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Die Spielleute: Töchter Salomes – Geschichtskrümel 40

Lesezeit: 6 Minuten

Galten Spielleute im Mittelalter sowieso schon als anrüchig und unstet, traf das Urteil der „guten Gesellschaft“ die Spielfrauen besonders hart. Das moralische Ansehen einer Frau war schnell beschädigt. All das was hinter verschlossener Tür passierte, konnte Gerüchte nähren. Dagegen half nur die rege Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Je mehr die eigene Gemeinde einen kannte und wahrnehmen konnte, desto weniger Raum blieb für das Ausgedachte.

Spielfrauen waren entsprechend für die Meisten wie eine leere Leinwand, auf die sie das Bild malen konnten, dass ihnen gerade zusagte. Ihre Kleidung war bunt, ihre Haare trugen sie offen, sie benutzten Schminke und führten aufreizende Tänze auf. Spielfrauen waren das schrille und lebensfrohe Gegenteil des frommen Marienkults der seit dem 11. Jahrhundert eine Blütezeit hatte. Wo die ernste Nonne das kirchliche Ideal darstellte, waren die Spielfrauen stets vom Teufel bedroht.

Eine irische Nonne
Eine irische Nonne (ca. 1890). Die frommen Damen waren das Gegenteil der bunten Spielfrauen. Diese Kleidung verbirgt wirklich alles!

Sie hatten entsprechend auch eine eigene Ahnherrin: Salome. Die Stieftochter des Herodes Antipas aus biblischer Zeit. Die Legende ist zwar eine wilde Vermischung verschiedener Geschichten, aber das war für unsere mittelalterlichen Vorfahren einerlei. Salome forderte der Erzählung nach von ihrem Stiefvater Herodes den Kopf des Johannes als Belohnung für einen Tanz.

Nein, natürlich nicht. Allerdings war es eine der häufigsten Formen übler Nachrede, die eine Spielfrau erwarten musste. Eine Frau, die erst einmal als Hure stigmatisiert war, hatte es oft schwer nicht an den Rand der Gesellschaft abzugleiten. Sesshafte Dirnen hatten allerdings einen Vorteil gegenüber den fahrenden Frauen: Sie blieben Teil der gesellschaftlichen Ordnung.

Dirnen waren stigmatisiert und „gefallene Mädchen“ aber sie waren ein normaler Teil der städtischen Organisation. Oftmals gab es Institutionen, die ihre Arbeit regelten. In vielen Fällen betrieben Städte ein eigenes Freudenhaus und beauftragten eine Person, beispielsweise den Henker, als Hurenwirt zu fungieren und die Oberaufsicht über die Dirnen zu führen. Sie lebten so als „fromme Huren“ unter Aufsicht der Herrschenden.

Genau dort liegt auch der Hund begraben. Die fahrenden Spielfrauen entzogen sich durch ihre unstete Lebensweise der sozialen und rechtlichen Kontrolle. Das befeuerte die Fantasie der Sesshaften, was diese Weiber doch nicht alles trieben. Verdächtigungen und Unterstellungen von offizieller Seite der weltlichen und kirchlichen Obrigkeiten verfestigten dann die allgemeine Auffassung der fahrenden Spielfrau als Dirne.

Das hatte auch rechtliche Konsequenzen von großer Trageweite, denn die Wahrnehmung steuert ja auch die Gesetzgebung. Noch im 13. Jh., als die Bevölkerung zunehmend mobiler wurde, drohten harte Strafen für die Vergewaltigung von Spielfrauen. In späteren Stadtrechten wird das Thema nicht einmal mehr erwähnt.

Generell wurden Spielleute und Dirnen in ihrer Liederlichkeit gleichgesetzt. Beide missbrauchten ihren Körper, weil sie ihn nutzten, um andere zu verführen. Verbotene Sinnesfreuden, Spaß und Vergnügen waren nicht das, wofür der Mensch seinen Körper geschenkt bekommen hatten. Lange Zeit galten Spielleute und Dirnen als so schandhaft, dass ihnen sogar die Beichte verwehrt war.

„Sittsame“ Frauen verbargen ihr Haar in der Öffentlichkeit unter Hauben und Kopftüchern. Es ist also nicht verwunderlich, dass das „offen getragene Haar“ immer wieder als Argument für die Liederlichkeit der Spielfrauen herhalten muss.

Das gesamte Standardrepertoire der Magie wurde den Spielfrauen angedichtet. Sie konnten angeblich wie alle Spielleute – auch Männer – Zaubern, Wahrsagen und Flüche sprechen. Dabei blieb es aber nicht. Die Spielfrauen, so behauptete man, hätten eine magische Gabe ihr Publikum durch ihr betörendes Äußeres, ihren Gang und ihre Darbietungen in den Bann zu ziehen.

