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Als Freibeuter in fremden Häfen – französische Konsuln in Norwegen – Geschichtskrümel 58

Lesezeit: 10 Minuten
Coverimage Konsuln in Norwegen
Der East Indiaman Kent wird vom französischen Freibeuter Robert Surcouf attackiert und erfolgreich erobert. Das Freibeuterschiff Confiance kämpfte in Unterzahl von 1 zu 3 und gewann dennoch. Der Kampf fand am 7. Oktober 1800 statt (Darstellung von Ambroise Louis Garneray)

Ein Segelschiff, das braucht Pflege. Seile müssen ausgetauscht, Segel geflickt, Planken erneuert und Vorräte sowie Frischwasser aufgenommen werden. Dafür braucht ein Schiff vor allem eins: einen sicheren Hafen und für viele der Reparaturen auch einen Handelspartner vor Ort – gerade in der Fremde!

Ein sicherer Hafen, das ist übrigens nicht unbedingt eine Stadt mit Kaimauer, Werftbetrieb und allem Drum und Dran. Gerade außerhalb Europas kann das auch eine vor Wind und Wetter geschützte Bucht sein. Aber auch in unseren Breiten trifft das zu. Hauptsächlich die skandinavischen Länder verfügen mit ihren Fjorden über hervorragende natürliche Häfen. Das wussten ja auch schon die Wikinger.

Auch die französischen Freibeuter waren sich dessen bewusst, wenn sie mit einem Freischein der Krone Jagd auf feindliche Schiffe machten.

Die Lieblingsbeute des Franzosen zur See ist, na klar, der Engländer. Aber auch die Niederlande hatten so ihre Streitigkeiten mit ihrem Nachbarn im Süden. So oder so gab es regen Schiffsverkehr in der Nordsee. Englische und niederländische Schiffe wickelten beispielsweise zusammen 68% des relevanten polnischen Seehandels ab. Wollte also ein französischer Freibeuter sich eine fette Prise ergattern, war die Nordsee ein guter Jagdgrund. Der englische und der niederländische Ostseehandel mussten schließlich durch die Nordsee hindurch.

Durch den Kanal …

Doch auf dem Weg in die Nordsee gibt es ein Problem: den Ärmelkanal, der auf Englisch passenderweise English Channel genannt wird. Der Name beschreibt das Problem dabei ziemlich gut. Es gibt kaum Manövrierfläche, um feindlichen Kriegsschiffen auszuweichen, wenn man von der französischen Atlantikküste in die Nordsee durchbrechen möchte. Gleichzeitig ist der Kanal genau aus dem gleichen Grund ein guter Ort für die französischen Freibeuter, um zu jagen. Aber wenn ein Teil der Beute nach Norden ausweicht, dann folgt auch ganz natürlich ein Teil der Jäger.

Ist das Freibeuterschiff also erst einmal in der Nordsee angekommen, dann ist der Kanal ein ebenso großes Problem bei der Rückfahrt nach Frankreich. Es war also für die französischen Freibeuter nicht sehr attraktiv, diese Engstelle immer wieder zu passieren. Das Risiko trugen sie schließlich selbst, und sie mussten ihre Investoren zufriedenstellen, ihre hinterlegte Sicherheit zurückgewinnen und die Mannschaftsmitglieder bezahlen.

… und nicht wieder zurück

Einige von ihnen vermieden es also, zurück in die Heimat zu fahren. Nur, eigentlich waren sie doch verpflichtet, erbeutete Schiffe in Frankreich der Admiralität vorzuführen! Hier half zum Glück ein Schlupfloch in den Regularien: Verhinderten Feinde oder Wetter die Rückkehr, dann konnte die Prise auch anderswo angemeldet werden. Nämlich bei den Vertretern der eigenen Länder in den fremdem Häfen.

Vertreter der eigenen Nation in der Fremde

Franzosen in Norwegen, Hugenotten in den deutschen Ländern oder die Juden in ganz Europa. Lange vor der Syrienkrise lebten Volksgruppen als Minderheiten in anderen Ländern. Die Hussitenkriege hatten ihren Ursprung beispielsweise auch darin, dass die einheimische Bevölkerung Böhmens eine nationale Identität entwickelte, die den religiösen Konflikt zusätzlich mit einer nationalen Komponente auflud, bei der Tschechen sich gegen die deutschstämmigen Mitbürger stellten.

Fremde Länder, fremde Sitten

Fremde Städte und Gemeinwesen hatten andere Regeln, Normen, andere Gerichtsriten – und natürlich eine andere Sprache. Allein der erfolgreiche Fernhandel erforderte darum, dass Leute aus der eigenen Heimat anderswo lebten und dort halfen, den örtlichen Stolpersteinen auszuweichen und bei den unvermeidlichen Konflikten mit Rat und Tat einzugreifen.

