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Seuchen im Mittelalter: Die Französische Krankheit – Geschichtskrümel 49

Lesezeit: 6 Minuten

Jeder, der schon einmal Horatio Hornblower gesehen hat, weiß, Engländer und Franzosen gehören einfach irgendwie zusammen – auch wenn sie sich eher als Konkurrenten verbunden sind. Der Englische Schweiß und die Französische Krankheit haben ebenfalls einiges gemein. Beide waren Infektionskrankheiten, die im 15. und 16. Jh. einen großen Aufschwung erlebten und breite öffentliche Wahrnehmung erfuhren, als sie plötzlich loswüteten.

In diesem Artikel soll es erst einmal um die „Franzosenpocken“ gehen: die Syphilis. Ihren Zeitgenossen, den Englischen Schweiß, behandle ich dann in einem Folgeartikel.

Erst einmal eine kurze Definition, was die Syphilis ausmacht, bevor wir zur Geschichte dieser Krankheit kommen.

Die Syphilis ist eine durch das Bakterium Treponema pallidum verursachte Erkrankung, die nur beim Menschen vorkommt. Sie kann sexuell von Person zu Person sowie durch Blut und in der Gebärmutter von der Mutter auf das Kind übertragen werden.

Die Krankheit verläuft typischerweise in drei Stadien: Ein sogenannter Primäraffekt (ein meist schmerzloses Geschwür an der Eintrittsstelle) bildet sich wenige Tage bis Wochen nach der Infektion.

Im zweiten Stadium macht sich die Erkrankung durch allgemeine Krankheitssymptome bemerkbar (Fieber, Müdigkeit, Gliederschmerzen etc. Ähnlich einer Grippe). Zudem kann Hautausschlag auftreten, der anfangs aus rötlich gefärbten Flecken besteht, die sich später in kupferfarbene Knötchen verwandeln. Manchmal kommt es auch zu Haarausfall.

Oft tritt dann eine lange Pause auf, bevor es im dritten Stadium (Jahre nach der Erstinfektion) zu Hirnschädigungen und Schäden an den Blutgefäßen kommen kann.

Symptomfreie Zeiten werden als Latenz bezeichnet. Abhängig von der vergangenen Zeitspanne seit der Infektion wird zwischen Frühlatenz (bis etwa ein Jahr nach der Infektion) und Spätlatenz unterschieden. Ansteckend sind Personen im Primär- und Sekundärstadium sowie während der Frühlatenz.

Die Infektion kann durch Antibiotika geheilt werden, wiederholte Infektionen sind ebenfalls möglich. Unsere Vorfahren hatten nur leider keine Antibiotika!

Dieses Gemälde von Albrecht Dürrer von 1496 zeigt einen an Syphilis erkrankten Mann. Der Hautauschlag, welcher nicht immer zwingend auftritt, ist hier gut zu erkennen.

Syphilis ist keine rein französische Angelegenheit. Die Syphilis war schon immer eine internationale Krankheit. In Gebiet des heutigen Deutschland setze sich der dichterische Name „Französische Krankheit“ bald durch, da die Landsknechte sie aus französischem Kriegsdienst mitgebracht hatten. Ebenso wurde auch „Syphilis“ ein Begriff, nach dem Protagonisten eines Lehrgedichts des italienischen Mediziners Girolamo Fracastoro. (Wir erinnern uns: der mit den modernen Ansichten zu Krankheitsübertragung). Er benannte die Krankheit nach dem Mythos vom Schäfer Syphilus, der sich vom Gott Apollo abwendet und zur Strafe mit der Lustkrankheit geschlagen wird.

Die Geschichte der Syphilis ist spannenderweise nach wie vor nicht eindeutig geklärt! Lange Zeit war die „columbianische Theorie“ gültig. Diese besagte, dass die Syphilis im Zuge der Kolonialisierung aus Amerika nach Europa eingeschleppt wurde. Diese Theorie lässt sich im Angesicht neuerer Forschung jedoch kaum noch halten. DNA-Untersuchungen von Knochen und die Tatsache, dass vielfach Krankheiten fehldiagnostiziert wurden, zeichnen ein anderes Bild. Es deutet viel darauf hin, dass es bereits in der Antike Syphilisfälle gab.