Alleine schon der verführerische Tanz muss ein Geschenk des Teufels sein! Wie sonst können die aufreizenden Darbietungen von Tänzerinnen die unschuldigen jungen Männer in ihren Bann ziehen? Quasi von Haus aus hatten die Spielfrauen darum, so behauptete man, einen direkten Draht zum Teufel, dessen Lockvögel sie waren. Sie nutzten ihre Freiheit aus und verführten so das gemeine Volk, um diese Seelen direkt dem Teufel zuzuschanzen. So jedenfalls die weitläufige Meinung der zeitgenössischen Moralisten. Arme, unschuldige junge Männer wurden verführt und landeten im Höllenschlund.

Dass gleichzeitig die städtischen Obrigkeiten und die Kirche der Meinung waren, dass Prostitution ein notwendiges Übel sei, das schlimmere Sünden verhindere – geschenkt. Irgendwie musste man ja damit umgehen, dass die Gesellschaft strikt monogam war, nicht einmal die Hälfte eine Chance auf Familiengründung hatte und viele junge Leute aufgrund langer Ausbildungszeiten erst spät überhaupt an eine Ehe denken konnten.

Diese Doppelmoral soll nun aber auch nicht gescholten werden. Damals (genauso wie heute ja auch) war die Gesellschaft vielschichtig und die Leute bewegten sich durch verschiedene soziale Umfelder, in denen unterschiedliche Regeln galten. Innere und äußere Zwänge übten ebenso sehr Druck aus wie wirtschaftliche Notwendigkeiten. In vielen Fällen standen pragmatische Notwendigkeiten moralischen Leitsätzen gegenüber. Es bringt also nichts, die Leute von damals einfach zu verdammen.

Die Spielfrauen erfüllten auch eine weitere Funktion, die nach kurzem Nachdenken Sinn ergibt: Sie trugen die neueste Mode in die weniger besuchten Winkel Europas. Sie kamen herum und brachten damit „die französischen Unarten“ auch in die Ländereien des Heiligen Römischen Reiches.

Frankreich, das hieß damals Hochkultur. Die höfische Kultur und Gesellschaft, die ja spätestens mit dem Sonnenkönig Louis XIV. ihren Höhepunkt erreichte, hatte ihren Ursprung im mächtigen Frankreich.

Die Spielfrauen waren darum zugleich eine ständige Modenschau. Neue Frisuren, Stoffe, Farben und andere Schnitte erreichten mit ihnen auch die Zimmer der Bürgerinnen und Kleinadligen, die diese Inspirationen gerne aufgriffen.

Den Unterschied zwischen Spielmännern und Spielfrauen fand man nicht nur bei den Klischees und den Vorurteilen. Ebenso unterschieden sie sich durch ihre Instrumente. Frauen spielten vorrangig auf den „leisen“ Saiteninstrumenten und überzeugten mit ihrem Gesang. Auf den Bildnissen finden wir darum oft Harfe, Fidel und Laute.

Dahingegen sind Trommel, Trompete und Pfeife noch bis ins 17. Jh. den Männern vorbehalten. Die lauten Instrumente waren wichtig für die Machtrepräsentation. Entsprechend wurden die Trommler, Pfeifer und Trompeter auch besser bezahlt.

Gänzlich unverschuldet trafen die Vorurteile über Spielfrauen zudem die Töchter und Frauen von Spielmännern. Diese galten ebenfalls als käuflich und den Spielmännern sagte man nach, dass sie ihre Weiber verkuppelten und als Zuhälter ihrer eigenen Sippe tätig wären.

Im 13. Jh. verkündete die Kirche sogar ein Sonder-Scheidungsrecht für die Frauen von Spielmännern. Die Kirche, die sonst strikt gegen Scheidungen eintrat, erklärte, dass keiner Frau zugemutet werden könne, das Lotterleben ihres Ehemannes zu teilen. Wollte eine Frau also ihr „ehrloses und unstetes Leben“ gegen ein sesshaftes Dasein eintauschen, dann war das von der Kirche gedeckt.

Man muss dabei auch eines verstehen: Mittelalterliche Obrigkeiten waren relativ schwach. Sie waren nicht in der Lage, großflächig und kurzfristig Einfluss auf die öffentliche Meinung oder Ordnung zu nehmen. Wenn stets neue Gesetze erlassen, weitere Warnungen ausgesprochen und von der Kanzel gepredigt wurde, dann nur, weil es so wenig bewirkte. Die Beliebtheit der Spielfrauen und ihrer männlichen Pendants war und blieb groß.

„Geschichtskrümel“ ist eine wöchentlich erscheinende Serie aus Kurzartikeln. Sie soll Spielern und Spielleitern als Anregung dienen und Inspiration fürs Rollenspiel bieten. Die Geschichtskrümel drehen sich um historische Ereignisse oder Themen, über die ich in meinem Alltag stolpere. Sie sind manchmal lehrreich, manchmal skurril und manchmal einfach nur lustig.

Quellen: Bachfischer, Margit. Musikanten Gaukler und Vaganten. Spielmannskunst im Mittelalter. Augsburg, 1998.

Irsigler, Franz, und Lassotta, Arnold. Bettler und Gaukler, Dirnen und Henker. Außenseiter in einer mittelalterlichen Stadt. 12. Auflage. München, 1989.

Foto Nonne: National Library of Ireland on The Commons

Foto Frau: hans s on Foter.com / CC BY-ND

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