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Das „traditionelle Fest“: Eine kurze Geschichte der Weihnacht – Geschichtskrümel 42

Lesezeit: 11 Minuten

Traditionell – modern. Beides! Die Ursprünge von dem, was wir heute als „traditionelle Weihnachten“ ansehen, liegen in gar nicht allzu ferner Vergangenheit. Das viktorianische England war die prägende Epoche für die Weihnacht à la Charles Dickens, die über Amerika ihren Weg in die Welt nahm.

Letzte Woche habe ich über die vorchristlichen Wurzeln geschrieben. Julebuk und Fruchtbarkeitsriten spielen heute aber keine Rolle mehr. Der immergrüne Baum und die Geschenke sind uns aber erhalten geblieben. Hinzu kommt ein gehöriger Schuss Kommerz. Da stellt sich doch die Frage: Wann, wo und weshalb entstand eigentlich die moderne Weihnacht mit ihrem „Santa Claus“, die mittlerweile so international ist, dass selbst Länder, in denen das Christentum keine Rolle spielt, „Christmas“ zelebrieren.

Winterthur dining room christmas
Weihnachtsdinner im Museum der Familie Winterthur. Eine perfekte bürgerliche Weihnacht.

Ebenezer Scrooge in der immer wieder neu verfilmten Geschichte von Charles Dickens‘ „A Christmas Carol“ zeigt uns den „Geist der Weihnacht“ wörtlich und metaphorisch auf. Nur, was ist denn das „eigentliche Wesen der Weihnacht“?

Im viktorianischen England haben die Briten einen geradezu selbstverständlichen Anspruch darauf erhoben, dass Weihnachten zu England gehört. Natürlich sprachen sie den anderen Völkern Europas nicht ab, dass sie auch Weihnachten feierten, aber für die Inselbewohner war die besondere „Englishness“ von ihrem Weihnachten offensichtlich. Vieles, was wir heute als „traditionell“ erachten, erkennen wir auch in der viktorianischen Weihnacht wieder.

Diese Weihnachtsidee verband sich dann nach dem Einzug in die Herzen der Amerikaner zu einer größeren „angelsächsischen“ Weihnachtstradition, und zur Jahrhundertwende 1900 war Weihnachten das Fest in Amerika und England.

Christmas in Ireland 1894
Diese Kinder im Irland des Jahres 1894 erhielten auch bereits Geschenke. Kaum anders als heute – höchstens etwas weniger reichhaltig.

Für viele Leute bedeutet Weihnachten auch Stress und Verpflichtungen. Auf der einen Seite soll es doch ein Familienfest sein, das sich ganz um das Beisammensein und die wohlige Wärme des eigenen Heims dreht. Auf der anderen Seite müssen aber Geschenke besorgt, Weihnachtsmärkte besucht, Weihnachtsfeiern absolviert und tausend Weihnachtsgrüße beantwortet werden.

Die Vorstellung der heimeligen Weihnacht folgt einem klassischen Regiment, das den bürgerlichen Traditionen und den Familienbildern des 19. Jh. entstammt. Egal ob man nun die Geschenke am Morgen öffnet oder nach dem Essen. Der Ablauf der „traditionellen Weihnacht“ ist immer ungefähr gleich.

Man trifft sich mit seiner Familie. Ein bunt behangener Weihnachtsbaum schmückt das Wohnzimmer, Geschenke liegen darunter. Ein Festmahl wird bereitet, das man gemeinsam einnimmt. Irgendwann verlangen die Kinder, dass sie nun endlich ihre Geschenke öffnen dürfen. Die Erwachsenen schauen zufrieden zu, wie die lieben Kleinen mit großen Augen ihre Pakete aufmachen.

Derweil steht Mutti (meistens ist es ja nach wie vor Mutti) allerdings noch in der Küche und versucht irgendwie den Nachtisch fertig zu kriegen. Außerdem ist Onkel Peter bereits etwas zu beduselt und redet eine Menge Unsinn in einem etwas zu lauten Tonfall. Dass die Schwiegermutter das gelegentlich noch mit spitzen Kommentaren bedenken muss – geschenkt.

Viele Erwachsene erwischen sich darum immer wieder bei dem Gedanken, dass „Weihnachten heute nicht mehr ist, was es mal war“. Wir könnten das jetzt darauf schieben, dass sich Weihnachten verändert hat. Aber ist das so? Viele übernehmen schließlich die Abläufe aus ihrem eigenen Elternhaus, wenn sie erst einmal selbst erwachsen sind.