Dabei ist auch wichtig, dass Syphilis gar nicht immer Syphilis ist. Das Syphilis-Bakterium ist eng verwandt mit weniger schlimmen Krankheitserregern, wovon einige in Amerika heimisch waren. Im 15. und 16. Jh. gab es mehrere große Ausbrüche von Syphilis, die von den Zeitgenossen als etwas Eigenes wahrgenommen wurden. Irgendwas muss sich also getan haben in dieser Zeit.

Es könnte darum sein, dass sich ein Bakterienstrang aus der „Neuen Welt“ mit einem Bakterientyp aus der „Alten Welt“ verbunden hat und das Ergebnis deutlich aggressiver war. Möglicherweise gab es zuvor auch Varianten von Syphilis, die noch nicht vorrangig sexuell übertragen wurden. Dann wären auch die Berichte davon ganz anders, denn was unterscheidet eine nicht sexuell übertragene Syphilis noch von Krankheiten mit ähnlichen Symptomen, wenn man keine moderne Diagnostik hat?

Die Syphilis suchte sich jedenfalls ihren Weg ins Heilige Römische Reich (also in das heutige Deutschland). Vermutlich kam sie als Trittbrettfahrer der Landsknechte, die von den Kriegszügen des französischen Königs Karl VIII. aus Italien nach Hause kehrten. Die Syphiliswelle, die folgte, war das Ergebnis mangelnder Resistenzen und Unwissenheit über die Krankheit selbst.

Es dauerte fast 50 Jahre, bis allgemein bekannt war, dass die Syphilis vorrangig durch das Liebesspiel übertragen wurde, das oftmals doch nur ein Besuch im Hurenhaus war. Damit ist auch direkt der Sprung zur Sünde gemacht. Wie wir wissen, war Krankheit keine rein natürliche Angelegenheit. Empirisches, Akademisches und Mystisches verbanden sich. Magie und göttliches Wirken hatten Einfluss auf Krankheit.

Viele Zeitgenossen sahen darum den direkten Zusammenhang von „göttlicher Strafe“ in Form der Syphilis und dem Besuch bei einer Hure. Viele jungen Männer machten ihre ersten sexuellen Erfahrungen bei einer Prostituierten und mussten immer damit rechnen, dass sie eine bleibende Erinnerung davontrugen.

Herzog, Ratsherr und auch Kirchenfürst waren allesamt ebenfalls nicht gefeit gegen die „Neue Krankheit“, die „Spanischen Pocken“ oder eben die „Französische Krankheit“. (Die Syphilis hatte wirklich viele Bezeichnungen!) Der Adel tauschte sich auch aus und schickte Rezepte für Tinkturen oder Behandlungsvorschläge an Freunde. Einige hochrangige Vertreter verstarben sogar an der Syphilis. Im Fürstbistum Minden starb beispielsweise Bischof Heinrich III. an der Syphilis. Wie er sie sich wohl zugezogen hatte? Nicht immer wurde der Zölibat so streng eingehalten, wie es hier vielleicht gut gewesen wäre.

Vielerorts verfügten die Ärzte zu Beginn noch über keine wirksamen Heilmittel. Einige süddeutsche Städte gründeten recht früh spezialisierte Einrichtungen für die Behandlung dieser neuen Krankheit. Etwas, was sonst eher unüblich war (sieht man von den Leprahäusern einmal ab, die 1490 vom Papst abgeschafft wurden).

Was half nun aber – oder wovon glaubte man zumindest, dass es half? Etwas, was sich jeder leisten konnte, war das Gebet. Sicherlich wurden auch die beiden „klassischen Behandlungsmethoden“ für jedwedes „Ungleichgewicht der Säfte“ eingesetzt: Aderlass und abführende Einläufe. Ein beliebtes Mittel für Einläufe war hierbei Kalomel, eine Quecksilber-Chlorid-Verbindung. In der Moderne findet es vor allem als Insektizid und Fungizid Anwendung! Absolut sicher für medizinische Anwendung also, nicht wahr?

Oft kamen bei der Syphilis auch Tinkturen aus Quecksilber zum Einsatz, die dann aufgetragen wurden. Quecksilber ist hochgiftig, gerade wenn man langfristig damit behandelt wird. Wer sich damit vergiftet, der muss mit Nervenschäden, Hirnschäden, Muskelschwund, Haarausfall und Zahnverfärbung rechnen. Beste Medizin eben. Schwangere Frauen vergifteten zudem ihre ungeborenen Kinder gleich mit. War das Kind bereits geboren, dann galt ebenfalls keine Entwarnung. Quecksilber kann sich nämlich in der Brustmilch konzentrieren. Entsprechend schmerzhaft und teilweise tödlich war die Behandlung.