Ein Stück Heimat

Die zugewanderten Minderheiten organisierten sich darum in ihren Gemeinwesen und boten eine Anlaufstelle in der Fremde. Eine ähnliche Funktion nahmen auch die Handelsgesellschaften oder die Nationen übergreifende Hanse ein.

So war in vielen Städten die lokale „deutsche“ Handelsniederlassung zu finden, ebenso wie es Niederlassungen anderer Nationalitäten gab. Dort konnten die Handelsfahrer ihre angestammte Sprache sprechen, oftmals Speisen essen, die sie lange missen mussten, und fanden so ein Stück Heimat in der Fremde.

Je vernetzter die Welt wurde, desto größer entwickelten sich auch die örtlichen Gemeinden von Angehörigen „fremder“ Nationen – und diese brauchten einen oder mehrere Vertreter ihrer Interessen. Viele wählten darum eine Art Bürgermeister für ihre Gemeinde, der sie gegenüber der Mehrheit im Gastland vertreten sollte. Auf genau dieser Tradition bauten die Staaten dann auf, als sie Beamte und lokale Vertreter im Ausland benötigten.

Prisen in fremden Häfen

Damit sind wir wieder bei unseren französischen Freibeutern, die es durch den Ärmelkanal in die Nordsee geschafft haben. Unser Kapitän erbeutete also eine fette Prise. Prima! Nun beauftragte er eine Skelettmannschaft seines eigenen Schiffes, das Prisenschiff in einen sicheren Hafen zu bringen. Das erhöhte den Druck weiter, die Distanz so gering wie möglich zu halten.

Das rechtliche Schlupfloch nutzend, entschied sich unser Kapitän also, das Schiff nicht nach Frankreich zu fahren, sondern einen neutralen Hafen anzusteuern. Sagen wir, in Norwegen, denn das war dafür noch bis ins 18. Jh. sehr beliebt. Norwegen war übrigens bis 1814 ein Doppelkönigreich in Form von Dänemark-Norwegen. Das Machtzentrum war dabei gerade im 17. und 18. Jh. in Kopenhagen.

Der Vorteil fremder Häfen

Für den Freibeuter hatten fremde Häfen einige Vorteile. Zum einen war die Kontrolle durch Prisengerichte deutlich lockerer. Zum anderen war es einfacher, Geld zu unterschlagen oder gar vor den Investoren geheim zu halten. Auch der staatliche Anteil konnte besser geschmälert werden, denn im Heimathafen konnten zusätzlich auch noch Steuern oder Abgaben fällig werden, die von der Prise unabhängig waren. Darum bevorzugten der Staat und die Investoren der Freibeuterschiffe es natürlich, wenn Schiffe zurück in den Heimathafen geschafft wurden, wie es die Regularien von 1681 auch vorsahen.

Zudem entband die Ankunft in einem fremden Hafen den Freibeuter nicht von der Pflicht, seine Prise anzumelden und prüfen zu lassen. Nur, die französische Admiralität hatte keine Vertreter vor Ort! Wollte der Freibeuter also keine Anklage wegen Piraterie riskieren, dann sollte es ein Hafen sein, der zumindest irgendeine Form von offizieller Vertretung hatte, um wenigstens die Formalien einhalten zu können.

Die Konsuln

Diese Vertretung kam in Form der Konsuln. Noch 1681, als die Ordonnance de la Marine verfasst wurde, war das französische Konsularnetzwerk eine private Sache, bei dem der Staat Zivilisten vor Ort mit Vollmachten ausstattete, ohne ernst zu nehmende Kontrolle ausüben zu können. Erst langsam baute der Staat seinen Einfluss über die Konsuln aus. Genau wie bei der Freibeuterei selbst galt hier erneut, dass sich private und staatliche Strukturen und Interessen vermischten.

Das Mittelmeer als Schablone

Die wichtigste See Europas war immer das Mittelmeer gewesen. Dort war das Konzept der Konsuln schon eine Weile etabliert, und mit den Reformen von 1681 war es nun legal, dass der König die Konsuln auswählte – und nicht mehr die französische Bevölkerung der jeweiligen Häfen! Das kam gleichzeitig damit, dass der Staat eine stärkere Verantwortung und auch Befehlsgewalt über seine Bürger in der Fremde für sich beanspruchte. Etwas, das mit der Idee des Nationalstaates einherging und das wir heute als selbstverständlich anerkennen.

Als sich im 17. Jh. der Fokus der Seekriegsführung Frankreichs aus dem Mittelmeer in den Atlantik und die Nordsee verschob, wurden dort ab 1650 die ersten Konsuln bestellt. Zur absoluten Hochzeit der Seekriege Frankreichs um 1700 gab es auch die ersten französischen Konsuln in Norwegen, nachdem die Engländer 1654 bereits einen Schotten als Konsul bestellt hatten.

