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Aktion Phantast*innen gegen Artikel 13 am 21.03.2019

Lesezeit: 5 Minuten

Aktuell geistert ja bezüglich der anstehenden Copyright-Novelle der EU allerhand durch die Medien. Besonders Artikel 13 (Uploadfilter) und Artikel 11 (Leistungsschutzrecht) sind heiße Kandidaten für einen handfesten Generationenkonflikt. Zudem wird diese Copyright-Novelle langanhaltende Auswirkungen auf den Umgang mit Medien, Kunst und Kultur haben. Ebenso ist die Meinungsfreiheit direkt betroffen.

Angestoßen von pnpnews.de haben sich verschiedene Rollenspielseiten und andere Phantastik-Begeisterte zusammengeschlossen zur Aktion Phantast*innen gegen Artikel 13 (PgA13).

Am 21.3.2019 wird die deutsche Wikipedia ihre Tore schließen, um auf den breiten zivilgesellschaftlichen Widerstand und die Probleme mit der Copyright-Novelle aufmerksam zu machen. (Das ist übrigens auch Blackout-Day). Dem werden sich auch diverse deutsche Rollenspiel-Webseiten anschließen – unter anderem wir. Darum wird diese Webseite am Donnerstag nicht zur Verfügung stehen und entsprechend auch kein Geschichtskrümel erscheinen.

Wir sind Autoren und Grafiker – und damit Künstler. Dennoch sind wir gegen die Copyright-Reform, die uns doch angeblich helfen soll.

Aktion Phantast*innen gegen Artikel 13

Ich verwende bewusst nicht den Begriff Urheberrechtsreform, wie viele Medien es tun. Das deutsche Urheberrecht ist etwas Besonderes: Es trennt sehr stark in Urheber- und Verwertungsrechte. Urheberrechte sind nicht übertragbar. Und das ist auch gut so. Das Erschaffen von Bildern, Büchern, Filmen, Geschichten und eben auch Rollenspieltexten oder Videospielen ist anstrengend, komplex und erfordert viel Kreativität. Das Besitzen der Rechte hingegen nicht. Die geplanten Überwachungsmechanismen drohen die Kleinen und Selbstständigen dazu zu zwingen, sich in Knebelverträge und Abhängigkeit von den großen Verlagen begeben zu müssen.

Verlage und Medien-Publisher sind nichts Schlechtes, oft sogar wichtig, aber ein starkes Machtungleichgewicht zugunsten großer Verlagshäuser, Musiklabels oder Filmstudios führt nicht zu besserer Kunst oder gar so „einfachen“ Dingen wie fairer Bezahlung oder ausreichender Rente im Alter. Wir leben in einem Medienzeitalter und die eigentlichen Macher sollten nicht schlechter, sondern bessergestellt werden.

Darum sollten wir die Idee des Urhebers nicht schwächen, sondern stärken. Artikel 12 beispielsweise würde in Deutschland die von den Autoren hart erkämpften Geld-Ausschüttungen der VG-Wort wieder zugunsten der Verlage verschieben. Es ist jedoch nicht so, dass Buchautoren in Geld schwimmen würden. Ich glaube, niemand kann sagen, dass sein Leben ohne gute Geschichten besser wäre. Egal ob sie von einem Drehbuchautor stammen oder ob sie in einem Roman geschrieben stehen.

Die EU-Copyright-Novelle orientiert sich stärker an amerikanischen und wirtschaftsliberalen Copyright-Ideen, als an dem sehr sinnvollen deutschen Urheberrechts-Gedanken. Leider fehlt ein wichtiger Aspekt amerikanischen Copyright-Rechts: Ein starkes Recht auf Fair Use. Also vorrangig das Nutzen von Werken, um sie zu kritisieren, zu parodieren oder zu kommentieren. Klar, das ist alles angeblich weiterhin geschützt durch das Recht auf freie Rede – nur was bringt ein brandheißes und hochpolitisches Video, wenn es aufgrund von Uploadfiltern erst einmal von Youtube verschwindet und erst nach 30 Tagen wieder auftaucht?

Bereits jetzt ist die Netzinfrastruktur nicht besonders fair gegenüber jedem ohne Anwaltsbudget. Anstatt den Status Quo festzuschreiben, brauchen wir endlich ein neues Verständnis davon, wie wir Medien und Inhalte erschaffen und finanzieren. Aber vermutlich brauchen wir auch hier erst Schüler, die freitags die Schule schwänzen, um auf die Straße zu gehen, damit mal jemand ausspricht was wir alle bereits wissen: Das Internet tickt anders, als die Verlage von früher.

