich für Splatter-Horror gut an.

Leider haben sie auch so ihre Nachteile. Unter anderem, dass sie unsäglich dämlich sind! Eine Gruppe Spieler kann sie jederzeit problemlos outsmarten. Man muss sich also vorher einmal über Genre-Klischees und Tropes unterhalten, damit klar ist, wie man damit umgehen will.

Die größten Bedrohungen in Zombiegeschichten sind darum ja auch gar nicht die Zombies, sondern stattdessen Lebensmittelknappheit, Medikamente, die fehlen, und Straßen, die man nachts nicht benutzen kann. Die Charaktere sollten hier Zwänge und Notwendigkeiten mitbringen, die sie zu Risiken zwingen.

Man kann stilistisch viel tun, um die Spannung zu erhöhen. Von Humor über persönliche Bindungen bis hin zu maßgeschneiderten Zombies, die noch Fähigkeiten ihres alten Selbst mitbringen, ist hier vieles möglich. Auch die Verbreitungsart spielt eine Rolle.

Mehr zu verschiedenen Zombiearten beim nächsten Mal!

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