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Waffenkunde 6: Der Speer

Lesezeit: 16 Minuten

Neben dem Knüppel und dem in der Hand gehaltenen Stein ist der Speer eine der ältesten Waffen der Menschheitsgeschichte. Und wen wundert das, ist ein Speer in seiner simpelsten Form doch nichts anderes als ein langer Stock mit angespitztem Ende?

Speere wurden zur Jagd auf nahezu alles verwendet. Kaum ein Tier, das die Pelz- oder Nahrungsjagd wert ist, wäre für die Speerjagd zu klein, und kein Lebewesen auf Erden ist zu groß. Womit schließlich jagte man Wale? Richtig: Harpunen. Und Harpunen sind Speere. Es lohnt sich darum, einmal einen Blick auf diese Waffe für jedermann zu werfen.

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Was ist ein Speer?

Wie bereits gesagt, ist ein Speer in seiner einfachsten Ausführung nichts weiter als ein langer, spitzer Stock. Üblicherweise zwischen anderthalb und zwei Metern Länge. Allerdings haben Menschen bereits sehr früh bemerkt, dass ein solcher spitzer Stock ein ziemlich schlechter Speer ist. Bereits in der Steinzeit fingen unsere Vorfahren an, Verbesserungen vorzunehmen. Nicht jedoch am Stockteil der Waffe. Diese Komponente hat sich kaum verändert, was ziemlich bemerkenswert ist über eine Zeit von mehreren Millionen Jahren.

Der frühe Speer: Holz und Horn

Nein, der Stock ist weitgehend unverändert geblieben, aber die Spitze veränderte sich bereits direkt von Anfang an. Die Sache ist nämlich die: Holz ist ein fürchterlich schlechtes Material, wenn es darum geht, haltbare Stichwaffen herzustellen. Egal wie spitz und wie scharf man Holz auch macht, es kann die Schärfe oft kaum länger als einen einzigen Angriff lang halten. Schon der Stoß durch die dicke Haut und Fettschicht eines mittelgroßen Tieres kann einen Holzspeer stumpf machen, und wenn der erste Treffer nicht tödlich gewesen ist, dann stehen die Chancen nun bei jedem weiteren Versuch nur noch schlechter. Obendrein ist Holz viel zu leicht.

Das Allererste, was Menschen also taten, war, diese Schwächen Schritt für Schritt, stets im Rahmen ihrer Möglichkeiten, auszubessern.

Zwar kann man Holz härten, indem man es trocknet, die Spitze in einem Feuer brennt und anschließend nachspitzt, oder indem man zumindest das Aufsplittern mit einem Lederband hinter der Spitze reduziert. Der echte Durchbruch kam aber erst mit der Verwendung verschiedener Materialien. Holz für den Schaft und etwas, das zumindest härter ist für die Spitze. Horn und Knochen, beispielsweise. Auch Horn und Knochen halten nicht sehr lange, aber wesentlich länger als einfaches Holz, und beide widerstehen wesentlich größeren Kräften. Das wiederum bedeutet, dass mehr Energie vom Nutzer der Waffe auf sein Ziel übertragen werden kann. Der Speer trifft härter, dringt tiefer ein und tötet besser.

Der Speer aus Stein

Noch besser als Horn und Knochen ist Stein, denn er ist noch viel härter als beide und obendrein auch noch schwerer. Gewicht verleiht Wucht und führt zu größerem Momentum. Folge: Man kann noch mehr Energie aufbringen. Besser, haltbarer, tödlicher. Wenn der Stein so geschlagen werden kann, dass er kontrollierbar und besonders scharfkantig splittert, entsteht bereits eine enorme Leistungssteigerung. Der Speer wird schwerer, härter und obendrein schärfer, als wäre er nur aus Holz, Horn und Knochen.

