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Die Waffe und Du – Das Mindset des Waffentragens

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Lesezeit: 10 Minuten

Die Waffe und du Coverimage

Die meisten von uns können sich glücklich schätzen, dass Krieg nur noch in den Erinnerungen unserer Eltern und Großeltern existiert. Gewalt und Tod sind für die meisten von uns nicht mehr Teil unseres Alltags, und es ist in der westlichen Welt auch nicht mehr allgemein üblich, Waffen zu tragen. Da ist es nur normal, dass die meisten Rollenspieler keine persönlichen Erfahrungen mit diesen Themen abrufen können. Filme, Fernsehserien und Bücher können dergleichen kaum ersetzen, sofern man ihre Themen nicht bewusst reflektiert. Mir geht es hier darum, genau dieses Bewusstsein zu wecken und einige Anstöße zu geben, darüber gezielt nachzudenken.

Wir Menschen sind nicht so stark, schnell, gepanzert oder ausdauernd, wie die dominanten Tiere um uns herum es in Urzeiten waren. Ganz für uns allein, sind wir alles andere als Apex-Jäger. Wir verfügen noch nicht einmal über spitze Zähne, scharfe Krallen oder Giftdrüsen. Ein einzelner Mensch inmitten der afrikanischen Savanne wird vermutlich als Mittagessen eines Rudels Löwen oder Hyänen enden, sofern er nicht von einem Warzenschwein umgerannt oder von einem Gepard zu Tode gehetzt wird. Sogar in einem direkten Kampf gegen einen Menschenaffen sähen wir Menschen alt aus.

Die Waffe in der Hand ändert diesen Umstand dramatisch. Selbst einfache Waffen wie ein Messer steigern den Schaden, den wir einem Gegner beibringen können, immens. Außerdem erhöhen sie die Distanz, über die wir Gewalt ausüben können, ohne selbst unmittelbar verwundbar zu sein. Ein Messer an den Stock, und wir haben einen Speer, eine der wirksamsten Handwaffen überhaupt. Ein einzelner Mensch mit einem Speer kann mit etwas Glück einen Wolf erlegen. Eine Gruppe Menschen, die zusammenarbeiten, sogar einen Tiger oder Elefanten.

Aber die Waffe verändert nicht nur unsere Möglichkeiten. Sie ändert auch unser Verhalten. Sie transformiert uns vom Beutetier zum Räuber, und das nicht nur, während wir auf der Jagd sind.

Die Transformation der Möglichkeiten wirkt auf unser Selbstbild. Wer ein Messer griffbereit hat, der handelt und denkt anders als jemand, bei dem das nicht der Fall ist. Einerseits, weil wir selbst besser darauf vorbereitet sind, Gewalt zu wirken, aber auch, weil damit eine stärkere Vorbereitung auf Gewalt im Allgemeinen einhergeht. Wenn etwas Gefährliches passiert, sind wir weniger überrascht und fallen mit geringerer Wahrscheinlichkeit in eine Schockstarre.

Es ist daher auch in friedlichen Ländern durchaus sinnvoll, wenn Polizisten eine Pistole tragen, selbst wenn man davon ausgeht, dass sie diese nie verwenden werden. Es dient ihnen auch als stetes Symbol, dass sie möglicherweise Gewalt ausgesetzt werden oder sie ausüben müssen. Es ist Teil der Uniform und die hat Auswirkungen auf unsere Haltung.

Das bedeutet auch gar nicht, dass wir zwingend klüger handeln würden, nur weil wir uns auf Gewalt vorbereiten. Es verleiht uns jedoch mehr Handlungsfähigkeit, sobald es passiert. Ob wir damit etwas Nützliches tun oder alles nur noch schlimmer machen, steht auf einem anderen Blatt.

Zu wissen, dass man zur Verteidigung bereit ist, bringt darum eine Beruhigung der eigenen Gefühlslage mit sich. Sie schafft eine gewisse Klarheit.

Staaten haben als Einheit etwas Ähnliches, um sich geistige Klarheit zu verschaffen. Auch ein Staat sieht sich selbst oft als Körper, und seine Streitkräfte sind dann die Waffen, die er führt. So hatten die USA während des Kalten Krieges beispielsweise das sogenannte DefCon-Meter, eine Skala, an der die strategische Verteidigungsbereitschaft des Landes ablesbar war. Egal wie die Lage war, alle Soldaten wussten, wie das Oberkommando die Lage einschätzte und wie bereit die Streitkräfte waren. Zu wissen, auf welches Niveau von Gefahr man sich einstellen musste, half ungemein, die Nervosität der Soldaten zu reduzieren. Alle wussten, „aktuell ist nichts los“ oder „aktuell bereiten wir uns alle auf Krieg vor“.