Niemand schreit nach einem rechtsfreien Raum. Aber schon gar nicht sollten wir einfach nur die Machtstrukturen der Vergangenheit festschreiben und uns eine Zensurinfrastruktur aufbürden, die voller Geistlosigkeit unsere Kreativität hemmt und uns an die großen Publisher bindet. Die Walt Disney Corporation hat 2018 sechzig Milliarden Dollar Umsatz erzielt. Das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt von Kroatien. Sollten solche Firmen tatsächlich kontrollieren, welche Medien wir veröffentlichen?

(Fast) alle Gesetze setzen darauf, dass man sie nur dann verfolgt, wenn es Sinn ergibt. Eine hundertprozentige Durchsetzung war in der Geschichte niemals möglich und auch nie tatsächlich vorgesehen. Ich glaube nicht, dass unsere Kultur- und Medienlandschaft tatsächlich bestehen bleiben kann, wenn jede noch so kleine Verwendung ständig überprüft und im Zweifel monetarisiert wird. Hier brauchen wir rechtssichere Räume für einen fairen Umgang mit fremden Material, ohne den Urheber zu schädigen.

Artikel 13 fordert „geeignete Maßnahmen, um proaktiv gegen Urheberrechtsverstöße vorzugehen“. Also Uploadfilter. Das wird mittlerweile auch endlich zugegeben. Die EVP mag lange vor sich hinreden, dass das nicht zwingend so sei, aber jeder der das Internet kennt und die bisherigen Praktiken gesehen hat, weiß, dass das auf Filter hinausläuft. Youtubes Content-ID beispielsweise funktioniert nicht besonders gut, ist völlig intransparent und der Einzelne ist ziemlich machtlos dagegen. Die Plattform ist König und Henker zugleich.

Zumal solche Filter ja auch gleich noch genutzt werden können, um unliebsame Inhalte loszuwerden. Man bedenke die „Stopschild“-Debatte von vor 10 Jahren oder das aktuelle Argument mit dem „Verhindern von Terrorismus“. Na klar… immer wieder Terrorismus. Hat man kein Argument, dann geht es eben gegen Terroristen. Vor 10 Jahren war es Kinderpornographie, davor musste man Kommunisten bekämpfen, und davor hat der Kaiser alles getan um „Anarchisten“ klein zu halten, die die gottgewollte Monarchie abschaffen wollen. Das mit dem Terror ist übrigens Artikel 6 in einer anderen Reformnovelle.

Danke, Nein. Eine Zensurinfrastruktur brauchen wir nicht. Schon gar nicht, solange alles was damit einhergeht, von Politik und Gesellschaft kaum verstanden wurde. Eine zentrale Sache dabei sind die Algorithmen.

Weißt du, nach welcher Methode Facebook deinen Stream befüllt? Wie Google deine Suchergebnisse sortiert (ja, die sind nicht bei allen gleich)? Oder auch einfach nur warum das eine Video als Nächstes auf Youtube kommt und nicht ein anderes?

Algorithmen sind hochgradig undurchsichtig und oftmals nicht einmal mehr zu 100% von Menschen programmiert. Google hat eigene Teams, die herausfinden, was ihre neuronalen Netzwerke da eigentlich programmieren und wie das alles funktioniert. Das ist zwar High-Tech – aber eben auch völlig undemokratisch. Solange wir als Gesellschaft noch nicht verstanden haben, wie wir mit Algorithmen genau umgehen sollen, und wie wir unsere Souveränität und Menschlichkeit bewahren, sollten wir nicht unsere gesamte Medien- und Kulturlandschaft den Uploadfiltern übertragen, die nun einmal zwingend auf Algorithmen aufbauen. Ansonsten können wir all das eventuell bald nicht mehr diskutieren, weil die Debatte einfach verschwindet.

Demokratie mag anstrengend sein, aber sie dreht sich im Kern um eine einzige Sache: Macht muss soweit verteilt werden, dass im Zweifelsfall immer genug Leute etwas gegen Missstände unternehmen können. Medienfilter schwächen dieses Prinzip!

Darum: Wir kommen noch ein paar Jahre ohne Copyright-Reform klar. Macht es richtig oder macht es gar nicht, liebe EU-Parlamentarier. Das sagen wir als Autoren und Künstler.

Am 23.3.2019 sind Demos. Geh hin!

Ruf deine Abgeordneten im EU-Parlament an oder schreib ihm oder ihr. Es ist EU-Wahl, mach deine Wahl von ihrem Verhalten abhängig. Am besten formulierst du einen persönlichen Brief. Das hilft!

Unterschreib die Petition (aber geh auf die Demo!)

https://juliareda.eu/2019/02/artikel-13-endgueltig/

https://netzpolitik.org/

Antwort von Wikipedia an FAZ-Kritik: Ja, alle relevanten Verbände sind dagegen!

https://saveyourinternet.eu/de/

Warum Artikel 13 nicht die Kleinen, sondern nur die Großen stärkt (Englisch)

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