Dieses Gefühl, dass die Weihnacht früher einfach irgendwie „mehr wie Weihnacht“ war, ist nichts Neues. Darüber wird geklagt seit der Erfindung der modernen Weihnachtstradition, die auch durch die stärkere Verbreitung der Massenmedien eine gewisse Standardisierung durchlaufen hat. Es gehört regelrecht zur Idee von Weihnacht dazu, dass man ein wenig in Nostalgie schwelgt und vergangenen Weihnachten nachtrauert.

Was sich aber definitiv verändert hat, sind wir selbst. Mit jedem Jahr werden wir älter, und irgendwann erhalten wir nicht mehr die besondere Aufmerksamkeit, welche den Kindern zur Weihnachtszeit zugesprochen wird. Plötzlich müssen wir diese Aufmerksamkeit geben. Und auch noch Weihnachtsmützen auf Arbeit tragen. Und im Fernsehen laufen Weihnachtsfilme, die auch nicht jedermanns Sache sind. Ich kann beispielsweise „Der kleine Lord“ nicht mehr sehen.

Es ist also nur logisch, dass „Weihnachten früher irgendwie mehr wie Weihnachten war“ – denn die Welt der Kinder ist magischer, größer und voller Geschenke. Die Weihnachten von Mutti und Vati sind voller „Der Braten ist noch nicht fertig“, „Da fehlen noch Geschenke“, „Warum ist das Paket denn nicht geliefert worden?“ und anderen völlig mundanen Tätigkeiten.

Apropos Geschenke. Ist Weihnachten nicht schrecklich kommerzialisiert worden? Ich höre Zustimmung? Die Antwort ist leider … nein. Nicht innerhalb meiner Lebenszeit zumindest. Der Kommerz ist nur besser darin geworden, sich zu vermarkten.

Aus England wanderte die Weihnachtstradition nach Amerika und fasste dort Fuß in den USA – dem stolzen Heimatland des Kapitalismus. Weltgrößter Exporteur von Ready-to-use-Kulturgut und Betreiber der mächtigsten Medienindustrie der Welt.

Coca Cola SAnta Claus Truck
Es ist nur passend, dass der Coca-Cola Santa Claus einen LKW fährt. Schließlich ist er bei dem Geschenkvolumen, das er mittlerweile liefert, definitiv ein Logistikunternehmer.

Der Fernseher hatte gewaltigen Einfluss auf die Vorstellung von Weihnachten. Weltweit hat in den 1950er-Jahren eine Wende begonnen. Weg von der lokal geprägten Weihnachtstradition, hin zu einer allgemeineren, internationalen Idee der Weihnacht mit dem rot gekleideten Santa Claus, Christmas-Shopping und dem allweihnachtlichen Fernsehprogramm.

Der Weihnachts-Kommerz führt sogar so weit, dass der Einzelhandel regelrecht abhängig geworden ist vom Weihnachtsgeschäft. Für einige steht sogar der gesamte Dezember im Zeichen der Weihnachtsfeierlichkeiten. Wie ein Wettrennen laufen sie auf das Ziel zu: den Weihnachtstag!

Dieser seltsame Weihnachtsmann würde vermutlich auch Ebenezer Scrooge um den Schlaf bringen. Ob das „weihnachtlich“ ist, muss jeder selbst entscheiden. Man beachte den Schriftzug am Schaufenster. Selbstironie des Applestores oder Hilferuf eines modernen Menschen?

Gleichzeitig erhält die neue, medienabhängige, Weihnachtskultur einige sehr alte Vorstellungen aufrecht. Nach wie vor ist Weihnachten die Zeit der Spenden und der Großzügigkeit. Man lädt einander ein, und man besinnt sich auf das Gemeinsame. Das ist nicht verschwunden, man kann es nur manchmal etwas schwerer hören in all dem Lärm der Moderne.

Auch die Familie ist nicht aus der modernen Weihnacht verschwunden. Stattdessen wird fast noch mehr Wert darauf gelegt als früher. Flugzeuge, Eisenbahnen und Reisebusse sind zur Weihnachtszeit vollgestopft mit Reisenden, die sich quer durch die Bundesrepublik oder darüber hinaus transportieren lassen, um einige Tage bei der Familie zu verbringen.

Wurzelkrippe
Bevor Santa Claus und die englische Weihnacht ihren Siegeszug antrat, war der Krippenkult in Kontinentaleuropa noch wichtiger. Heute lässt er immer weiter nach. Hier: eine sehr hübsche Wurzelkrippe.

Okay, okay… ja, Weihnachten ist auch voller Kommerz und Shoppingwahn. Einen Abschnitt möchte ich dem also dennoch widmen. Traditioneller Kern hin oder her.

Frau beim Shopping, Weihnachten 1963, Florida.

