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Wie (m)ein Charakter entsteht – Charaktererschaffung

Lesezeit: 16 Minuten

Charaktere sind etwas sehr Persönliches. Autoren lieben (hoffentlich) jede ihrer Figuren. Als Rollenspieler habe ich jedoch eine ganz besondere Beziehung zu meinen Charakteren. Ich will sie hegen und pflegen, gleichzeitig sollen sie spannende Geschichten erleben und mir helfen, in fremde Welten einzutauchen.

Ein Spielercharakter ist mein Zugang in die Spielwelt. Wer er ist, was ihn antreibt und was er tut, ist sehr wichtig für mein Spielvergnügen. Die Charakterwahl ist schließlich immer auch eine Wahl, was man spielen wird und was man erleben kann. Vor allem ist es aber auch eine Entscheidung, was man nicht spielen wird – und das ist fast alles.

Letzte Woche in Teil 1 habe ich darüber geschrieben, wie wir uns über das Setting verständigt haben und wie wir den Handlungsort gewählt haben. Diesmal geht es nun darum, wer mein Charakter ist und was ich mir dabei gedacht habe. Ich habe den Artikel in der Reihenfolge geschrieben, wie ich tatsächlich meinen Charakter erschaffe – nicht, wie ich ihn danach notiere.

Nun aber direkt zur Sache!

Coverbild Polizei Teil 2

Es ist reiner Zufall, aber mein Charakter passt zum Thema Cross-Gender-Gaming, das wir vorletzte Woche wieder aufgegriffen haben. Grundsätzlich stütze ich mich bei meinen Charakteren auf das, was ich in diesem Artikel über „Labels“ geschrieben habe. Diese Grundstruktur hat mir bisher immer gute Dienste geleistet.

Ganz am Anfang der Charaktererschaffung ist die Frage immer: „Was soll’s denn werden?“ „Polizist“ ist ja genau wie „Krieger“ eine recht vielfältige Sache. Wir haben dann im Gespräch entschieden, dass wir ganz unten anfangen wollen (viel Kontakt mit den Leuten auf der Straße).

Anna Maria wird das Spiel als Streifenpolizistin frisch von der Akademie beginnen und dann erst einmal mit einem Training Officer unterwegs sein. Außerdem entschied ich, dass sie Latina sein soll, da das die Rassismusfrage, das Thema Immigration und Verbindungen in „die Hood“ auf den Tisch bringt. Zusätzlich fand ich, dass es prima wäre, wenn der Charakter weiblich wird, denn in den frühen 80ern wurden gerade der Militärdienst und das Polizeiwesen richtig für Frauen geöffnet. Das versprach ebenfalls spannende soziale Situationen und ein eigenes Flair innerhalb des archetypischen Cop-Szenarios. Außerdem wird es damit ein Leichtes, den Charakter prägnant einzuführen.

Als zweiter Schritt kommt bei mir immer die Namenssuche. Jeder Charakter kriegt einen Namen, selbst wenn ich ihn später mehrfach ändere. Erst damit beginnt der Charakter für mich real zu sein. Dann wird aus „einer Ansammlung von Fakten und Daten“ eine Story-Person. Überhaupt: Leute benennen ist immer hilfreich, besonders bei NSC.

Ich hatte zwar fast sofort mehrere Namen, die mir gefielen, dennoch habe ich mehrere Tage immer mal wieder Kombinationen getestet, bevor ich ihn endgültig festgelegt habe (mehrere Notizzettel voller Namen mussten dran glauben).

Erst kam der Nachname, denn klassischerweise rufen Polizisten und Soldaten einander ja gerne mal mit ihrem Familiennamen. Der musste also zackig auszusprechen sein.

Ich habe dazu eine Liste der 1000 häufigsten Latino-Nachnamen in den USA gewälzt und ca. 40 davon darauf getestet, ob mir der Klang gefällt und wie viele Silben sie haben. Meine Faustregel: maximal 3, besser 2. Da es der primäre Rufname ist, sollte es schnell gesprochen und auch gerufen werden können, um nicht zu nerven. Außerdem darf es kein Zungenbrecher für mich und meine Mitspieler sein.

