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Vom Kerker zum Gefängnis – mittelalterlicher Strafvollzug – Geschichtskrümel 60

Lesezeit: 8 Minuten
Das Gefängnis „Le Stinche“ in Florenz ist wohl das erste Gefängnis Europas, das man mit Fug und Recht als waschechte Haftanstalt betrachten könnte.

Kerkerzellen und dunkle Türme waren vielerorts noch das gesamte Mittelalter hindurch die Orte der Wahl, um Leute einzusperren. Doch ab ca. dem 13. Jh. änderte sich die Strafpraxis für soziale Abweichler und Verbrecher langsam von einer Doktrin der Auslöschung zu einer Doktrin der Einhegung.

Das hieß nun nicht, dass die Todesstrafe oder die Verbannung verschwand. Beides blieb der Kern des Strafwesens! Jedoch professionalisierte sich der Strafvollzug in einigen Städten, sodass ab der Renaissance vielerorts so etwas wie eine geregelte Haft möglich war. Es wurden Aufsichtspersonen eingestellt, Verantwortlichkeiten zugewiesen, Regeln und Fixpreise festgelegt und die Wachen nicht länger von den Gefangenen bezahlt, sondern von der Stadt selbst.

Wie bei den Universitäten oder anderen gesellschaftlichen Kulturleistungen waren hierbei die italienischen Städte Vorreiter in Europa. So auch beim Aus- und Aufbau von regulären Gefängnissen, von denen es anderswo noch bis in die Renaissance kaum welche gab. Die Idee der Resozialisierung ließ noch eine Weile auf sich warten – erste Ansätze davon zeigten sich im Rasphuis und im Spinhuis in Amsterdam, die erst 1596 errichtet wurden. Das Ziel von Strafen war noch lange, nun, das Bestrafen und das Abwaschen der Sünde.

Gefängnisse als Symbol eines gesellschaftlichen Wandels

Jemanden zur Strafe einzusperren, war etwas Neues. Es markierte einen Wandel von dem weiter oben beschriebenen Konzept der Auslöschung durch Todesstrafe und Verbannung hin zur Einhegung. Die Gefängnisse inmitten der Stadt, welche in einigen Städten Italiens errichtet wurden, brachten die Gefangenen hinein in das Gemeinwesen, anstatt dass man sie an den Rändern oder gar außerhalb der Stadt verstreut einkerkerte.

Der Abweichler wurde innerhalb der Stadt eingeschlossen und blieb so ein Teil der Gemeinschaft, bis er seine Strafe abgesessen oder seine Schulden bezahlt hatte. Er konnte dabei auch mit anderen Bürgern in Kontakt treten, und sei es durch die Gitterfenster. Auch wurden Gefangene oftmals zu Feiertagen hinausgelassen. Sie waren also keine Ausgestoßenen!

Die Verbrechen oder Vergehen blieben im Spätmittelalter die gleichen wie früher auch schon, nur dass die italienischen Stadtrepubliken nun die Hoheit über den Strafvollzug stärker an sich zogen. Ebenso wie bei den Schandstrafen war dem Staat daran gelegen, eine ordentliche Verwaltung zu gewährleisten und private Gerichtsbarkeit oder Fehden und Duelle zu verdrängen. Die Obrigkeit übernahm dadurch auch Verantwortung für die Gefangenen, denn diese wurden ja nicht ausgestoßen. Die Verwaltung entwickelte sich jedoch ebenso graduell wie die Gefängnisse selbst.

Alles noch irregulär: Die Anfänge

Den Beginn für eine zentralisierte Haft stellte vielerorts der Aufbau und Ausbau von Gefangenentrakten innerhalb der Verwaltungsgebäude der Stadtrepubliken dar. Nach und nach wurden einzelne Zellen eingerichtet, die sich dann zu eigenen Gefängnisstrakten innerhalb des „Palazzo Publico“ entwickelten. Oft kamen auch irgendwann Frauenzellen hinzu, und es wurden verschiedene Bereiche für verschiedene Typen von Straftätern eingerichtet.