Weihnachtsshopping ist allerdings älter, als man glaubt. Die moderne Konsumgesellschaft hat zwar eine Weile gebraucht, um Fahrt aufzunehmen – unter anderem mussten sich auch die ärmeren gesellschaftlichen Schichten das erst einmal leisten können –, aber eine eigene Kultur des Weihnachtsshoppings entstand bereits im späten 19. Jh.

Eine treibende Kraft waren die großen Kaufhäuser. Erst diese boten die physische Möglichkeit des „Schlendern und Anschauen“, was ja zum Shopping dazugehört. Zuvor wurde auch bereits extra für Weihnachten eingekauft, aber der größte Aufwand betraf das Besorgen und Auftreiben exotischer Leckereien für eine gutbürgerliche Weihnacht.

Kinder betrachten das Schaufenster eines Spielzeuggeschäfts. Schaufenster und Schauraum war etwas, was gerade die großen Kaufhäuser auszeichnete. Viele kleine Geschäfte konnten einfach nicht so ansehnlich drapieren, weil sie den Platz für anderes brauchten. Datum unklar, zwischen 1910 und 1915.

Spätestens nach der Jahrhundertwende ging es dann aber richtig los. Was heute Warnungen von Onlinehändlern sind, dass man früh genug bestellen soll, um rechtzeitig zu Weihnachten seine Lieferung zu erhalten, waren damals die Warnungen von überlasteten Verkäufern in den Läden. Wer gute Beratung und persönliche Aufmerksamkeit wünsche, der solle frühzeitig einkaufen.

harrods christmas decoration fassade
Die bunten Lichter und die geschmückte Fassade sind Teil des Konzepts. Harrods und andere Kaufhäuser bieten „Shopping als Erlebnis“ statt „Einkaufen“. Die Idee schlug ein wie eine Bombe.

Viele Dinge, die wir heute aus amerikanischen Weihnachtsfilmen kennen, entstanden erst durch die Käufer. Was aber machte Kaufhäuser so besonders, verglichen mit den kleinen Läden, welche davor noch üblich waren?

Die großen Kaufhäuser konnten etwas bieten, was den kleinen Läden fehlte: Platz, Geld und Glamour. Schaufenster wurden dekoriert, Weihnachtsdekoration glitzerte und funkelte. Damit sollte der Einkauf an sich zum Erlebnis werden, statt nur zur Notwendigkeit. Der „Mall Santa“, ein essenzieller Teil jeder amerikanischen Weihnachtskomödie, wurde bereits 1888 erfunden!

Mall Santa
Ein „Mall Santa“ in China. Perfektes Sinnbild für die kommerzialisierte Weihnacht. Im völlig unchristlichen China ist Santa definitiv nicht der Heilige Sankt Nikolaus.

In „Santa‘s Grotto“ wartete „Father Christmas“ darauf, dass die Kinder kamen. Und die kamen! Die Läden lockten die Kinder mit dem Weihnachtsmann-Erlebnis und versuchten die Mütter damit in die Kaufhäuser zu locken. Sie wurden zum Kern des „Eventshoppings“. Damit hatten die Kaufhäuser erreicht, was sie wollten. Das „Sightseeing“ in den Kaufhäusern war alsbald ebenso Teil der Weihnachtstradition wie das Keksebacken.

Auch Versandhandel war bald ein Thema. Geschenke bestellen ist ja mittlerweile normal, aber zu Beginn des letzten Jahrhunderts entstand erst das Konzept des „Katalogshoppings“. Die großen Kaufhäuser wollten nämlich keinesfalls auf die Käufer vom Land verzichten. Viele von diesen reisten zwar in die nächste Stadt, aber viele griffen auch auf die Kataloge zurück, welche die Kaufhäuser für ihren Versandhandel druckten.

Dass Weihnachten sich verändert, ist eine triviale Erkenntnis. Gleichzeitig bleibt sie aber auch gleich. Sie passt sich an die neuen Bedürfnisse an, behält aber vieles von dem bei, was sie schon immer auszeichnete.

Gleichzeitig verbinden uns der Weihnachtstrubel, der Einkaufsstress und das nostalgische Gefühl, dass die Weihnacht irgendwie einmal magischer war, mit unseren Vorfahren vor 150 Jahren. Egal ob gläubiger Christ, der den Kern der Weihnacht in der Geburt Jesu sieht, oder als bekennender Atheist. Die Weihnacht bietet viele Aspekte, die unabhängig vom eigenen Glauben funktionieren und Anziehungskraft ausüben. Nach wie vor ist Weihnachten ein Fest, das sich um Gemeinschaft dreht, um Familie und um Großzügigkeit. Werte und Emotionen, die gänzlich unabhängig von Religion sind.