Als Hinweis dabei: Nein, Impfstoffe enthalten kein reines Quecksilber.

Während die Ärzte auf Aderlass, Einlauf und Quecksilber setzten, suchten gerade in der Anfangszeit viele Leute nach Heilmethoden, um der neuen Krankheit Herr zu werden. Dabei wurden auch recht fantasievolle Ansätze verfolgt, die sich ganz in der Nähe von Magie und Aberglauben bewegten. Das war nicht ungewöhnlich für die vormoderne Medizin, die sich immer in einem Spannungsfeld aus Religion, Empirie und Mystik bewegte.

1504, also noch ganz am Anfang der Syphilisepidemie, entwickelte in Köln ein gewisser „Beyll Schincken“ ein Rezept, das sich direkt alten Aberglaubens über die „magischen Henker“ bediente. Er verbrannte Leichenteile von Gehenkten zu einem Pulver, das er dann zur Behandlung einsetzte. Da er daran scheiterte, an eine frische Leiche zu kommen, wurde stattdessen ein Toter ausgegraben. Die Obrigkeit kam dahinter und befragte seine Patientin, die wohl große Schmerzen dabei gelitten hatte. Was auch immer er getan hat: Wirksame Medizin war es wohl nicht.

Andere hatten regelrechte Behandlungs- und Therapiepläne. Einige, wie der syphiliskranke Ritter Ulrich von Hutten, schworen auf Guajakholz. Dieses Mittel wurde von den Maya-Kulturen als Behandlungsmethode gegen Syphilis benutzt. Das Wissen darum reiste mit spanischen Mönchen nach Europa zurück. Das Holz musste importiert werden, was die Behandlung damit entsprechend kostspielig, aber nicht unerschwinglich machte.

Auch eher arme Leute konnten sich die Behandlung leisten, das war dann nur alles andere als angenehm. Die Patienten des Kölner Baders Diederich teilten sich für zwei bis drei Wochen ein Bett mit mehreren anderen Patienten. Derweil verabreichte er ihnen dreimal am Tag einen schweißtreibenden Sud aus Guajak. Die Kranken verbrachten also mehrere Wochen aufeinander gepfercht in einer muffigen Stube und schwitzten vor sich hin. Nur damit „die Franzosenpocken irgendwann von alleine abfielen“, wie Diederich beim Verhör versicherte. Auch das ist anzuzweifeln. Außer eben, dass man sowieso irgendwann eine symptomfreie Zeit erreicht (Latenz, s. o.).

Während wir heute glücklicherweise Antibiotika haben, blieben unseren Vorfahren also nur toxische Substanzen, die manchmal wirkten, manchmal aber auch nicht. Immer aber gingen Ungewissheit, Schmerzen und hohe menschliche und finanzielle Kosten dabei Hand in Hand. Diese eher kruden Behandlungsmethoden blieben noch bis ins 19. Jh. fast dieselben.

„Geschichtskrümel“ ist eine wöchentlich erscheinende Serie aus Kurzartikeln. Sie soll Spielern und Spielleitern als Anregung dienen und Inspiration fürs Rollenspiel bieten. Die Geschichtskrümel drehen sich um historische Ereignisse oder Themen, über die ich in meinem Alltag stolpere. Sie sind manchmal lehrreich, manchmal skurril und manchmal einfach nur lustig.

Quellen:

Anteric, Ivana, Basic, Zeljana, Vilovic, Katarina, Kolic, Kresimir, und Andjelinovic, Simun. „Which Theory for the Origin of Syphilis Is True?“ The Journal of Sexual Medicine 11, Nr. 12 (Dezember 2014): 3112–18. DOI: 10.1111/jsm.12674.

Breslaw, Elaine G. Lotions, Potions, Pills and Magic. Health Care in Early America. New York, 2014.

Jankrift, Kay Peter. Krankheit und Heilkunde im Mittelalter. 2. durchg. Ausg. Darmstadt, 2012.

Maatouk, Ismael, und Moutran, Roy. „History of Syphilis: Between Poetry and Medicine“. The Journal of Sexual Medicine 11, Nr. 1 (Januar 2014): 307–10. DOI: 10.1111/jsm.12674.

Robert-Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin (2018/46).

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