So mussten Untersuchungshäftlinge oder Schuldner ihre Zellen nicht mit verurteilten Vergewaltigern, Mördern oder Häretikern teilen. Die einen waren Verbrecher – die anderen waren Bürger der Stadt, die sich in einer Art Beugehaft befanden. Der Unterschied ist wichtig, denn Bürger der Stadt sind weiterhin vernetzt mit den Leuten außerhalb des Gefängnisses und sind eben gerade nicht sozial ausgestoßen – sondern nur eingesperrt. Dass das in der Praxis immer klappte, ist nicht anzunehmen. Doch der Ansatz war vorhanden.

Beispiel 1: Der Dogenpalast von Venedig

Die Seufzerbrücke verbindet den Dogenpalast und das neuen Gefängnis.

Ein Beispiel für so eine graduelle Entwicklung ist der Dogenpalast in Venedig. Vor seinem Ausbau gab es Zellen in den sestieri von Venedig (die 6 Distrikte der Stadt). Außerdem ein Schuldgefängnis bei der Rialtobrücke und Zellen in und um den Dogenpalast, die spätestens ab 1173 nach und nach von der Stadt zugekauft wurden.

Im 13. und 14. Jh. begann das Konzil der Zehn, das Herrschaftsgremium der Republik von Venedig, weitere Räume im Dogenpalast zu bauen. Das Erdgeschoss des Südflügels war irgendwann vollständig zum Gefängnis umgebaut. Ebenso wurde ein Gefängnistrakt unter dem Dach des Ostflügels errichtet, der unter anderem einen Bereich für Frauen beinhaltete. Einige Jahrzehnte später wurde das Dachgeschoss weiter ausgebaut, um Platz für Untersuchungshäftlinge zu bieten, die man nicht mit den regulären Gefangenen mischen wollte.

Mehr Leute, mehr Zellen und ein neues Gebäude

1540 kamen dann noch die neuen Räume im Erdgeschoss des Ostflügels dazu, welche den traurigen Spitznamen als Pozzi (die Brunnen) verliehen bekam, denn sie waren dunkle und feuchte Kerkerzellen. Da der Bedarf ständig anwuchs, folgte der erneute Aus- und Umbau des Dachgeschosses im Ostflügel 1591, wobei der Trakt als Piombi (die Bleikammern – Zellen direkt unter dem mit Blei bedeckten Dach des Palastes) bekannt wurde – im 18. Jh. entfloh von hier dann übrigens Giacomo Casanova!

1610 wurde das neue Gefängnis nach langen Verzögerungen errichtet, doch die alten Räumlichkeiten wurden noch lange weiter benutzt, wie Casanovas Beispiel zeigt. Die alten und die neuen Gefängnisräume waren über die Ponte die Sospiri («Seufzerbrücke») miteinander verbunden, die den kleinen Kanal zwischen dem alten und dem neuen Gefängnis überspannte.

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Beispiel 2: Le Stinche in Florenz, eine echte Haftanstalt

Eine perspektivische Zeichnung der Umgebung von Le Stinche. Der trapezförmige Bau ist gut zu erkennen.

Nachdem in Florenz die guelfische Fraktion der Bürgerlichen das Ruder endgültig übernommen hatte, kam es zu einer Konsolidierung der Städterepublik. Die Oligarchie war bezwungen, und das hatte nun auch symbolische und praktische Folgen für die Kerkerhaft, und zwar durch den Bau der ersten zweckgebunden ausschließlich als Gefängnis errichteten Haftanstalt in Europa: Le Stinche.

Ab 1299 wurde der Bau begonnen, und die verschiedenen Gefängnisse der Stadt wurden in einem Gebäudekomplex zusammengeführt. Das Gefängnis symbolisierte in seiner Gesamtheit den Sieg der Republik über die Oligarchie. So wurde das Gefängnis auf einem Gelände errichtet, das vorher der Ghibellinen-Familie der Uberti gehört hatte, dann aber von der Republik konfisziert worden war. Viele der Steine, aus denen man den Komplex baute, stammten von ehemaligen Geschlechtertürmen mächtiger Familien.