Nachdem ich meine Favoriten gefunden hatte, testete ich sie auf das klangliche Zusammenspiel mit den Vornamen: Wiederholen sich Endsilben? Viele weibliche Latino-Vornamen enden z. B. auf „-a“ und viele Nachnamen ebenfalls. Darum heißt sie nun Diaz. Anna Maria Dolores Chiquita Diaz, um genau zu sein. Das liegt daran, dass ich ein Faible für mehrere Vornamen habe, weil man die so schön in den Raum werfen kann, wenn man mit Nachdruck betonen will, wer man ist.

Anna Maria wird das allerdings nicht tun, denn Dolores und Chiquita sind explizit darauf ausgelegt, dass man sie, nun, veräppeln kann. Jeder meiner Charaktere soll am Anfang des Spiels einige kleine und große Hooks für den Spielleiter mitbringen. Also Dinge, die dem SL erlauben, daraus eine Geschichte oder zumindest eine Szene zu spinnen – und „die Neue mit ihrem Namen aufziehen“ erschien mir ein netter Klassiker. Darum Dolores („Dolly“ anyone?) und Chiquita (Banana!).

Anna Maria war übrigens zuerst „Ana Maria“, aber Ana mit nur einem n ist ein Problem beim Durchsuchen meiner digitalen Notizen zur fortlaufenden Handlung, weil es auch Dinge wie „Anatomie“ oder „Analyse“ findet. Also doch wieder zwei n.

Das Aussehen meiner Charaktere denke ich mir mittlerweile nicht mehr einfach so aus und hoffe dann, irgendwie ein Bild zu finden oder eines zeichnen zu lassen. Stattdessen definiere ich einige ganz grobe Vorgaben. In diesem Fall war das „Cop, weiblich, Latina“. Danach suche ich ein Bild, das mir gefällt, und übernehme es.

Es ist quasi wie ein Filmcasting. Ich habe eine grobe Idee für die Rolle und einen ungefähren Typ und schaue mich dann um, wer die Rolle füllen könnte. Das verändert meist noch die erste Charakteridee, mit der ich in die Charaktererschaffung gehe, aber es fügt auch Dinge hinzu, an die ich so nicht gedacht hätte.

Christina Vidal, mein gewähltes Lookalike, ist sehr klein. 1,57 m, um genau zu sein. Ich hätte sie sicherlich etwas größer definieren können, aber ich habe beschlossen, dass ich das einfach direkt aufgreife. Officer Diaz ist darum recht nahe an der Erde gebaut. Das ist natürlich ein weiterer Faktor, der das Thema „sich beweisen müssen als eine der ersten Latina-Frauen im Polizeidienst“ weiter zuspitzt. Bis 1997 war in LA die Mindestgröße übrigens 5 Fuß, also 152,4 cm.

Mit der Suche nach einem Lookalike beginne ich immer recht früh, aber je nachdem, was ich spiele, kann es mal schneller gehen und mal länger. In diesem Fall war es recht schwierig, ein gutes Lookalike zu finden. Ich wollte auf jeden Fall ein Lookalike, das eine Polizeiuniform trägt, damit die Person ein „Uniformgesicht“ hat (Kleider machen Charaktere…). Uniformgesicht heißt hier einfach nur, dass ich dem Lookalike abnehme, gut in einer Uniform auszusehen.

Wie immer fing ich erst mal mit Google Images an. Das hat sich als ungewöhnlich nutzlos erwiesen. Dabei hatte ich ein spezifisches Problem: Polizistinnen in den USA sind selten (heute 12,5 % der gesamten Polizei, in den 80ern eher 5 %). Die Polizistinnen, die es gibt, sind größtenteils weiß. Was ich also bei meiner Suche vor allem fand, waren großbusige junge Frauen mit Hispanic-Abstammung in „Sexy Cop“-Stripper-Kostümen. Völlig nutzlos.

Also zur zweiten Quelle, wo ich oft etwas finde: Pinterest. Auch hier eine Menge junge Damen, die sich für Nachtclubs herausgeputzt hatten oder als „Sexy Cop“ auftraten. Und natürlich Israelis. Wann immer man Frauen in Uniform sucht, findet man Israelinnen, Skandinavierinnen und Blondinen aus Osteuropa.