Kurz: Sie wussten, dass, wenn bei ihnen etwas geschieht, ihre Kameraden landesweit bereit waren, sofort darauf zu reagieren. Dass parallel zu diesen Verteidigungszuständen auch bestimmte Waffen ausgegeben, scharf gemacht oder in Position gebracht wurden, bewirkte zudem für die Soldaten den gleichen Effekt, den es für eine Einzelperson hat, wenn er ein Schwert am Gürtel trägt. Bei mittelalterlichen Kriegszügen war hingegen eines der größten Probleme das Verhalten einzelner zu koordinieren, denn die kriegerische Gesellschaft produzierte eben auch Ehrkonflikte und Erwartungen, die wir heute so nicht mehr kennen.

Eine Waffe zu tragen, verändert, wie wir uns bewegen, wie wir unsere Umwelt betrachten und wie wir mit anderen interagieren. Dieser Effekt ist derart ausgeprägt, dass manche Polizisten, Leibwächter und Sicherheitsleute eine bewaffnete Person erkennen können, ohne dass sie dazu die Waffe sehen müssen.

Haben wir eine Waffe dabei, dann wird diese auch zu einem Dreh- und Angelpunkt unseres Verhaltens. Wir passen uns daran an, dass wir sie tragen. Das Ziel kann dabei vielfältig sein. Wer eine Waffe verborgen halten möchte, der bewegt sich anders als jemand, der sie möglichst gut griffbereit halten will. Vom Klischee der Cowboys des Wilden Westens kennen wir darüber hinaus Verhaltensmuster, die dazu dienen, anderen besonders deutlich das Vorhandensein der Waffe zu kommunizieren. Schau her, ich bin bewaffnet! Mach bloß keine Dummheiten.

Die Behauptung, dass eine bewaffnete Gesellschaft auch eine höfliche Gesellschaft sei, zeigt sich in der geschichtswissenschaftlichen Betrachtung allerdings nicht. Kaum jemand denkt beispielsweise beim Wilden Westen an ausgesprochene Höflichkeit, und etwas anderes sucht man auch andernorts vergebens, wo viele Waffen getragen werden. Eine größere soziale Distanz ist jedoch feststellbar, die man vielleicht mit Höflichkeit verwechseln mag.

Die Waffe verrät ihren Träger übrigens auch ganz direkt, und zwar im negativen Sinne. Wenn Soldaten unentdeckt an Feinden vorbeischleichen mussten, dann hat man ihnen früher befohlen, ihre Waffen zu entladen. Zu wissen, dass man nicht schießen könnte, selbst wenn man es wollte, führt dazu, dass die Soldaten Stresssituationen der Beinaheentdeckung ertragen, ohne zu eskalieren und das eigene Versteck zu verraten. Wer eine feuerbereite Waffe trägt, der ist unter großem Stress auch dann bereit, sie zu verwenden, wenn es eigentlich gute Argumente dagegen gibt.

Ein Beispiel für dieses Verhalten findet sich beispielsweise bei der Schlacht von Yorktown, pointiert im Musical Hamilton, im Song „Yorktown“:

Take the bullets out your gun! What? The bullets out your gun! What? We move under cover and we move as one through the night. We have one shot to live
another day. We cannot let a stray gunshot give us away.
We will fight up close, seize the moment and stay in it. It’s either that or meet the business end of a bayonet.

Ein Angriff von Hamiltons Truppen auf die britischen Stellungen bei der Redoute Nummer 10 hing maßgeblich davon ab, im Schutze der Dunkelheit nahe genug an den Feind zu gelangen, um ihn überhaupt angreifen zu können. Mit ungeladenen Musketen konnten Hamiltons Männer ihren Angriff nicht unplanmäßig verraten. Sobald sie den Punkt ohne Wiederkehr erreicht hatten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als den Plan zu Ende zu bringen und die Schanzung mit Bajonett und Axt zu erstürmen.

