GeschichteGeschichtskrümelMittelalterPen&Paper

Seuchen im Mittelalter: Volksmedizin und Magie – Geschichtskrümel 46

Lesezeit: 7 Minuten

Die vorherrschende Leitidee der Medizin war die Säftelehre von Galen. Bewahrt wurde dieses Wissen im Mittelalter von den Klöstern, die für die Gesundheit der Bevölkerung nach christlichen Leitlinien sorgen sollten. Allerdings drang die Klostermedizin noch lange nicht in alle Bereiche des medizinischen Alltags vor.

Der Verfasser des Lorscher Arzneibuches aus der Zeit von Karl dem Großen (795) begründet beispielsweise nicht nur, dass die Heilkunde eine gottgewollte Sache ist – sie wird in der Bibel erwähnt –, sondern auch, dass neben einer natürlichen Leidensanfälligkeit auch andere Gründe Krankheiten auslösen können. Namentlich wenn Sünde und Bewährungsprobe, also „göttliche“ Ursachen, vorliegen.

Damit erteilt er auch der Volksmedizin eine Absage, die alles andere als „christlich“ war. Wie den Lesern meiner Geschichtskrümel mittlerweile vielleicht geläufig ist, war die Christianisierung durch das gesamte Mittelalter hindurch nicht absolut. Es brauchte lange Zeit, bis die christliche Lehre auch den Alltag der einfachen Leute durchdrang.

Hôtel-Dieu de Paris Holzstich 16. Jh.
Glaube und Medizin waren institutionell verknüpft, denn die Klöster und Hospizen der Kirche waren wichtige Träger der medizinischen Versorgung. Zudem war göttliches Wirken und alte wie neue Magie ein Teil der Mystik, welche Krankheiten umgab (auch Gott war Teil von Zaubersprüchen / Segenssprüchen). Hier: Ein Holzschnitt des Hôtel-Dieu in Paris im 16. Jh. Gott steht ganz in der Mitte des Bildes und sogar der König kniet, während Seuchen wüten.

Die „christliche“ Klosterheilkunde war also nicht allein. Neben ihr gab es auch die Volksmedizin, die für uns heute nur noch schwer zu begreifen ist. Sie basierte nicht auf Theoriemodellen wie der Säftelehre. Ebenso wenig wurde ihre Praxis in klösterlichen Schriften festgehalten.

Die Volksmedizin basierte auf Erfahrungswerten und orientierte sich an den lokalen Möglichkeiten, also unter anderem den Pflanzen, die man in der eigenen Heimat vorfand. In diese Volksmedizin flossen auch Aberglaube und eine selbstverständliche Vorstellung von Magie ein. Magie, und das ist wichtig, ist nämlich nicht Hokuspokus. Magie ist ein alternatives Erklärmodell für Ereignisse und Zusammenhänge. Es mag dem wissenschaftlichen Blick nicht standhalten – aber es wurde nichtsdestotrotz von vielen Leuten für glaubwürdig erachtet und versuchte in sich geschlossen zu funktionieren. Eben ein „rationales Modell“, dessen Grundlagen aber nicht empirisch belegbar waren und sind. Ganz ähnlich war ja auch die galenische Säftelehre ein rationales Modell. Man konnte die der Magie innewohnende Logik anwenden und daraus Entscheidungen und Handlungen ableiten.

Arzt und arme Frau 1372
Ärzte waren teuer und sie versuchten ihre Geschäftsfelder zu schützen soweit das ging. Regelmäßig lagen sie im Streit mit den Badern, Apothekern und Chirurgen, wer denn nun was machen durfte. Immer wieder mussten Dekrete erlassen werden, die klarstellten, welche Berufsgruppe, welche Privilegien genoss. Hier: Bild aus dem 14. Jh., das eine arme Frau und einen Arzt beim Gespräch zeigen. Wie er zu der Dame steht kann man aus seiner Haltung ganz gut schließen.

Nicht jeder Heilkundige lernte sein Handwerk an Klosterschulen oder den ab dem späten 11. Jh. langsam aufkommenden Universitäten (1088 entstand in Bologna die erste Universität). Viele erwarben ihr Wissen in einer Art Lehre und zogen dann von Ort zu Ort, um ihre Dienste anzubieten. Das heißt nicht, dass sie von der klösterlichen Medizin nichts verstanden, aber ihr Wissen war weniger formal strukturiert und entwickelte sich aus der Praxis heraus.

