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Alltagsleben in London um 1750 – Steine & Schmutz, Londons Straßen – Geschichtskrümel 66

Lesezeit: 6 Minuten
Alltagsleben London 1750 London Bridge Cover
Die London Bridge war vor ihrer Erneuerung im 19. Jh. vollgestopft mit Häusern. Marktstände, Bettler und andere fanden sich an dieser Engstelle über die Themse zusammen.

Alltagsleben, das kommt im Geschichtsunterricht oft etwas zu kurz, ist aber gerade für Tagträumer, Geschichtenschreiber und Pen & Paper Rollenspieler ein wichtiger Aspekt, um einem Schauplatz den letzten Schliff zu geben.

Das Herz der westlichen Welt schlug ab dem 18. Jh. zunehmend in London, der Hauptstadt des British Empire. Das aufstrebende Großbritannien war im Begriff, der spanischen Monarchie den Titel als das „Weltreich, in dem niemals die Sonne untergeht“ abzunehmen, seine Soldaten reisten von der Karibik bis in das weit entfernte Indien. London selbst hatte je nach Deutung ca. 650‘000 Einwohner. Damit stapelten sich fast 10% der Bewohner Englands in der Hauptstadtregion.

Um 1750 waren seit dem großen Feuer vom London etwas mehr als 80 Jahre vergangen. Da wirtschaftliche Interessen vorangestellt worden waren, hatte man die ehemaligen Straßenverläufe weitgehend unverändert so wiederhergestellt, wie sie zuvor gewesen waren, statt die Chance zu nutzen, die alten, gewachsenen Strukturen zu ersetzen.

Zusätzlich hatte das Bestreben der Könige, die Stadt „in ihren Mauern“ zu halten, dafür gesorgt, dass die Hauptstadt sich nach innen verdichtet hatte und nun aus einer Myriade von winzigen Gässchen und dicht aneinander gedrängten Häusern bestand. London war also keine elegante Metropole eines modernen Weltreichs, wie Paris es zumindest teilweise für sich in Anspruch nehmen konnte, sondern die größte Stadt der Welt in einer Zeit, wo moderne Kanalisation und Straßenbeleuchtung noch 100 Jahre auf sich warten ließen, was immer wieder zu Epidemien wie beispielsweise der Cholera führte.

Karte von London, John Rocque 1746
London wurde dominiert von einigen alten Straßen aus der Römerzeit und von der Themse, die, von wenigen Brücken wie der London Bridge und der Westminster Bridge abgesehen, nur auf Booten überquert werden konnte. Eine hochauflösende, zoombare Karte findest du hier bei der Uni Bern. Viel Spaß beim Erkunden.

Die Straßen der Stadt

Apropos Kanalisation. Auch die Sauberkeit der Straßen variierte deutlich, denn London war eben keineswegs zentralisiert und hocheffizient organisiert. Stattdessen lagen viele Aufgaben bei den kirchlich organisierten Gemeinden (den sog. „Parishes“) innerhalb der Stadt. Diese unterschieden sich nicht nur in ihrer Größe und der Einwohnerzahl, sondern auch in ihrem Einkommen. Bei ihnen lagen unter anderem Aufgaben wie die Müllabfuhr und die Straßenreinigung.

Die Parishes von London ca. 1870
Die Civil Parishes unterschieden sich nicht nur in ihrer Größe, sondern auch in ihrer Bevölkerungsdichte. Arme und reiche Parishes waren gleichermaßen für ihre Verwaltung verantwortlich, nur, dass die einen Geld hatten und die anderen nicht! Die Stadt als gesamtes, hatte mit der öffentlichen Versorgung kaum etwas zu tun.

Die guten Gegenden wie St. Michael Bassishaw beinhalteten dann 142 stabile und hübsche Stadthäuser von wohlhabenden Kaufleuten, die sowieso selbst dafür sorgten, dass der Müll sich nicht vor ihrer Haustür stapelte.

Andere Gemeinden wie Portsoken Ward mit dem Whitechapel Market wiederum mussten sich um 1385 Wohnhäuser kümmern. Dafür gab es gerade einmal vier Straßenkehrer und Müllabholer.

Der legendäre Londoner Straßenschmutz

In der Theorie kam diese Müllabfuhr einmal am Tag – außer sonntags und an Feiertagen – vorbei, um den Hausmüll und Schmutz abzuholen. Dann bimmelten sie mit ihrer Glocke und warteten, dass die Leute ihren Unrat herausbrachten. Es war schließlich verboten, Müll vor dem Haus zu lagern, geschweige denn, ihn vor einem anderen Haus oder gar einer Kirche loszuwerden.

In der Theorie. In der Praxis waren die Londoner Straßen derart überladen mit Schmutz, Asche, Unrat, Exkrementen und Tierleichen, dass der gelatineartige Londoner Straßendreck bei den Gärtnern von Market Garden ausgesprochen beliebt war als Dünger und dafür wohl auch hervorragend taugte.

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Benjamin Franklin besuchte 1742 London und hinterließ uns einen Bericht seiner Eindrücke. Waren die Straßen trocken, dann wurden sie nicht gefegt. Waren sie hingegen nass, dann konnte man die Straßen nur dort ohne Querelen und Beschmutzung der eigenen Kleidung sinnvoll überqueren, wo arme Leute sich einen Pfad gekehrt hatten.