Das sind die Auswirkungen, die das Tragen einer einsatzbereiten Waffe bewirken kann. Aber welches sind die inneren Mechanismen, die dazu führen? Beim Pen & Paper Rollenspiel sind wir nicht nur Autor oder Betrachter. Wir sind im Kopf unseres Charakters. Daher stellt sich ja auch die Frage, was das Tragen einer Waffe für unsere Spielfigur im Rollenspiel unterbewusst, aber auch wahrnehmbar bewirken kann.

Die erste Transformation ist die Steigerung der eigenen Fähigkeit, Gewalt anzuwenden. Während Größe, Kraft und allgemeine Fitness unsere individuelle Gefährlichkeit grundlegend bestimmen, sind Waffen dazu imstande, ein großes Ungleichgewicht auszugleichen. Ein trainierter Kämpfer kann von einem nur mäßig fähigen Gegner getötet werden, wenn dieser über eine ausreichend gefährliche Waffe verfügt. Selbst ein Messer kann diesen Unterschied bereits in manchen Fällen ausmachen.

Wer eine Waffe trägt, der ist sich dieses Umstands oft auch bewusst. Bewaffnet zu sein, geht für viele Menschen mit einem direkten Anstieg ihres Selbstbewusstseins einher, und für nicht wenige ist genau dies auch der Grund, weshalb sie eine Waffe haben wollen.

Ob es sich um das Messer am Gürtel, das Schwert an der Seite oder den Revolver im Halfter handelt, spielt dafür keine Rolle. Früher ging es dabei zudem auch noch um Ehre und Männlichkeit.

Wer eine Waffe trägt, der agiert üblicherweise dominanter und aggressiver, als er es ohne die Waffe täte. Allerdings ist dieser Effekt auch umkehrbar.

Wer durch das Tragen einer Waffe deutlich an Selbstbewusstsein gewinnt, der büßt diesen Bonus direkt wieder ein, wenn er die Waffen ablegt. Bei einer ausreichenden Gewöhnung und einer unfreiwilligen Entwaffnung kann es sogar zu schweren Einbußen an Selbstvertrauen und Moral kommen, verglichen mit dem Zustand, nie bewaffnet gewesen zu sein.

Dieser Effekt ist auch der Grund, warum viele Schlägertypen, gleich ob Gangbanger in Los Angeles oder Westernganove, wie ein Soufflé in sich zusammenfallen, wenn man sie erst einmal überwunden und entwaffnet hat. Hastig ausgehobene Milizionäre werden in dem Moment, wo man ihnen das Gewehr abnimmt, praktisch mit sofortiger Wirkung wieder zu Zivilisten. Ein gut ausgebildeter Soldat bleibt jedoch ein Kämpfer. Daher hält man Soldaten oft auch so lange in gesonderter Gefangenschaft, bis man sicher ist, dass keine Gefahr mehr von ihnen ausgeht, wohingegen man Milizionäre wahlweise freilassen oder in ein gewöhnliches Gefängnis stecken kann.

Waffen sind gefährlich, und was gefährlich ist, das kann Angst machen. Wer aber den Umgang mit Waffen gewohnt ist, der hat oft weniger Angst vor ihnen als jemand, der nichts mit ihnen zu tun hat.

Gerade dies ist etwas, worüber man beim Rollenspiel ruhig einmal nachdenken sollte und wo es sich vielleicht lohnt, mit der Gruppe darüber zu sprechen. Ich habe erlebt, dass die meisten deutschen Rollenspieler völlig durchdrehen, wenn ein NSC im Spiel eine Waffe zieht, und von einem Moment zum anderen in eine blindwütige Rage nuklearer Vernichtung wechseln. Wer eine Waffe zieht, ist ein Feind, ist gefährlich, muss vernichtet werden und wird dann auch konsequent mit allen Mitteln angegangen und vernichtet. Viele Spieler wechseln regelrecht in den Kampfmodus und verlassen ihn erst wieder bei Sieg oder Niederlage.

Dieses Verhalten kenne ich von amerikanischen Rollenspielern hingegen nicht in solcher Häufigkeit. Die meisten dort sind besser an Waffen gewöhnt und kennen daher die mit Waffen einhergehenden Verhaltensweisen. Sie sind sich eher bewusst, dass jemand, der eine Waffe hat, diese auch für Drohgebärden verwendet, auch wenn er nicht vorhat, sie tatsächlich zu verwenden. Nur weil jemand sein Schwert, seinen Dolch oder seine Pistole zieht, wird er noch lange nicht sofortigen Gebrauch davon machen. So kommt es vor, dass hierzulande Situationen im Spiel eskalieren können, die andernorts einen völlig anderen Verlauf nehmen würden. Im Spätmittelalter drehten sich viele Waffengesetze übrigens spezifisch um Drohgebärden mit Waffen und nur wenige um den Besitz davon.

