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Das Söldnerwesen im Mittelalter: Frühe Söldner – Geschichtskrümel 35

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Jeder kennt die Landsknechte. Viele haben schon von den Schweizer Söldnern gehört. Einigen sind die Genuesen bekannt. Aber wer kennt die Brabanzonen?

Bei Söldner denken die meisten sofort an die Pikenhaufen des Spätmittelalters und die Landsknechte mit ihren Gewalthaufen voller Piken, Hellebarden, Zweihändern und Katzbalgern, die den Schweizern nach und nach im 15. und 16. Jh. den Rang abgelaufen haben. Auch die Söldnerheere des Dreißigjährigen Kriegs sind den meisten ein Begriff.

Aber was war eigentlich vorher? Warum hören wir nichts von Söldnern während der Kreuzzüge? Gab es überall nur strahlende Ritter, die damit beschäftigt waren, sich in höfischen Umgangsformen zu üben, wenn sie nicht gerade Heldentaten vollbrachten oder Drachen erschlugen?

Das United States Marine Corps muss sich ja manchmal die Kritik gefallen lassen, dass sie eine Söldnereinheit wären. Das liegt daran, dass Marines sich nicht zum Dienst verpflichten und dafür Sold erhalten, sondern einen Vertrag unterschreiben. Sie kriegen also Geld für Kriegsdienst. Söldner, oder? Nur, wie unterscheidet man die Marines tatsächlich von den Soldaten der US Army?

Eigentlich gar nicht. Beide schieben Dienst für die Regierung und beide unterstehen dem Department of Defense. Sie sind eingebunden in das „gesellschaftlich akzeptierte“ Kriegswesen des Mainstreams und sind Teil der politischen Ordnung. Dagegen sind echte Söldner-Organisationen wie Blackwater (das seit 2011 „Academi“ heißt) ein Problem für die Legitimation der regulären Armee.

Ähnlich ist das auch im Hochmittelalter. Der adlige Ritter mag das Ideal sein und der Leuchtturm, um den sich andere Soldaten sammeln, der in den Erzählungen den einfachen Soldaten überstrahlt, aber er ist nicht allein. Geschweige denn die Mehrheit. Wer mehr dazu wissen will, dem lege ich meinen Artikel zur Kriegsführung im Mittelalter ans Herz.

Jedenfalls kam auf jeden Ritter ein ganzer Haufen Kriegsknechte, welche die weniger glorreichen Aufgaben im Krieg übernahmen und keine „strahlenden Rittersleute“ waren. Vom Dienst in der Phalanx oder bei den Bogenschützen, dem Aufbauen des Feldlagers bis hin zum Bedienen der Belagerungsgeräte gab es allerlei Aufgaben, welche Platz boten für nichtadlige Berufskrieger.

Diese Form des Solddienstes stellte allerdings die feudale Lehensordnung nicht infrage. Die dominante Form war der adlige Krieger, der aus persönlichen und sachlichen Gründen an einen Herrn gebunden war. Um ihn organisierten sich die Soldknechte. Sie waren also gesellschaftlich indirekt eingebunden in die feudale Kriegerkaste.

Die Schweizer des 12. Jh. waren die Brabanzonen. Feste Söldnerverbände aus Flandern und Brabant (heutiges Benelux). Neben ihnen gab es auch Söldner von anderswo, beispielsweise aus Nordspanien, wo Navarra und die Pyrenäen Soldaten für die Kriege in Italien hervorbrachten. Die bekanntesten waren aber eben die Brabanzonen, die genau wie später die Landsknechte zu einem Synonym für Söldner im Allgemeinen wurden.

Kaiser Barbarossa versuchte sich von den Lehensaufgebote seiner Vasallen unabhängiger zu machen, die ihn eher schlecht als recht unterstützten. Deshalb heuerte er für seine Italienfeldzüge im späten 12. Jh. große Aufgebote von Brabanzonen an. Durch den Einsatz von Reitern und Fußsoldaten aus diesen Söldnergruppen legitimierte der Kaiser das Söldnertum.

Diese Söldnerkompanien waren ein Problem für die adligen Zeitgenossen. Jeder Herrscher, der nicht weit oben in der Fresskette stand, hatte kaum Interesse daran, dass sein Lehnsherr (z. B. der König) von ihm weniger abhängig wurde. Die militärische Abhängigkeit von den eigenen Vasallen war ein wichtiger Faktor für das Machtgleichgewicht.

Auch die Kirche hatte eine Meinung dazu: 1179 wurde die Kriegsführung mit Söldnerverbänden mit Kirchenbann bedroht. Im dritten Laterankonzil rief die Kirche zudem explizit dazu auf, die Söldner zu jagen und verdammte sie als Kriminelle. Übrigens kurz nachdem Barbarossa gegen den Papst verloren und sich Papst Alexander III. unterworfen hatte. Der Zusammenhang ist naheliegend, denn damit schwächte der Papst seine Feinde.

Im Jahr 1215 zwangen die englischen Adligen den König Johann Ohneland, sein Söldnerheer zu entlassen, um das Machtgleichgewicht wiederherzustellen. Mit der „Magna Carta Libertatum“ wurden die Rechte des englischen Königs nachhaltig beschränkt. Edward musste darum später auch seine Vasallen zusammenhalten, denn er hatte nicht den Luxus einer Söldnerarmee.

Das Söldnertum war jedoch nicht mehr aufzuhalten. Die Herrscher Europas griffen immer wieder auf Söldner zurück. Diese unterscheiden sich in den Berichten auch kaum von den Landsknechten der Renaissance. Mit Frauen, Kindern und Tross zogen sie durchs Land, immer dort Dienst annehmend und kämpfend, wo sich Sold und Beute boten.

Die großen Söldnerscharen wurden durch die alte Adelsordnung allerdings dadurch neutralisiert, dass man sie maximal umarmte. Ihre Anführer wurden in das Feudalwesen integriert, erhielten Lehen und wurden somit zu Vasallen. Damit war das organisierte Söldnerwesen als Bedrohung für die alte Ordnung erst einmal für gut 100 Jahre vom Tisch.

Das änderte sich erst wieder im 14. Jh., wo spätestens bei Crécy, mit seinen Tausenden von Söldnern auf französischer Seite, das Söldnerwesen zurückkam. Spätere Kriege, wie beispielsweise in den habsburgisch-französischen Konflikten, wurden sowieso von den nichtadligen Fußtruppen getragen, die für Geld kämpften.

Ein wichtiger Faktor für die Entwicklung des Landsknechtswesens und der Schweizer Söldner zuvor war die Bedeutung der aufstrebenden Städte. Diese waren sozial ganz anders organisiert als der alte Landadel und seine Untertanen. Dazu ein andermal mehr.

„Geschichtskrümel“ ist eine wöchentlich erscheinende Serie aus Kurzartikeln. Die Geschichtskrümel drehen sich um historische Ereignisse oder Themen, über die ich in meinem Alltag stolpere. Sie sind manchmal lehrreich, manchmal skurril und manchmal einfach nur lustig.

Quellen: Baumann, Reinhard. Landsknechte. Ihre Geschichte und Kultur vom späten Mittelalter bis zum Dreißigjährigen Krieg. München, 1994.

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