Die dritte Quelle – die leider am schlechtesten zu durchsuchen ist – brachte dann endlich den Durchbruch! Die IMDB. Ich habe alte Polizeiserien und Filme abgegrast. Fast hätte Ich frustriert auf Tina Hanlon aus „The Shield“ zurückgegriffen (das wir alle gesehen haben, darum nicht so gut). Ich habe dann die Cop-Serien, die ich bei der IMDB fand, in Google geworfen und kam so dann auf Christina Vidal als Deputy Gabriela Lopez in „10-8: Officer on Duty“. Das Schöne an SchauspielerInnen ist zudem: Es gibt auch immer Bilder in Zivil. Wer sich das Bild angucken will, der findet es hier auf kino.de. Aus Lizenzgründen kann ich es hier nicht einbinden.

Eine nebensächliche, aber nicht völlig unwichtige Frage: Wie kleidet der Charakter sich eigentlich, wenn er keine Uniform trägt? Ich bin nicht sehr interessiert an Mode – eine Frau aus den 1980ern zu spielen, macht es dabei nicht einfacher. Ich habe mir die Leitlinie gesetzt, dass Anna Maria noch nicht ihre gesamte Jugend-Garderobe ausgeräumt hat und regelmäßig noch „coole Klamotten“ für junge Erwachsene trägt. Vorrangig schlabberige Hosen, Latzhosen, luftige Tops, Chucks, Sneaker und ein Paar Springerstiefel. Entsprechende Vorbilder fanden sich im Internet zuhauf. Einige Beispiele habe ich mir abgespeichert, damit ich nicht völlig aus dem Mustopf komme, wenn es aufkommen sollte.

Damit sind die wichtigsten Schritte getan. Der Charakter ist nun „Patrol Officer Anna Maria Diaz“. Das sagt ja für sich genommen bereits eine Menge – aber noch nicht genug. „Was“ sie ist, wissen wir nun. Ich muss sie aber auch spielen, und der Spielleiter muss sie ins Spiel einbauen können. Darum nun zu dem, was du dich sicher auch irgendwann mal fragst: „Wie tickt mein Charakter eigentlich? Wer ist er?“ Ansonsten wird es schwer, ihn glaubwürdig darzustellen, ohne dass es in Arbeit ausartet.

Ich bin kein Latino. Ich bin nicht einmal Amerikaner. Da ich die Ethnienfrage thematisieren will, musste ich mir selbstredend Gedanken machen, was das für mich grundlegend heißt. Das fing mit einfachen Dingen an: „Mexikanische Abstammung oder was anderes?“ Wir entschieden uns für „was anderes“, nämlich Kolumbien. Daraus entstanden die Folgefragen: Wann ist die Familie eingewandert? Zusammen mit meinem SL entschieden wir uns für „zweite Generation, erste Generation mit nativer Staatsbürgerschaft“. Die Eltern sind ohne US-Pass, da sie als Kleinkind eingewandert sind und nie eingebürgert wurden.

Da es für mich wenig Sinn ergibt, die ethnischen Themen von Hispanics in den USA aufzugreifen, ohne auch ein paar der klassischen Dinge einzubringen, ist Anna Maria natürlich katholisch, und selbstredend gibt es in ihrem Umfeld konservative Ansichten zu Frauen und zum Glauben. Nur schon, damit sie als „eine der ersten Latina-Frauen im Polizeidienst“ heraussticht und dieses Spannungsfeld auch zutage tritt.

Wie immer werde ich den Verlauf der Kampagne auch nutzen, um passende Bücher und Artikel zu dem Thema zu lesen und das dann weiter zu detaillieren und auszubauen. Rollenspiel ist ein guter Grund, mich auch als Spieler mit meinen Charakterthemen tiefer gehend zu beschäftigen.

Rollenspiel-Charaktere brauchen Aufgaben, Ziele, eine Motivation, aus der diese Ziele entstehen, und eben auch: einen „Charakter“. Nennen wir es Persönlichkeit, die Charakterzüge, das Temperament … alles ähnlich. „Mindset“ wurde mir auch schon mal vorgeschlagen, fand ich ebenfalls ziemlich gut.