Norwegens Rolle in den Seekriegen

Warum betone ich immer wieder Norwegen? Das hat mehrere Gründe. Zum einen war Norwegen in den Kriegen des 17. und 18. Jh. fast durchwegs neutral, was bedeutete, dass alle Länder diese Häfen nutzen konnten, und zum anderen war es strategisch günstig gelegen.

Viele englische und niederländische Fernfahrer, die aus der Karibik kamen, machten einen Umweg durch die Nordsee, um dem gefährlichen Ärmelkanal auszuweichen. In Norwegen – oftmals Bergen – füllten sie ihre Vorräte auf und reparierten die Schiffe nach der Atlantiküberfahrt, um dann den Sprint über die Nordsee anzugehen.

Das Gleiche galt für die Ostseefahrer, die mit Polen, den baltischen Staaten und Russland Handel trieben. Sie nutzten die norwegischen Häfen nach der Durchquerung des Kattegats, um dort ihre Schiffe zu flicken und auf gute Winde zu warten. Hierbei gibt es ein pikantes Detail: Kaum eine Flotte Westeuropas kam ohne Nachschub aus der Ostsee aus. Polnisches Holz erbaute die niederländische Flotte, und auch Flachs und andere wichtige Waren für den Betrieb der Schiffe wurden in Osteuropa hergestellt.

Die Freibeuter wiederum konnten hier ihre Waren umschlagen, Schiffe reparieren, Mannschaft heuern und vor allem auch ihre Investoren hinters Licht führen.

Zusätzlich kam hinzu, dass viele norwegische Seeleute auf den Schiffen anderer Länder dienten, und das schloss Freibeuter mit ein. Norwegen verdiente also an den Beutezügen mit!

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Die Aktivitäten der Konsuln

Im 17. Jh. nahm der Gebrauch norwegischer Häfen durch niederländische und französische Freibeuter zunehmend überhand. Die Seemächte übten Druck auf die dänisch-norwegische Krone aus, hier stärker zu regulieren. Nach und nach stellte Norwegen deshalb Regeln auf, was für Prisen akzeptabel waren.

Eine Methode, diese Einschränkungen zu umgehen, waren die Konsuln. In einer Zeit, wo die Bürokratie noch nicht florierte, war das Wichtigste für jedes erfolgreiche Unternehmen, dass man Füße am Boden und Leute vor Ort hatte!

Die Anfänge

Die ersten Konsuln waren unter anderem Leute wie der illustre Denis Bossinot, der von 1688 bis 1694 Konsul in Bergen war. Seine wichtigste Aufgabe war es anscheinend, dabei mitzuhelfen, die Regularien der Norweger so zu umgehen, dass die Krone nicht zu reagieren brauchte und die Gesetze nicht zu offensichtlich gebrochen wurden.

Dazu organisierte er unter anderem den Transport von Prisenschiffen nach Frankreich und den Verkauf der Prisen. Zudem rüstete er mehrere erbeutete Schiffe direkt wieder selbst als Freibeuterschiffe aus, wozu er norwegische Mannschaften anheuerte.

Als dann 1693 die norwegische Krone Prisen für einige Jahre vollständig aus ihren Häfen verbannte, verlegte Bossinot die Freibeuteroperationen der Franzosen in die Fjorde, wo er von Schiff zu Schiff reiste, um seine Aufgaben wahrzunehmen. Ganz in der Tradition der Wikinger.

Kurz: Die wichtigste Aufgabe der frühen französischen Konsuln in Norwegen war es, die politischen Manöver der Engländer und der Niederländer zu kontern und Wege zu finden, die Regeln so zu umgehen, dass französische Schiffe weiterhin in der Nordsee operieren konnten. Sie waren vor allem Privatleute, die während Kriegszeiten kurzfristig zu Konsuln erhoben wurden und über die der Staat kaum Kontrolle hatte. Private und staatliche Interessen verschwammen hier völlig.

Die Entwicklung

Lorentz Johannsen
Lorentz Johannsen war ein typischer Vertreter zugewanderter Konsule, die irgendwann Norweger wurden. In Schleswig-Holstein geboren, zog er nach Trondheim. Später war er nicht nur Vize-Konsul für Großbritannien und die Niederlande, sondern wurde auch ins norwegische Parlament bestellt.

Nach und nach entwickelten sich die Konsulate zu ständigen Vertretungen. Das war auch dadurch zu bemerken, dass ca. ab 1750 immer mehr Konsuln ein Gehalt aus ihrem Heimatland bezogen. So konnten sie die diplomatischen Interessen ihrer Staaten wahrnehmen und die Botschafter an den Königshöfen unterstützen – denn der politische Druck auf Frankreich war groß und der Einfluss Englands und der Niederländer deutlich größer.