Das hat natürlich nichts damit zu tun, dass es trotz allem nicht besonders nett ist, mit Waffen zu drohen. Die meisten Rollenspiele nutzen jedoch dramatische Spitzen der Geschichte, real wie fiktiv. Viele Geschichten spielen in dunklen Zeiten, während großer Krisen, sozialer oder militärischer Spannungen oder gar inmitten tobender Kriege.

Wer einen Charakter spielt, der das Tragen von Waffen selbst gewöhnt ist, der sollte ihn ruhig etwas gelassener spielen, wenn es um die Bewaffnung anderer geht.

Heute trägt kaum jemand im Alltag eine Waffe. Selbst in den USA ist es entgegen allen Klischees nicht überall die Norm, auch wenn es häufiger vorkommt als hierzulande.

In der Vormoderne hingegen sah das völlig anders aus. Bewaffnet zu sein, war früher normal. So normal, dass man in manchen Gesellschaften nur dann als vollständig bekleidet galt, wenn man mindestens einen Dolch mit sich führte.

Wikinger auf Reisen führten nahezu unablässig Dolch, Handaxt und Schwert mit sich. Das ist unter anderem in einem Reisebericht von Ahmad ibn Fadl?n ibn al-‚Abb?s ibn R?schid ibn Hamm?d belegt, einem Gesandten des Kalifen al-Muqtadir, der 922 die Wolgabulgaren besuchte und dabei auch auf die sogenannten Waräger traf.

Das ist natürlich ein Extrem, aber die Durchdringung der Bevölkerung mit Waffen war so ausgeprägt, dass es zahlreiche Dolchstile gab, die beispielsweise besonders bei Frauen beliebt und verbreitet waren, bei deren Anblick heute aber selbst Crocodile Dundee neidisch werden würde. Wer heute Dolch hört, der denkt an ein großes Messer. Historisch bedeutete Dolch aber häufig eher ein kleines Schwert. Nicht wenige Damendolche des Hochmittelalters hatten eine Klingenlänge von 20cm und mehr.

Die Gründe für dieses ausgeprägte Maß an Bewaffnung waren zahlreich, aber die beiden wichtigsten sind der Mangel an verlässlicher, staatlicher und überpersönlicher Sicherheit sowie die Gefahr durch wilde Tiere. Wir haben es schließlich mit Zeiten zu tun, in denen Wölfe und Bären noch nicht flächendeckend ausgerottet waren. Von herumstreifenden Rudeln wilder Hunde ganz zu schweigen, die besonders in Kriegszeiten eine regelrechte Landplage sein konnten. Hinzu kommt noch, dass das Messer in all seinen Formen ein großartiges Werkzeug ist. Ganz besonders in einer Zeit, wo nahezu alles aus Holz, Leder und Tuch ist.

Das Führen einer Waffe, ja bereits der Besitz, ändert das Verhalten und den Blick auf die Bewaffnung anderer. Wer selbst eine Waffe führt, der fühlt sich oft weniger bedroht durch die Waffen anderer. Ist jemand bewaffnet, er fühlt sich auch oft allgemein sicherer, auch wenn dieses Gefühl trügerisch und sogar gefährlich sein kann. Wer sich zu sehr daran gewöhnt hat, mit Waffen umzugehen, der macht leichter auch dann Gebrauch von ihnen, wenn es eigentlich nicht sinnvoll ist. Ist das einzige Werkzeug, welches man besitzt, ein Hammer, dann sehen alle Probleme schnell aus wie Nägel.

Darüber zu reflektieren, was es für unsere Charaktere im Pen & Paper Rollenspiel bedeutet, Waffen zu führen und mit Personen zu interagieren, die das ebenfalls tun, kann uns dabei helfen, unser Spiel plastischer und komplexer zu gestalten, genauso, wie es dazu beitragen kann, unnötige Kämpfe allein dadurch zu vermeiden, dass man sie nicht fälschlich für unvermeidbar hält.

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