Mit der Weihnacht gingen schon immer Kontroversen einher. Einige habe ich bereits aufgezeigt, eine ist aber immer wieder interessant, gerade in den USA. Frohe Weihnachten? Happy Holidays? Frohes Fest oder Frohe Weihnacht? Auch andere Streitpunkte tauche immer wieder auf: Weihnachtsmann oder Sankt Nikolaus? Oder gar der englische „Santa“?

Gerade am Weihnachtsmann entbrennen immer wieder Kontroversen, denn er ersetzt nach Ansicht einiger als Symbol und als Bezugsperson den „eigentlichen Star“ von Weihnachten: Jesus. Coca-Cola wirbt nicht mit Jesus, und einen Schokoladen-Christus findet man ebenfalls nicht in den Geschäften.

In Dijon ging das 1951 sogar so weit, dass die Priesterschaft dort eine Hinrichtung billigte. Der Weihnachtsmann wurde am 24. Dezember vor den Augen Hunderter Schulkinder erst in der Kathedrale aufgehängt und dann öffentlich in der Stadt verbrannt. Er war für schuldig befunden worden, ein Häretiker zu sein, der nach und nach die Weihnacht übernahm, um sich selbst als Gott zu installieren. Außerdem hatte der Staat gerade die Krippen aus den öffentlichen Schulen verbannt – nicht aber den heimtückischen Weihnachtsmann. Dieser drohte nun ein Goldenes Kalb zu werden!

Das Ganze rief sofort Widerstand hervor. Es fand sich keine Mehrheit für die nachhaltige Ermordung des Weihnachtsmanns, und er wurde alsbald wiederbelebt. Im Rathaus trat er vor die Kinder und sprach zu ihnen. Kaum jemand brachte den Weihnachtsmann mit Schrecken in Verbindung. Er war ein freundliches und harmloses Symbol einer schönen Kindheit.

Der Weihnachtsmann bietet darum vielen Leuten, für welche die alten religiösen Riten nichts mehr bedeuten, eine Möglichkeit, das Irrationale, Kultische in der Weihnacht aufrechtzuerhalten.

Die Kinder erwarten freudig ihren Wintergott, um ihm Anbetung entgegenzubringen. Oder sie hoffen darauf, dass ein freundlicher alter Mann ihnen Geschenke und Schokolade bringt.

Claude Lévi-Strauss vergleicht ihn sogar direkt mit einem Gott: Er trägt das Scharlachrot, eine königliche Farbe. Sein weißer Bart, seine Kleidung und sein Schlitten verbinden ihn mit seinem Element, dem Winter. Sein Alter und seine Anrede in einigen Ländern als „Vater“ deuten auf die Autorität der alten Könige in grauer Vorzeit hin, die als gütiger Patron auftraten. Zudem wird ihm einmal im Jahr von den Kindern Ehre erwiesen und werden ihm Opfer dargebracht (Milch und Kekse). Des Weiteren bestraft er die schlechten Kinder und belohnt die guten. Er ist somit der Wintergott der Kinder!

Würden Erwachsene an ihn glauben, wäre die Religion perfekt. Nur tun sie das natürlich nicht. Es signalisiert geradezu einen Übertritt in einen neuen Lebensabschnitt, wenn man das Geheimwissen der Erwachsenen eröffnet bekommt: Der Weihnachtsmann ist nicht echt, und der Osterhase ist ein Lindt-Fabrikarbeiter.

Weihnachten ist also auch ganz ohne aktiv gelebte Religion voller Riten und Traditionen, welche über die Jahrhunderte aus einem wilden Mix hervorgingen. Sie verändert sich ständig weiter. Einzelne Aspekte werden in andere Länder exportiert, adaptiert, reimportiert, wieder verändert usw. Ihr Fundament steht aber auf einem steinernen Sockel von zweitausend Jahren!

„Geschichtskrümel“ ist eine wöchentlich erscheinende Serie aus Kurzartikeln. Sie soll Spielern und Spielleitern als Anregung dienen und Inspiration fürs Rollenspiel bieten. Die Geschichtskrümel drehen sich um historische Ereignisse oder Themen, über die ich in meinem Alltag stolpere. Sie sind manchmal lehrreich, manchmal skurril und manchmal einfach nur lustig.

Quellen:

  • Conelly, Mark. Christmas. A Social History. New York, 1999.
  • Golby, J.W. und Purdue, A.W. The Making of the Modern Christmas. Revised Edition. Stroud, 2000.
  • Miller, Daniel, Hrsg. Unwrapping Christmas. Oxford, 1995.
  • Fotos: Coca-Cola Truck: Pauls Imaging Photography / CC BY-ND, Harrods: Michael Cavén / CC BY, Apple Store: Daniel Lobo / CC BY, Wurzelkrippe: onnola / CC BY-SA, Mall Santa: bfishadow / CC BY, Santa Postcard: Snapshots of the Past / CC BY-SA

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