Sogar der Name selbst war symbolisch! Das Gefängnis war benannt nach Le Stinche, einer Festung der Ghibellinen-Fraktion, der politischen Gegenspieler der Guelfen. Diese Festung wurde 1304 erobert, und ihre Garnison saß sogar zeitweise in dem Gefängnis ein, welches nach ihrer eigenen verlorenen Burg benannt war.

Alles neu, alles anders!

Doch was war anders an Le Stinche? Kurz: Alles! Fast von Anfang an hatte dieses Gefängnis eine fest angestellte Belegschaft, die aus der Stadtkasse bezahlt wurde. Es gab drei oder vier Aufseher, bis zu sechs Wachen, einen Kämmerer, einen Schreiber und zwei Mönche, welche sich um das Seelenheil der Gefangenen kümmerten. Zusätzlich gab es einige externe Kräfte, welche Dienste verrichteten. Unter anderem einen Priester, einen Wasserträger, einen Arzt und einen Knecht, der die Leichen von verstorbenen Insassen wegschaffte.

Auch gab es so etwas wie eine Aufsicht! Jeder der vier Distrikte der Stadt stellte ein Mitglied für das Aufsichtskomitee. Dieses Gremium arbeitete auch mit den beiden Mönchen zusammen, um Spenden für die Insassen aufzutreiben und zu verteilen. Zum Ende des 14. Jh. kam auch noch ein ausgebildeter und fest angestellter Gefängnisvorsteher dazu, der die sonst in Kerkern so übliche Korruption weiter einhegte.

Sieben Trakte, alles unter einem Dach

Das Gefängnis entwickelte sich rasant, und 1358 umfasste es sieben Trakte: das alte Gefängnis, das neue Gefängnis, den Frauentrakt, den oberen und den unteren malevato sowie die Krankenstube und den Trakt für die Magnaten. Bis 1308 waren die Magnaten noch in einem eigenen Gefängnis eingesperrt worden, doch nur schon aus symbolischen Gründen, wurde das geändert und der Magnaten-Trakt in Le Stinche errichtet.

Das Personal

Die ersten Jahrzehnte gab es noch Scherereien mit dem Gehalt, doch nach einem halben Jahrhundert hatte sich die Verwaltung eingependelt. Le Stinche übernahm dann auch zusätzlich weitere Funktionen für die Stadt. Der Gefängnisarzt war gleichzeitig der Armenarzt der Stadt und stellte die Versorgung von Verstümmelten sicher, denn das war ja weiterhin Teil des Strafrepertoires der Obrigkeit. Auch der Einbezug dieses Arztes stellte so gesehen eine Modernisierung dar und leistete einen Beitrag zur medizinischen Versorgung der Stadt!

Aufseher, Schreiber und Kämmerer arbeiteten alle nur eine Amtszeit von einem Semester bzw. einem Jahr im Gefängnis. Die anderen Angestellten hingegen blieben oft sehr lange, beispielsweise war von 1374 bis 1392 der gleiche Mann der Wasserträger des Gefängnisses, und auch die Mönche blieben oft über ein Jahrzehnt, ebenso die Ärzte. Die lange Dienstzeit der Angestellten im unteren und im mittleren Dienstbereich erlaubte es auch, dass sich Erfahrungsschätze ansammelten, was den regelmäßigen Wechsel der oberen Beamten erst ermöglichte. Das, was wir heute als institutionelle Intelligenz kennen.

Ein For-Profit-Prison

Le Stinche war jedoch nicht nur da, um das Recht durchzusetzen. Ebenso verdiente die Stadt Geld damit – wenn auch nicht viel. Dabei war Le Stinche übrigens eine Ausnahme. Jeder Gefangene musste, genau wie es auch anderswo üblich war, für seine Einsperrung bezahlen. Der Preis war abhängig vom sozialen Stand und vom Einkommen.

Außerdem konnten Gefangene sich eine Aufbesserung ihrer Umstände erwerben, und zwar durch das Zahlen des agevolatura-Geldes. Dadurch erhielten sie mehr Platz. Wer noch einmal ein wenig drauflegte, der zog in den malevato-Trakt und dort entweder in den oberen oder doch nur den unteren – je nachdem, was er sich leisten konnte.

