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Die Spielleute: Verehrt und verachtet – Geschichtskrümel 39

Lesezeit: 5 Minuten

Das Bild der Spielleute hatte sich seit der Antike geändert, und im christlich geprägten Mittelalter waren die Spielleute genau wie die Henker, die Bettler und die Krüppel Teil der Randgruppen der Gesellschaft. Sie waren nicht sesshaft und standen damit außerhalb der „guten Ordnung“. Dabei muss man wissen, dass die Vorstellung der Gesellschaft anders als heute sehr viel statischer war. Es gab die Annahme einer prinzipiell korrekten, weil göttlichen, Ordnung der Welt. Diese klare Ordnung der Welt beinhaltete auch das Böse bzw. das Sündige. Die Schausteller und andere Randgruppen wurden darum zwar mit kritischem Auge gesehen, waren aber eben dennoch Teil des göttlichen Weltengefüges.

Das sorgte auch dafür, dass diejenigen, welche nicht Teil der anständigen und guten Gesellschaft waren, erst einmal mit Argwohn angesehen wurden. Die Sünde bedrohte ja nicht nur den Einzelnen, sondern auch die Gemeinde als gesamte. Göttliche Strafen waren schließlich gerade in Krisenzeiten eine offensichtliche Gefahr. Und wer war stärker davon bedroht, zu sündigen, als die Leute, die außerhalb eines Sicherheit gebenden und kontrollierenden Gemeinwesens lebten?

Was waren nun aber die Merkmale dieser „Liederlichkeit“ und damit des Kerns des schaustellerischen „Lotterlebens“?

Der wichtigste Punkt ist, dass sie keinen festen Wohnsitz haben. Wer kein Haus und keinen Herd hat, der kann ja auch nicht Teil einer Gemeinschaft werden. Sie waren nicht an Zünfte oder andere Gesellschaften angebunden, die ihnen Ordnung und Regeln gaben. Zudem waren sie ohne Haus auch niemals Bürger einer Stadt. Damit fehlte es ihnen auch an Leuten, die für ihren guten Ruf eintreten konnten. Das war bereits seit dem Frühmittelalter von unschätzbarer Wichtigkeit. Ohne Bürgen war man niemand.

Neben der Heimatlosigkeit kam auch noch hinzu, dass die Schausteller genau wie die Henker, die Totengräber und sogar die Schäfer Grenzgänger waren. Die Schäfer agierten beispielsweise in der Wildnis, waren aber gleichzeitig Teil der Zivilisation. Der Volksglaube ging davon aus, dass diese „unehrlichen Berufe“ zwischen den Welten agierten – auch aus historischen Gründen. Sie hatten eine unangenehme Verbindung zur Wildnis, zum Tod und zu „dem Anderen“, das vor den Stadtmauern außerhalb der Zivilisation stattfand. Das galt natürlich für Henker und Totengräber mehr als für Schausteller, aber dennoch waren die Spielleute Teil dieser Gruppe.

Kein Blatt vor dem Mund

Es war dem Ruf der Fahrenden zusätzlich abträglich, dass sie durch ihre Ungebundenheit eben auch nicht gezwungen waren, sich anderen einfach so unterzuordnen. Man misstraute ihnen wegen ihrer Ungebundenheit, und man verachtete sie, weil sie taten und ließen, was sie wollten.

Sie konnten etwas tun, was den meisten verwehrt war: die Mächtigen kritisieren. Spielleute überzogen gerne einmal „die da oben“ mit Hohn und Spott oder äußerten Kritik an dem Tun und Lassen der Herrschenden, während diese anwesend waren. Etwas, was sich seit der Antike kaum geändert hatte.

Gleichzeitig mussten sie sich den Reichen und Mächtigen aber auch anbiedern und ihnen schmeicheln, denn diese waren die einzigen, die als Gönner für Spielleute auftreten konnten – und ohne Geld und Gemeinde war der Hunger nie fern. Die Zeitgenossen interpretierten dieses Hin und Her aus Kritik und Schmeichelei oftmals als das „Fähnchen in den Wind hängen“.

Das war dem Ruf der Schausteller zusätzlich abträglich. Sie hatten also ein „ungewaschenes Schandmaul“, und zugleich galten sie als heuchlerisch und auf ihren Vorteil bedacht. Der Neid spielte dabei ebenfalls eine Rolle, konnten die Spielleute doch all das tun, was all denen verwehrt war, die von gesellschaftlichen Zwängen gefesselt waren.

Darum kam es auch immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen auf Spielleute, wenn Einzelne Rache dafür nehmen wollten, dass sie von Kirche, Obrigkeit und dem eigenen Herrn von all dem abgehalten wurden, was sie gerne getan hätten.

Jackpot: eine Anstellung am Hof

Wer irgendwie Anschluss an den höfischen Betrieb fand, dem ging es gut. Oftmals erhielt er großzügige Gaben, mit denen die Herrscher ihre Mildtätigkeit beweisen und zur Schau stellen konnten.

Der einzige Nachteil: Selbst solche Schenkungen wurden oft wiederum als Beweis für die Gier der Spielleute herangezogen. Im Zweifel gab es auch immer noch das Argument, dass man doch lieber den Armen geben sollte als den Außenseitern, denn dies entspräche eher dem christlichen Ideal.

Wer sich erst einmal eine Anstellung am Hof gesichert hatte, der versuchte sich bestmöglich vom fahrenden Volk abzuheben, um den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen. In Frankreich konnten es höfische Menestrels schaffen, eine angesehene Person innerhalb der höfischen Gesellschaft zu werden, wohingegen auch die Hofmusiker in den deutschen Ländern immer Randständige blieben.

Niemand kann ohne sie

Trotz all der Verachtung, dem Neid und dem Stand als Außenseiter: Niemand konnte ohne die Spielleute. Die Mächtigen brauchten die Spielleute für ihre Selbstdarstellung bei Festen, um ihren Großmut und ihre Wohltätigkeit zu zelebrieren, und natürlich zur Erbauung und Unterhaltung.

Den Armen wiederum boten die Spielleute eine willkommene Abwechslung in der Tristesse des Alltags. Sie spielten zum Tanz auf, erzählten Geschichten aus der Fremde und brachten einen Hauch Exotik mit sich, wohin auch immer sie zogen.

„Geschichtskrümel“ ist eine wöchentlich erscheinende Serie aus Kurzartikeln. Sie soll Spielern und Spielleitern als Anregung dienen und Inspiration fürs Rollenspiel bieten. Die Geschichtskrümel drehen sich um historische Ereignisse oder Themen, über die ich in meinem Alltag stolpere. Sie sind manchmal lehrreich, manchmal skurril und manchmal einfach nur lustig.

Quellen: Bachfischer, Margit. Musikanten Gaukler und Vaganten. Spielmannskunst im Mittelalter. Augsburg, 1998.

Fotos von Spencer Means auf Foter.com / CC BY-SA

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