Ein Problem war dabei auch die Gosse in der Mitte der Straße. Ein tiefer Kanal, der in der Theorie Schmutz und vor allem die Toilette davontragen sollte. In der Praxis lief man gerne einmal Gefahr, zu stürzen. Alternativ musste man den oben erwähnten dickflüssigen Schmutzmischmasch ertragen. Dieser kam daher, dass arme Leute oder Bedienstete alles Mögliche dort entsorgten. Schmiss man aber erst einmal Asche mit Dung, Stroh, dem Toiletteninhalt und Tierleichen zusammen und warf noch kaputte Ton- und Glasgefäße hinterher, dann war die Gosse zügig völlig verstopft.

Der Straßenbelag und andere Gefahren

Für den Belag der Straße war jeder Bürger selbst verantwortlich. Ein Hausbesitzer war verpflichtet, die Straße vor seiner Immobilie bis zur Mitte der Straße in Schuss zu halten. Natürlich kümmerten sich die wenigsten tatsächlich anständig darum, sodass die Wege manchmal mehr Schlagloch denn Straße waren. Lockere Steine mit Wasser darunter, welches beim Drauftreten hochspritzte und die weißen Strümpfe beschmutzte, nannte man im Jargon der damaligen Zeit eine „beau trap“, also eine „Schönlingsfalle“.

Die Wasserversorgung

War eine Straße ausnahmsweise doch halbwegs in Schuss, dann konnte man sich darauf verlassen, dass irgendwann eine der städtischen Wasserversorgungsfirmen kam und sich darum kümmerte, das zu ändern. Die New River Company allein besaß fast 400 Meilen (ca. 644 km) an unterirdischen Holzkanälen. Wie Holz eben so ist, geht es irgendwann kaputt. Wann immer die Arbeitskraft dazu verfügbar war, renovierte die Firma ihre Kanäle. Eigentlich waren sie verpflichtet, die Straßen, die sie für ihre Arbeiten großflächig aufrissen, danach wiederherzustellen, nur taten sie das oftmals einfach nicht.

Im Winter waren die Straßen auch nicht sicher, denn immer wieder froren die Bleileitungen, welche in einigen Bereichen die Stadt mit Wasser versorgten, ein. Oftmals platzten sie dann und bedeckten die Straßen erst mit kaltem Wasser und bald darauf mit einer Eisschicht.

Die Straßenbeleuchtung

Kannst du erraten, wer für die Straßenbeleuchtung zuständig war? Drei Versuche …

Die Antwort: Genau wie bei den Straßenbelägen war das die Aufgabe der Anwohner. Das führte dazu, dass London ein düsteres Pflaster war und nachts die Taschendiebe und andere Ganoven leichtes Spiel hatten. Es gibt einen guten Grund, warum es in den Städten des Mittelalters üblich war, dass die Nachtwachen jeden Ansprachen, der keine Laterne bei sich trug!

Das große Aufräumen

1760 änderte sich all das, als die Wohlhabenden der Stadt plötzlich feststellten, dass sie die Stadt derart vernachlässigten, dass sie Geld zu verlieren drohten durch Abwanderung in Nachbarstädte. Man beschloss eine große Aufräumaktion.

Nicht nur wurden die traditionellen Schilder der Tavernen verboten, die immer wieder herunterfielen, sodass fortan alle Beschilderung direkt an die Fassade gehörte; es wurde auch ein Beauftragter für Kanalisation und Straßenbeläge eingesetzt. Fast 30 km Granit wurden aus Schottland herangeschafft und ausgelegt und mit einer Extrasteuer finanziert. Granithart hielt der neue Belag einiges aus, auch wenn er in Verbindung mit den eisenbeschlagenen Karrenrädern ein nerviges Kreischgeräusch produzierte.

Mancherorts wurden dabei auch die zentralen Kanäle durch zwei kleinere Gossen am Rand ersetzt, wozu Benjamin Franklin ebenfalls eine Meinung hatte: Nun war der Wasserdruck durch das Regenwasser nicht mehr groß genug, um den Unrat fortzutragen, und man lief Gefahr, dass ein vorbeifahrender Wagen einen vollspritzte.

Inspektoren wurden eingesetzt, um die Reglemente durchzusetzen. Die Wasserbetriebe mussten nun jede geplatzte Leitung und jedes Auslaufen sofort melden. Auch die Beleuchtung war nun eine öffentliche Angelegenheit. Einige Gemeinden heuerten auch direkt Unternehmen an, die sich fortan um die Beleuchtung kümmerten. Andere hingegen sorgten durch Kontrolle, Anweisungen und Unterstützung dafür, dass die Bewohner ihre Pflichten wahrnahmen und Lampen aufhängten.

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Geschichtskrümel“ ist eine wöchentlich erscheinende Serie aus Kurzartikeln. Sie soll Autoren, Spielern und Spielleitern als Anregung dienen und Inspiration fürs Rollenspiel oder Geschichten bieten. Die Geschichtskrümel drehen sich um historische Ereignisse oder Themen, über die ich in meinem Alltag stolpere. Sie sind manchmal lehrreich, manchmal skurril und manchmal einfach nur lustig.

Quellen:

  • Parish Map von Doc77can, CC BY-SA 3.0.
  • Picard, Liza. Dr. Johnsons London. Everyday Life in London 1740–1770. London, 2003.
  • Rocque, John. A plan of London. London, 1746. Digitalisat der Uni Bern. (MUE Ryh 2101:13)
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