Ein moderner Schuldturm

Da private Gefängnisse verboten worden waren, konnten Privatleute Le Stinche auch als Schuldgefängnis nutzen – für einen Preis, der prozentual abhängig war von den Schulden. Der Preis war doppelt so hoch, wenn die Stadt den Schuldner auftreiben und einsperren sollte und er nicht vom Gläubiger selbst angeliefert wurde.

Zusätzlich dazu machte das Gefängnis es der Stadt leichter, Strafzahlungen und Schulden auch tatsächlich einzuziehen, was ohne effiziente Leitung und Unterbringung nicht immer leicht war.

Eine eigene Jurisdiktion

Die Gefangenen und die Angestellten von Le Stinche unterlagen einer eigenen Gerichtsbarkeit, die sich direkt im Gebäude befand. Jede Woche hielt unter dem Dach des oberen malevato der zuständige Esecutore degli Ordinamenti di Giustizia Gericht. Die Strafen, die er verhängte, folgten einem eigenen Regelkatalog, der anderen Standards unterworfen war als jenen, die außerhalb der Mauern galten.

Die häufigsten Vergehen, die dokumentiert sind, waren Glücksspiel, Blasphemie, Trunkenheit, Raufereien und Sex. Alles davon war strikt verboten. Meistens verhängte der Esecutore Geldstrafen, die verglichen mit den üblichen Strafzahlungen außerhalb des Gefängnisses klein waren.

Zusätzlich überwachte der Esecutore auch das Verhalten der Angestellten. Er brummte ihnen Strafen auf, wenn Gefangene entkamen oder wenn sie Prostituierte in das Gefängnis ließen. Auch war er dafür zuständig, die Angestellten zu bestrafen, wenn sie irreguläre Gebühren erhoben oder Almosen stahlen. Obwohl nicht perfekt, war diese Form der Aufsicht weithin und lange Zeit einzigartig!

Konklusion

Die moderne Verwaltung des Le Stinche war europaweit vorbildlich und ausgesprochen fortschrittlich. Neben Aufsichtsgremien, fest angestellten Wächtern und Knechten sorgten auch der Arzt und die interne Gerichtsbarkeit für einen deutlichen Anstieg der Haftstandards. Gerade verglichen mit den Folterknechten, den Turmzimmern und den dunklen Löchern, die anderswo noch üblich waren. Es dauerte jedoch noch bis ins 18. und 19. Jahrhundert, bis der Staat langsam in der Lage war, Todesstrafe und Verbannung durch Haftstrafen zu ersetzen.

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Geschichtskrümel“ ist eine wöchentlich erscheinende Serie aus Kurzartikeln. Sie soll Autoren, Spielern und Spielleitern als Anregung dienen und Inspiration fürs Rollenspiel oder Geschichten bieten. Die Geschichtskrümel drehen sich um historische Ereignisse oder Themen, über die ich in meinem Alltag stolpere. Sie sind manchmal lehrreich, manchmal skurril und manchmal einfach nur lustig.

Quellen:

  • Abulafia, David, Hrsg. Italy in the Central Middle Ages. Short Oxford History of Italy. New York, 2004.
  • Blauert, Andreas, und Schwerhoff, Gerd, Hrsg. Mit den Waffen der Justiz. Zur Kriminalitätsgeschichte des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Frankfurt am Main, 1993.
  • Geltner, Guy. The Medieval Prison. A Social History. Princeton, 2008.
  • Irsigler, Franz, und Lassotta, Arnold. Bettler und Gaukler, Dirnen und Henker. Außenseiter in einer mittelalterlichen Stadt. 12. Auflag. München, 1989.
  • Lansing, Carol. The Florentine Magnates. Princeton, 1991.
  • Tlusty, B. Ann. The Martial Ethic in Early Modern Germany. Civic Duty and the Right of Arms. New York, 2011.
  • Foto Seufzerbrücke: Tony Hisgett from Birmingham, Wikimedia Commons, CC BY 2.0

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