Bestimmte Materialien dieser Art, beispielsweise vulkanischer Obsidian, splittern sogar so extrem scharfkantig, dass es bis heute nichts industriell Herstellbares gibt, das Obsidianklingen an reiner Schnittleistung überbieten kann. Die besten Skalpellklingen für besonders filigrane Operationen bestehen daher heute noch (bzw. wieder) aus Obsidian. Nur lange haltbar ist so eine Obsidianklinge nicht. Jeder Stoß führt zu weiterer Absplitterung, sodass die Waffe immer weiter degradiert, bis sie nicht mehr schneidet, sondern nur noch durch direkte Krafteinwirkung zerreißt (also mehr wie eine Säge wirkt als wie ein Messer).

Der Siegeszug des Erzes

Schließlich trat Metall im Großteil der Erde seinen Siegeszug an und verdrängte überall, wo es verfügbar war, ohne Mühe Feuerstein und Obsidian. Zuerst einfach zu schmelzende und zu verarbeitende Metalle wie Kupfer und Bronze, schließlich schwerer zu verarbeitende Materialien wie Schmiedeeisen, Stahl und Gusseisen.

Begriffsklärung

Speer, Spieß, Lanze. Was ist der Unterschied? Ganz direkt gesagt? Keiner. Je nach Quelle und je nach Sprache ist das alles das Gleiche oder mal etwas ganz Spezifisches. Allgemein kann man aber sagen, das alles davon das Gleiche bedeutet. (Sehr wahrscheinlich lebt das althochdeusche Wort spioz (Spiess / auch: Splitter, spitzes Hölzchen) noch im alemannischen Spiise nach (er hät im Wald en Schpiise gefange. Er isch in en Spiise trampet. Das könnten unsere Leser aus der Nordschweiz oder Süd-Baden-Würtemberg vielleicht kennen.)

Verbreitet ist jedoch, bei Reitern von Lanzen zu sprechen und bei Fußtruppen von Speeren und Spießen, wobei Spieß oft für längere Waffen benutzt wird. Allerdings werden besonders schwere Speere auch mal Lanze genannt, wohingegen eine Reiterlanze auch sehr leicht sein kann, und dann wieder gibt es Quellen, die bei Fußkämpfern allgemein von Spießen sprechen und den Speer-Begriff für Wurfwaffen reservieren wollen. Sehr verwirrend. Am besten ignorieren, denn es steckt wirklich (versprochen!) absolut nichts Belastbares dahinter. Daher spreche ich hier auch nur von Speeren.

Bedeutung des Speers

Man kann die Tauglichkeit des Speers eigentlich kaum genug preisen. Besonders nicht, da dieser Waffe im Verlaufe der letzten einhundert Jahre solches Unrecht getan wurde. Speziell im Rollenspielbereich ist der Umgang mit Speeren lange Zeit geradezu schäbig gewesen, und es ist erst eine Entwicklung der letzten Jahre, dass dies mit zunehmender Verbreitung rudimentären Verständnisses abnimmt.

Der Speer ist kurz gesagt eine der besten Waffen überhaupt. Und eine der beliebtesten. Die meisten Krieger und Kämpfer, quer durch die gesamte Geschichte, kämpften mehr als mit allen anderen Waffen zusammen mit dem Speer.

Wikinger fuhren auf Plünderfahrt mit ihren Spjót genannten Speeren, die oft eine viel größere Rolle spielten als Äxte. Normannische Krieger führten Speere vom Pferd aus und zu Fuß. Sogar die vor allem für ihre Schwerter berühmten Samurai dachten im Krieg nicht im Traum daran, mit dem Schwert zu kämpfen, solange sie einen Yari zur Hand hatten, die eigentliche Kriegswaffe der Samurai. Auch die Kelten kämpften vor allem mit Speeren, und was war die magische Waffe des nordischen Vatergottes Odin? Gungnir der Speer. Sogar die Römer führten Speere als Teil ihrer Ordonnanz, und das, obwohl die Römer die einzige ansatzweise Ausnahme der völligen Dominanz von Speeren waren. Auf die Ursachen einzugehen, führt hier zu weit, aber ich gebe dennoch einen Tipp: Auch dies hatte mit der Dominanz und Bedeutung von Speeren zu tun. Wer mehr wissen will, sollte einfach selbst ein wenig dazu recherchieren mit Augenmerk auf den Sieg der römischen Schwert-Schild-Formationen über die griechisch-makedonischen Phalangen, welche Waffen wie die Sarissa, einen fast fünf Meter langen Speer, verwendeten.