Kurz, wie „tickt“ der Charakter? Dabei ist es für mich immer wichtig, nicht aus den Augen zu verlieren, wie Rollenspiel als Erzählmedium funktioniert. Rollenspiel hat zwar eine sehr begrenzte Zielgruppe (die Mitspieler), ist aber dennoch im Kern nach außen gerichtet. Das Innenleben des Charakters manifestiert sich erst durch das, was er tut und sagt. Gleichzeitig bestimmt es allerdings, warum er es tut und was er tun sollte, um konsistent und glaubwürdig zu sein. Man muss regelmäßig spontane Entscheidungen treffen. Dennoch sollte auch über viele Spielsitzungen ein konsistentes Bild des Charakters erhalten bleiben. Genau dafür sind die Persönlichkeit und die Charaktermotivation wichtig.

Ich trenne darum das Innenleben meines Charakters beim Erstellen in zwei Abschnitte: Auftreten und Persönlichkeit.

Die Persönlichkeit mag die „Schaltzentrale“ sein, aber ich will wissen, wie mein Charakter auf andere wirkt. Das ist auch für den Spielleiter wichtig, damit er improvisieren kann, wenn ich mal schlampig beschreibe oder er mich direkt in eine Szene katapultieren will.

Zusätzlich zu den rein oberflächlichen Fragen (Kleidung) lege ich darum grob fest, wie sie auf andere wirkt, wie sie mit anderen interagiert und wie sie sich benimmt.

Erfahrungsgemäß ändert sich die Hälfte sowieso noch mal, wenn man erst einmal spielt, aber einige Grundlagen lege ich immer direkt am Anfang.

Anna Maria ist darum eine energiegeladene Person, die ihre Körpergröße durch Körpersprache und frontale Konfrontation wettzumachen versucht. Sie ist in der Unterschicht aufgewachsen und weiß, dass sie sich in einer männerdominierten Welt (der Polizei) durchsetzen muss. Darum fackelt sie nicht lange, versucht, ihre Dominanz durch klare Ansagen durchzusetzen, und lässt nicht locker. Sie ist ein „go-getter“. Das wird ihr vermutlich ebenso Ärger wie wagemutige Siege einbringen.

Ich gleiche gerne Charakterzüge, die ich als Spieler habe, durch Charakterzüge bei meinen Charakteren aus. Das hilft mir, das Spiel spannender zu gestalten und zu verhindern, in einen „Trott“ zu geraten. Da ich ein eher ruhiger Typ bin, muss immer ein Charakterzug da sein, der als „Antreiber“ dient, damit dem Spiel seine Dynamik erhalten bleibt.

In Anna Marias Fall ist das ihre kompetitive Ader. Sie will sich in der Männerdomäne Polizei behaupten, fordert gern andere heraus, wettet gern und geht Risiken ein – manchmal, ohne vorher ausreichend darüber nachzudenken.

Das hat natürlich auch seine Nachteile, weil es sie in die eine oder andere Zwickmühle bringen könnte. Vieles davon geht sie nach dem Motto an „Augen zu und durch!“, denn sie muss mehrere Nachteile überwinden, die ihr das Leben schwer machen, deren sie sich auch bewusst ist, sie aber nicht akzeptieren will. Sie ist physisch nicht beeindruckend (1,57 m groß), nicht übermäßig kräftig und zudem eine Frau aus einer ethnischen Minderheit.

Was für sie spricht, sind ihr Durchhaltewillen, ihre draufgängerische Ader und dass sie nicht auf den Mund gefallen ist. Außerdem hat sie bereits mehrere Jobs hinter sich und hat gewissermaßen die „Versorger“-Rolle in ihrer Familie angenommen – ist also recht erwachsen und erfahren für ihr Alter. Dazu kommt ein gewisses Maß an „Street smarts“, welches sie in ihrer Jugendzeit gewonnen hat. Das hilft ihr als Rookie beim LAPD ebenfalls.

Damit Charaktere einen eigenständigen Antrieb haben, brauchen sie Ziele, nach denen sie streben. Die kann man frei nach Schnauze festlegen, schöner ist aber, wenn die mittel- und langfristigen Ziele aus einer übergreifenden Motivation entstehen. Diese sollte tief in der Geschichte und der Persönlichkeit des Charakters verwurzelt sein. Das hilft auch beim Improvisieren.