Damit lagen sie nicht automatisch näher an der Wahrheit als die Ärzte, die den Urin ihrer Patienten untersuchten, um das Ungleichgewicht der Säfte zu deduzieren. Ein Mönch und Heiler namens Nicholas in Krakau war beispielsweise überzeugt, dass es sowieso keine nachvollziehbaren Gründe für Krankheiten gab und ausschließlich Gott heilte.

Das hieß allerdings nicht, dass er nun wie wild betete! Stattdessen betonte er, dass die traditionellen Ärzte zu viel Augenmerk auf die Krankheitsursachen legten. Er bevorzugte hingegen die Empirie, die er als Erfahrungswerte der einfachen Leute verstand. Diese hätten eine viel bessere Beziehung zu den „realen“ Dingen, und damit offenbarte ihnen Gott mehr Wissen als den Akademikern.

Seine Heilmethoden waren darum auch simpel: möglichst viel Schlangenpulver, Froschpulver und Skorpionpulver, am besten zweimal pro Tag in Wein aufgelöst. Manchmal hängte er auch einen magischen Beutel, dessen Inhalt er niemandem zeigte, über dem Bett des Kranken auf. Schwitzte der Kranke in der Nacht und hatte er (Fieber-)Träume, dann bestand Hoffnung auf Heilung.

Warum Schlangen, Frösche und Skorpione? Verschiedene magische Texte der Zeit verbanden „erdnahes“ mit göttlicher Kraft. Frösche, Schlangen und Skorpione krochen alle nahe an der Erde. Es hieß, dass Dämonen sich nicht mit diesen „erdnahen“ Dingen abgaben. Sie waren also nicht nur „nahe an der Quelle aller Tugend“ (Gott), sondern auch noch von Dämonen unberührt.

Neben den akademischen Texten wie der Säftelehre von Galen gab es auch viele Handbücher, die sich an „jedermann“ richteten. Das in Volkssprache und nicht in Latein geschriebene Leechbook von Bald aus dem 10. Jh. in England ist eines von zahlreichen Handbüchern für die Selbstbehandlung diverser Gebrechen. Die Vorschläge von Bald sind ein Mix aus der normalen Klostermedizin, Anweisungen, welche Gebete über Heilkräuter gesprochen werden sollen, und Beschwörungsformeln, um das Leiden auszutreiben.

Andere Quellen bieten Ideen, was für Elfen oder Kobolde für welche Erkrankungen Verantwortung tragen oder welche Zaubersprüche gesprochen werden sollen, um sie loszuwerden. Die Merseburger Zaubersprüche sind ja vielen ein Begriff, dort wird Wotan angerufen, um die Kranken zu heilen.

Allgemein gilt für mittelalterliche Magie, dass sie vielfach nicht „für sich“ stand, wie das in modernen Märchen oder Fantasy-Rollenspielen der Fall ist. Sie verbindet sich in vielen Handbüchern ganz selbstverständlich mit dem Nichtmagischen. Egal, ob es um Heilkunde, Kriegskunst oder andere Themen geht: Magie und Mundanes stehen nebeneinander und gehen Hand in Hand.

Inspirierendes Beispiel eines Apothekertisches
Als inspirierendes Beispiel für Geschichten oder das Pen & Paper Rollenspiel: Diorama eines Tisches eines italienischen Apothekers (Jahr mir leider unbekannt) aus einer Ausstellung in den USA. Ich würde ihn visuell nicht ins Mittelalter sondern eher ins Barock oder sogar später verorten, außerdem weiß ich nicht, wie viele Gegenstände hinzugefügt wurden oder ob es sogar ein reiner Mashup ist. Dennoch: Ich denke, man kann sich sofort eine Szene vorstellen, wie der Apotheker dort seine Pülverchen mischt.

Selbstredend hatte die Magie ihre Hand nicht nur beim Heilen von Krankheiten im Spiel. Sie war ebenso fähig, Krankheiten auszulösen. Das war nicht nur ein Thema im Frühmittelalter, sondern spielte noch über das Mittelalter hinaus eine Rolle.

Etwas, was wir immer wieder in den Schriften über Zaubersprüche finden können, ist Impotenz. Ihr Gegenteil, die Potenz natürlich ebenso. Wir haben ja heute noch „quasi-magische“ Mittelchen, die dem Mann aus der Patsche helfen sollen, wenn es mal nicht klappt. Spanische Fliege und Co. sind nicht weit weg von den Pülverchen  aus allerlei Getier, die Mystiker wie der oben erwähnte Nikolaus angewandt haben. Das Thema „Schlafzimmer“ war wichtig! Logisch: Ohne Sex kein Vollzug der Ehe. Ohne Ehevollzug keine legitimen Erben. Das spielte gerade bei der schreibenden Elite eine Rolle.