Nur warum ist der Speer in all seinen Varianten seit je so beliebt gewesen? Was macht den Speer zur fast perfekten Waffe?

Stärken des Speers

Der Speer ist, in all seinen Varianten, eine unheimlich vielseitige Waffe. Es gibt lange Speere, kurze Speere, Speere für den Wurf und Speere, die Klingen zum Schneiden haben, Speere mit Widerhaken und Speere, die so lang sind, dass man sie selbst mit beiden Händen kaum halten kann.

Praktisch jeden Speer, gleich wie lang oder kurz er auch sein mag, kann man mit beiden Händen führen, und genauso kann man so gut wie alle Speere, abgesehen lediglich von den besonders langen, mehr oder minder gut werfen.

Betrachten wir aber einmal die Waffe, an die wohl die meisten beim Wort „Speer“ denken. Wie sieht so ein idealisierter Speer aus?

Der idealisierte Speer

Er hat einen Holzschaft mit einer Länge von 150–200 cm. Der Schaft ist glatt und gerade. Am Ende befindet sich eine Metallspitze, die mit einer etwa handkantenlangen Tülle aufgesetzt ist. Diese ist mit 1–2 Nägeln fixiert und verklebt und mündet in eine klassische Speerspitze, die im Profil einer zur Spitze hin lang gezogenen Raute ähnelt.

Ein solcher Speer kann einhändig über der Schulter geführt werden, einhändig unter der Schulter oder beidhändig. Variante 1 und 2 ermöglichen das gleichzeitige Führen eines Schildes. Zwar kann ein einhändig geführter Speer keine Angriffe effektiv abwehren, der Schild kann dies jedoch ganz hervorragend. Der Speer wird dabei wieder und wieder zum Gegner gestoßen, je nachdem, wo dieser gerade seinen Schild hält, zum Bein oder zum Kopf hin. Ein Kopftreffer führt oft mit sofortiger Wirkung zur Kampfunfähigkeit des Gegners, sofern dieser keinen Helm trägt. Ein Beintreffer hingegen kann den Gegner zum Rückzug zwingen oder zu Fall bringen. Wenn er fällt, spießt man ihn auf.

Zweihändige Nutzung

Sobald ein Kämpfer ausreichend Rüstung trägt, sodass er auf einen Schild nicht mehr als einzigen Schutz angewiesen ist, besteht die Option, den Speer beidhändig zu führen. Rüstung ist dabei für diese Verwendung in einem größeren Kampf nötig, weil sonst kleinere Zufallsverletzungen den Kämpfer schnell kampfunfähig machen. Ein Kettenhemd oder ein schwerer Gambeson sollte es also schon sein, und einen Helm zu tragen, ist ebenfalls sinnvoll. Ist dies jedoch gegeben, dann kann der beidhändig geführte Speer extrem offensiv eingesetzt werden.

Gegenüber der einhändigen Führung ist die Angriffsfrequenz, also die Häufigkeit und Geschwindigkeit von Attacken, deutlich erhöht. Der Kämpfer kann sein Gegenüber ungemein bedrängen und Stoß auf Stoß auf Stoß folgen lassen. Dabei ermöglicht die beidhändige Führung einen nahezu sofortigen Wechsel der Stoßrichtung. Oben, unten, rechts, links. Stoß auf Stoß mit hohem Tempo und mit sehr geringer Sendewirkung durch die Körpersprache des Speerkämpfers. Ein erfahrener Krieger kann einen weniger erfahrenen Gegner so schneller überwinden und töten, bevor dieser realisiert, was er falsch gemacht hat. (Einige Ausführungen von Dimicator zum Zweikampf mit dem Speer: youtube-link (Englisch).)