Anna Marias Motivation ist dreigeteilt: Sie will sich emanzipieren und den Erwartungen der konservativen Gesellschaft standhalten. Von der Arbeit bei der Polizei erhofft sie sich sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg. Außerdem will sie „ihre“ Minderheit in der Öffentlichkeit ehrenvoll und würdig vertreten.

Daraus ergeben sich mehrere Ziele: Diaz will von ihren Kollegen ernst genommen werden, darum bringt sie volle Leistung und Mehreinsatz. Sie will erfolgreich ihr Trainingsjahr absolvieren, denn das ist Voraussetzung für eine Karriere im LAPD. Sie hofft darauf, die Gelegenheit zu kriegen, einen großen Fisch zu erwischen und damit zu beweisen, dass sie es draufhat.

Hinderlich sind dabei ihr Temperament, ihr Draufgängertum und zu wenig Respekt gegenüber den etablierten Hierarchien und Machtzirkeln.

Das sind in meinen Augen viele typische „Cop-Eigenschaften“ aus den Genre-Klassikern. Allerdings wollen wir ja auch explizit nicht mit Genrekonventionen brechen, weil wir das Polizeithema noch nicht bespielt haben. Die Konventionen auf den Kopf zu stellen, versuchen wir vielleicht bei einem zweiten Mal oder im Verlauf der Kampagne.

Wir arbeiten nicht mit voll ausgearbeiteten Charaktergeschichten. Diese haben sich bisher immer als hinderlich und unnötig einschränkend erwiesen. Stattdessen legen wir Eckpunkte fest, die quasi wie Säulen den Charakter tragen. Danach finden wir wichtige Wendepunkte. Ich nenne sie gern „Foto-Momente“, weil sie Schnappschüsse aus dem Leben des Charakters sind, die ihn definieren und beschreiben.

Da wir vieles davon in Rückblicken ausarbeiten wollen, muss ich nur die groben Umstände festlegen. Wir werden einige Spielsitzungen als Flashback-Episoden spielen, sobald das Spiel richtig etabliert ist. D. h., die ganzen Leute und Handlungsorte, die Anna Maria früher kennengelernt hat und die später eine Rolle spielen sollen, werden wir durch das Spiel selbst etablieren.

Die Diaz-Familie soll dafür Sorge tragen, dass Anna Marias Verbindungen zu ihrer Community stark bleiben. Außerdem dient sie als steter Quell kleiner Problemchen und persönlicher Querelen, wenn dieser oder jener Cousin Schwierigkeiten hat und diese oder jene Tante Ärger mit ihrem Vermieter.

Die Kernfamilie besteht aus der Mutter, die vor einer Weile einen Unfall hatte und dadurch ihren Job verlor und jetzt erst wieder arbeitet. Da sind zudem ein größerer Bruder, der die Schule abgebrochen hat, und eine Schwester, die viel zu früh ein Kind bekam. Eventuell kommen noch weitere Geschwister hinzu, aber das entscheidet der Spielleiter nach Bedarf.

Außerdem gibt es mehrere Cousins und einen Onkel, der die Vaterrolle mehr schlecht als recht übernommen hat. Daraus folgt auch: Der Vater fehlt. Das ist auch der Grund, warum Anna Maria mittlerweile die Versorgerrolle im Haushalt innehat, denn sie ist die Einzige mit einem zukunftsträchtigen Job.

Durch ihre diversen Jobs hat sie bereits einige Kontakte in der Nachbarschaft aufgebaut und diverse Bekanntschaften in Bars etc., die sie ansprechen kann.

Die Kindheit spielt so weit keine Rolle. Sie ist geradlinig: Anna Maria ging auf eine Public School und hatte mittelmäßige Noten. Die Abwesenheit des Vaters ist natürlich relevant, aber nur insofern, als sie allgemein eine Rolle spielt.

In ihrer frühen Highschoolzeit hing Anna Maria mit einer Nachbarschaftsbande herum, die kein guter Einfluss war. Sie verbrachten Zeit in abbruchreifen Häusern, rauchten Joints, tranken Bier, ärgerten Nachbarn und hatten irgendwann auch den ersten Sex.