Ein Beispiel ist König Lothar II., einer der Nachfolger von Karl dem Großen. Das Liebesleben von Lothar führte zu einigem Hin und Her und beinhaltete einen langanhaltenden Disput mit der Kirche, Vorwürfe von Zauberei und Gutachten von höchster Stelle, die über die Zukunft des Reiches entschieden!

Lothar heiratete 855 die Adlige Theutberga. Sie war eine rationale Wahl, denn ihr Adelsgeschlecht war mächtig und einflussreich. Lothar – Mann, der er war – hatte allerdings bereits eine Frau, nämlich Waldrade. Mit ihr führte er eine Art „Ehe light“ (sogenannte „Friedelehe“). Bald wollte er seine Geliebte zur eigentlichen Ehefrau aufwerten. Dafür musste er nun aber Theutberga loswerden! Die einzige Option war Scheidung. Diese war aber nur in wenigen Fällen vorgesehen und bei einem König eine Frage der Staatsräson.

Wie viele Ehegeschichten wurde auch dieser Streit bald mit schmutzigen Mitteln geführt. Mehrere Kirchensynoden in Aachen mussten sich mit der Frage befassen: Scheidung ja oder nein? Lothar hatte seiner Frau vorgeworfen, sie hätte mit ihrem Bruder durch Inzest ein Kind gezeugt und dieses dann mit einem magischen Trank abgetrieben.

Die Frage, die uns aber interessiert, ist Lothars angebliche Impotenz, denn es bestand der Verdacht, dass Magie im Spiel war. Die Ehe mit Theutberga war nach Jahren immer noch kinderlos. Seine Geliebte Waldrade hingegen hatte bereits mehrere Kinder von ihm. Der König behauptete aber, dass ihm Impotenz angehext worden sei.

Hochrangige Kirchenleute beschäftigten sich mit der Frage. Es stand gar nicht zur Debatte, ob Magie grundsätzlich Impotenz verursachen konnte – das war bekannt. Erzbischof Hinkmar von Reims erörterte in einem Gutachten für Lothars Konkurrenten Ludwig stattdessen andere Fragen. Gab es überhaupt Zauber, die Impotenz bei der Ehefrau, nicht aber bei der Konkubine hervorrufen konnten? Hinkmar war hier skeptisch.

Am Ende entschieden die Kirchensynoden, dass einer Scheidung stattgegeben werde, wenn eine Heilung der Impotenz trotz ernst zu nehmender Versuche fehlschlage. Die Sache schlug große Wellen. Im Zuge des Nachspiels wurden mehrere Erzbischöfe exkommuniziert (ebenso wie die Konkubine Waldrade). Nach Lothars Tod wurde sein Reich zwischen seinen Brüdern aufgeteilt.

Es war für die Zeitgenossen selbstverständlich, dass Magie Einfluss auf Krankheiten hatte. Sie bildete mit dem göttlichen Wirken die mystischen Aspekte von Krankheit. Daneben gab es auch noch die rationale Lehre der vier Säfte der griechischen Ärzte und vermeintlich empirisches Volkswissen.

In den nächsten Artikeln der Themenserie „Seuchen im Mittelalter“ werde ich über einige spezifische Krankheiten schreiben. Darunter natürlich auch der Evergreen: die Pest.

„Geschichtskrümel“ ist eine wöchentlich erscheinende Serie aus Kurzartikeln. Sie soll Spielern und Spielleitern als Anregung dienen und Inspiration fürs Pen & Paper Rollenspiel bieten. Die Geschichtskrümel drehen sich um historische Ereignisse oder Themen, über die ich in meinem Alltag stolpere. Sie sind manchmal lehrreich, manchmal skurril und manchmal einfach nur lustig.

Quellen:

Jankrift, Kay Peter. Krankheit und Heilkunde im Mittelalter. 2. durchg. Ausg. Darmstadt, 2012.

Láng, Benedek. Unlocked Books. Manuscripts of Learned Magic in the Medieval Libraries of Central Europe. University Park, 2010.

Foto des Apothekertischs: Nelo Hotsuma / CC BY

Blog abonnieren und nichts mehr verpassen