Angriffe abwehren

Auch Paraden von Angriffen sind mit dem beidhändigen Speer sehr gut ausführbar, und zwar gegen nahezu jeden beliebigen Waffentyp. Allerdings in Paraden zu denken, ist bereits ein häufiger Fehler. Viele Rollenspieler glauben, weil ahnungslose Rollenspielautoren dies in den 80ern dachten, dass Angriffe geführt und dann pariert würde oder dass man ihnen auswiche. Das ist völlig falsch. Zwar kann man mit einigen Waffen fechten und Angriffe des Gegners stets mit der eigenen Waffe parieren, aber das ist allgemein die Ausnahme im Kampf und gilt überhaupt nur für bestimmte Waffengattungen.

Die klassische Verteidigung ist nicht das theaterhafte Ablenken oder Blocken der gegnerischen Waffe. Weitaus bedeutender ist es, eine möglichst große Gefahr darzustellen. Die beste Abwehr ist die konstante Bedrohung des Gegners mit dem Risiko, verletzt oder getötet zu werden. Genau hier brilliert der Speer, denn das hohe Angriffstempo, der schnelle Wechsel der Stoßrichtung und die hohe Reichweite führen dazu, dass der Speerkämpfer eine sehr wirksame Gefahrenzone erzeugt. Wer in sie vordringt, ohne dass der Speerkämpfer einen fatalen Fehler gemacht hat, bezahlt augenblicklich dafür. So funktionieren übrigens sehr viele Waffen, die direkt oder indirekt auf dem Speer basieren. Beispielsweise Hellebarden, Glefen und Hakenspieße.

Speere werden nicht unterwandert

Auch die verbreitete Idee, dass man lange Waffen „unterwandern“, also an der Spitze vorbei neben die Waffe kommen könnte, ist nur bedingt wahr. So etwas ist sehr selten einmal möglich, dann auch nur äußerst kurzfristig und nur, wenn der Speerkämpfer räumlich stark bedrängt oder deutlich weniger fähig als sein Gegner ist.

Anders als beim Theater auf der Bühne ist ein echter Kampf nämlich sehr dynamisch und hochgradig beweglich. Wenn der Speerkämpfer sich bedrängt fühlt, kann er einfach rückwärts gehen. Viel mehr aber noch kann er die Reichweite seiner Waffe äußerst schnell verkürzen, indem er die hintere Hand zieht und die vordere Hand gleiten lässt, nachgreift und den Speer plötzlich auf einen Schlag bis zu einem Meter kürzer führt. Kein Kämpfer kann so schnell vorrücken und nachsetzen, um einen Speerkämpfer, der verkürzt und zurückweichen kann, ernsthaft zu bedrängen, geschweige denn zu unterwandern.

Speer vs. Reiter

Die große Reichweite des Speers hilft nicht nur dabei, den Gegner besser angreifen zu können und den Gefahrenbereich zu maximieren. Sie befähigt einen Fußkämpfer auch, einen Reiterangriff abzuwehren, und wenn man damit vielleicht doch nicht den Reiter selbst angreifen kann, so kann man zumindest sein Ross abstechen und ihn so zum Fußkämpfer machen. Zudem mögen es Pferde nachweislich nicht, mit Speeren gestochen zu werden, und reagieren darauf mitunter mit Flucht und Panik. (Dabei hilft auch der Formationskampf. Mehr zur Phalanx und dem Kampf auf dem Schlachtfeld)

Der Speer als Wurfgeschoss

Was kann der Speer noch Tolles? Nun, man kann ihn werfen! Praktisch jeden Speer, der nicht absurd schwer ist, kann man werfen, und zwar einigermaßen präzise. Vor allem den typischen 08/15-Kampfspeer. Nicht so gut wie einen echten Wurfspeer, aber wenn sich eine günstige Gelegenheit ergibt, ist es möglich, diese direkt auszunutzen.