Dabei kam es auch zu einer ungewollten Schwangerschaft – die mit einer Abtreibung endete. Das war einer der beiden wichtigen Wendepunkt für Anna Maria, die entschied, dass sie nicht als die Baby-Mama für irgendeinen ihrer Loserfreunde enden wollte. Diese stellten zum selben Zeitpunkt die Weichen, ob sie eine Karriere als (Klein)Kriminelle oder als Minimum-Wage-Arbeiter aufnehmen würden.

Seit ihrer Schwangerschaft hat Anna Maria einen besonderen soft spot für die Opfer häuslicher Gewalt und natürlich „Frauen wie sie“. Außerdem ist die Abtreibung in den frühen Achtzigern und in Anna Marias sozialem Umfeld ein „dunkles Geheimnis“.

Der zweite wichtige Grund, warum sie Polizistin geworden ist, war ihr Mentor. Er hat sie dazu gebracht, doch noch erfolgreich die Highschool abzuschließen und eine echte Karriere anzustreben. Er ist selbstredend ein Cop, der jetzt im Ruhestand ist und ein Restaurant betreibt (Klassiker, nicht wahr?). In ihrer Jugend war er aber noch im Dienst und hat ihr aus der Patsche geholfen, als sie Mist gebaut hat. Die exakten Details liegen hier erneut beim Spielleiter. Klar ist allerdings, dass er sie einmal rausgehauen hat und sie danach vor der Wahl stand, ob sie diese Chance nutzt oder ob sie sie verschwendet. Er ist der Grund, warum sie Detective werden wollte.

Bevor sie zur Polizei ging, war sie auf dem College, wo sie einen Abschluss in „Criminal Justice“ anstrebte. Als Einziger in der Familie mit einem anständigen Schulabschluss fiel ihr die Ehre zu, den Familien-College-Fund aufbrauchen zu dürfen, denn ihr Bruder war ja ein Schulabbrecher.

Leider musste sie ihr Studium vorzeitig abbrechen, als ihre Mutter einen schweren Unfall hatte und Pflege brauchte. Ihre Schwester hatte gerade ein Kind geboren, und ihr Bruder war nicht fähig, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Also fiel das Anna Maria zu, die nebenher auch noch arbeiten musste – und so diverse Hilfstätigkeiten und Jobs hatte, die ihr Erfahrung mit verschiedenen Lebensbereichen einbrachten.

Beim Versuch, im Restaurant ihres Mentors einen Job zu bekommen, hat der knallhart NEIN gesagt. Er stellte sie vor die Wahl: Geh auf die Polizeiakademie und geh den harten Weg oder komm nicht wieder her. Sie bestand die Aufnahmetests, absolvierte die Akademie und ist nun Polizistin.

Zum Ende kommen die ganzen Kleinigkeiten, die vor allem oberflächlicher Natur sind. Eigenarten, Angewohnheiten, Vorlieben, Abneigungen.

Ich fand den Gedanken lustig, Kollegen in der Wache mit ungewohnten Lebensmitteln zu irritieren und zu versuchen, sie davon zu überzeugen, wie toll die sind. Besonders solche mit Sauce, die schwierig zu essen sind und gerne einmal die Uniform vollsauen.

Dazu habe ich schlicht nach mexikanischem und südamerikanischem Streetfood gegoogelt und mir angeschaut, was davon ich interessant finde. Einiges war nicht glaubwürdig in LA zu platzieren, aber ein paar Sachen fand ich in Ordnung.

Die ersten drei, die ich mir für den Spielanfang notiert habe, sind Pambazo-Sandwiches, Gordita und – als ungewöhnliches Frühstück in der Tupperdose – Chilaquiles.

Officer Diaz hat einen Rosenkranz aus Amazonas-Wurzelholz an ihren Schlüsseln, den sie von ihrer Großmutter geerbt hat. Der soll verhindern, dass sie im Dienst einfach so erschossen wird, und hält natürlich auch für ein schnelles Stoßgebet her.

Spielt in dieser Kampagne für mich keine große Rolle und wird vermutlich kaum ein Thema sein. Darum hab ich mich für das übliche „Mag Männer, hat 08/15 Geschlechtsverkehr“ entschieden. Keine relevanten Fetische oder Ähnliches.