Zu diesen Aufgaben gehörten nun immer mehr das Offenhalten der Handelsrouten und die Vertretung von Kriegsgefangenen, beispielsweise um Gefangenenaustausch zu ermöglichen, sodass Seeleute in ihre Heimat zurückgelangen konnten. Jedoch waren sie keine zuverlässigen Helfer der französischen Krone.

Mit dem langsamen Rückgang französischer Seepräsenz in der Nordsee änderte sich auch die Zusammensetzung der Konsuln. Viele von ihnen waren nun französischstämmig, aber im Inland geboren oder zumindest eingebürgert. Das führte unter anderem dazu, dass die Konsuln im Zweifel eher ihrem neuen Heimatland zur Seite sprangen als Frankreich, wenn es hart auf hart kam. Trotzdem entwickelte sich das Konsularsystem langsam vorwärts.

Die napoleonische Zeit – der Niedergang

Zu Napoleons Zeiten litt die Freibeuterei gewaltig an Korruption und geteilten Interessen. Die Admiralität interessierte sich vorrangig dafür, dem Feind zu schaden. Die Investoren wiederum stellten zunehmend fest, dass sie die Gelackmeierten in der Freibeuterrechnung waren. Zu oft kam es vor, dass Schiffe in fremde Häfen – nach wie vor oftmals kleine Häfen in Norwegen – geschafft wurden.

Ein Problem war, dass die englische Dominanz über die Nordsee zugenommen hatte und immer mehr Freibeuterschiffe darum fürchten mussten, dass sie beim Ein- oder Auslaufen in norwegische Häfen von britischen Schiffen abgefangen wurden.

Die Konsuln hatten mittlerweile das Recht erhalten, als Prisengericht zu agieren. Das bedeutete, dass die gesamten Freibeuteraktivitäten direkt in Norwegen abgehandelt werden konnten. Es war Routine, dass die besten Waren vor Ort verschachert wurden. Selten einmal schickten die Konsuln irgendeine Form von verwertbaren Rechenschaftsberichten oder Beutelisten. Die Freibeuter wirtschafteten in ihre eigenen Taschen und wurden dabei tatkräftig von einigen der Konsuln unterstützt, die offen ihre Privilegien missbrauchten.

Allerdings bauten sie trotz allem wichtige diplomatische Verbindungen auf und waren grundsätzlich dem französischen Staat gegenüber loyal. Zudem versuchten sie nunmehr, das Recht zu täuschen oder geschickt zu nutzen, statt es zu umgehen! Sie vertraten ganz klar die Interessen des Staates, auch wenn sie der Freibeuterei langfristig damit einen Bärendienst erwiesen.

Jedoch hatten sie sich mittlerweile zu einer festen Institution in den internationalen Beziehungen entwickelt, die auch zu einer Herausbildung von Gesetzen und Regularien für Diplomaten geführt hatte. Nicht länger waren Gesandte einfach nur Adlige, die ad hoc für eine Aufgabe in ein fremdes Land gesandt wurden. Stattdessen gab es nun in vielen Ländern mehrere Vertreter des eigenen Staates, der so auch seine Macht über die Angehörigen der eigenen Nation im Ausland ausbaute.

1813 wurden die französischen Freibeuter erneut aus norwegischen Häfen verbannt, und ab 1856 war die Freibeuterei durch die Deklaration von Paris international geächtet und damit fast vollständig abgeschafft.

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Geschichtskrümel“ ist eine wöchentlich erscheinende Serie aus Kurzartikeln. Sie soll Autoren, Spielern und Spielleitern als Anregung dienen und Inspiration fürs Rollenspiel oder Geschichten bieten. Die Geschichtskrümel drehen sich um historische Ereignisse oder Themen, über die ich in meinem Alltag stolpere. Sie sind manchmal lehrreich, manchmal skurril und manchmal einfach nur lustig.

Quellen:

  • Colás, Alejandro, und Mabee, Bryan, Hrsg. Mercenaries, Pirates, Bandits and Empires. London, 2010.
  • Travers, Tim. Pirates. A History. Stroud, 2009.
  • Witt, Jan M. Piraten. Eine Geschichte von der Antike bis heute. Darmstadt, 2011.
  • Wubs-Mrozewicz, Justyna. „The Late Medieval and Early Modern Hanse as an Institution of Conflict Management“. Continuity and Change 32, Nr. 1 (2017): 59–84.
  • Zamoyski, Adam. Poland. A History. London, 2009.
  • Foto Lorentz Johannsne vom Trondheim byarkiv / CC BY

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