Auch das kann ich kurz halten. Die Kampagne wird Überstunden haben und sich vor allem um den Job selbst drehen. Darum ist das noch rudimentär, denn ich habe Zeit, das weiter auszubauen, auch basierend darauf, was sich als spannend herausstellen könnte. Anfangs ist das ja oft noch gar nicht klar.

Sie macht Sport, liest schlechte Fantasy und Pulp-Sci-Fi Romane, umsorgt Mutter und Familie – was Zeit kostet – und verbringt Zeit mit ihren Kollegen in der essenziellen Cop-Kneipe, wo sie auch bereit ist, ihre Trinkfestigkeit beim Wetttrinken unter Beweis zu stellen.

Diese Kampagne ist auf einem relativ realistischen Powerniveau angesiedelt, es gibt also keine Superkrieger. Entsprechend kann Anna Maria das, was man erwarten würde. Sie ist sehr gut zu Fuß, ist ausdauernd, kann ganz passabel schießen, ist eine sehr solide Autofahrerin, hat für einen Rookie-Cop überdurchschnittliches Wissen über das Justizwesen (abgebrochenes Studium) und ist eher am oberen Ende des IQ-Spektrums. Ansonsten kann sie das, was man von einem Polizisten so erwarten würde.

Kurz: Nicht viel zu sehen hier! Weitergehen.

Regelsystem: Wir benutzen unser eigenes. Da die Kampagne sich um „normale Menschen, die Überdurchschnittliches leisten“ dreht, wird es kein relevantes Aufleveln geben. Es ist für uns sinnlos, ein kompliziertes Charaktererschaffungssystem zu nutzen, um völlig mundane Charaktere zu erschaffen. Darum verteilen wir Werte und Fähigkeiten nach Gutdünken, und wenn alle das abnicken, dann passt das. Steigerungen nehmen wir dann vor, wenn genug Zeit vergangen ist und wir das für angemessen halten.

Während wir anfangen zu spielen, muss ich mir auch als Spieler noch einige Fähigkeiten und etwas Wissen aneignen, damit ich sicher agieren und meinen Charakter gut darstellen kann.

Dazu gehören besonders ein wenig Lingo, z. B. die Radio-Codes des LAPD („ten-codes“), und einige spanische Ausrufe und Ausdrücke.

Auch will ich die Uniformen kennen, mich mit den wichtigsten Waffen und den anderen Ausrüstungsgegenständen auseinandersetzen und mir die Autos anschauen.

Ich werde ebenfalls zusehen, dass ich einen kurzen Bericht über die LAPD Police-Academy lese, damit ich weiß, was dabei so alles abgedeckt wird und wie die Schüler dort wohnen.

Grundsätzliches zu Polizeirecht sollte ich natürlich auch kennen, also eben die Klassiker wie die Miranda-Rights, aber auch die „Use-of-Force“-Doktrin und solche Dinge.

Für Anna Maria spezifisch wichtig ist auch, dass ich mich ein wenig mit der kolumbianischen Geschichte beschäftige, damit ich weiß, was die Dinge in der „alten Heimat“ sind, welche die Familie bewegen.

Dazu kommen mehr seltsame Gerichte, die Anna Marias Mutter kochen könnte, mit denen sie dann ihre Kollegen irritieren darf und wegen denen es Streit geben wird, wenn jemand es Hundefutter nennt.

Ich denke, du hast nun einen sehr guten Überblick über meinen Charakter. Wir haben jetzt begonnen zu spielen, und ich werde sehen, wie es sich entwickelt.

Fandest du das interessant? Was würdest du anders machen? Hast du coole Ideen für spannende Handlungsorte? Ebenso nützlich sind Eigenschaften oder Charakterzüge bei Verbrechern oder Kollegen auf der Polizeiwache! Wenn ja, schreib deine Ideen doch unten ins Feedbackformular.

Eines noch: Reicht dir das nun zu unserer Polizeigeschichte oder soll ich irgendwann ein Update schreiben, wenn wir eine Weile gespielt haben?

Unsere Artikel mit allgemeinen Spieltipps und Tipps mit besonderem Augenmerk auf Spielleiter findest du in den Artikelsammlungen.

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