Geringer Ausbildungsaufwand

Was den professionellen Kämpfer vielleicht nicht schert, aber für den Gelegenheitskämpfer oder alle, die schnell eine Miliz ausheben müssen, überaus nützlich ist: Der Speer ist extrem leicht zu erlernen. Besser noch! Die meisten Bauern können bereits mit dem Speer umgehen, ehe sie je einen in der Hand hatten! Ein großer Teil der Fähigkeit im Umgang mit Waffen sind nämlich Muskelreflexe, und die wichtigsten Muskelreflexe für den Speerkampf bringt jeder Bauer bereits mit, der den Umgang mit Heugabel und Asthippe gewohnt ist. Nicht zuletzt deshalb kämpften gerade aus der Landbevölkerung rekrutierte Kämpfer nicht selten mit Waffen, die genau auf den ihnen bekannten Werkzeugen basierten: Sturmsense und Hakenspieß entstammen der Hippe, während die Kriegsgabel der Mistgabel entwachsen ist.

Speere sind kostengünstig

Das Beste aber zum Schluss: Speere sind spottbillig! Holz hat praktisch keinen Wert. Das, was den Preis treibt ist Stahl und Eisen und ein guter Speer braucht kaum mehr davon als ein guter Dolch. Und jeder hat einen Dolch. Absolut jeder Kämpfer, jeder Bauer, jeder Bürger.

Besser noch: Wer Dolche schmieden kann, der kann auch Speere, und in der Not kann man Dolche auch noch sehr einfach zu Speeren umschmieden. Aber wozu? Die meiste Zeit ist das völlig unnötig, denn Speere sind so billig, dass jeder einen haben kann und man auch einfach ein paar Hundert davon im stadteigenen Arsenal einlagern kann, nur um sicherzugehen, dass welche da sind, wenn man sie braucht. Und weil sie so billig sind, kann man sie auch sehr leicht reparieren. Es geht ja ohnehin meist nur der Schaft kaputt oder die Niete, mit der die Spitze gehalten wird. Aber dazu mehr unter Schwächen. Das erleichtert auch die Logistik. (Mehr zur mittelalterlichen Logistik)

Schwächen des Speers

Was aber sind die großen Schwächen des Speers, in allen seinen Formen und Varianten? Da ist zum einen sein Material. Der Speer ist die größte Länge über aus Holz, und Holz ist anfällig für Hieb- und Schnittwaffen. Den gegnerischen Speerschaft zu beschädigen, ist daher eine beliebte Kampftaktik. Zwar kann man außerhalb von Filmen nur selten einen Speer einfach so entzweihauen, aber das ist gar nicht der Punkt. Kerben im Speer machen den Schaft nicht nur rau, sie führen auch zu herausragenden Spänen und Splittern.

Der Speerkämpfer will aber, soweit möglich, imstande sein, die Reichweite seiner Waffe schnell zu vergrößern und zu verkleinern. Dazu muss seine linke, führende Hand gleiten können. Bei einem beschädigten Schaft geht dies schlechter und kann ohne Handschuhe zu Verletzungen führen. Und ja, irgendwann bricht ein Speer dann auch. Dann hat der Speerkämpfer nicht mehr als einen mittellangen Holzstab in den Händen. Sofern er über kein Schwert als Zweitwaffe verfügt, sollte er dann wohl den Rückzug antreten und zumindest einen neuen Speer auftreiben oder sich ergeben.

Führt man den Speer einhändig, zusammen mit einem Schild, so ist er zwar eine durchaus taugliche Waffe, aber das Schwert ist ihm hier ebenbürtig und manchmal sogar überlegen. Ein Schwert unterscheidet sich kaum von einem einhändig geführten Speer. Was der Speer an zusätzlicher Länge hat, ragt hier nun nutzlos nach hinten, um das nötige Gegengewicht zur Spitze zu bilden. Nach vorn ist er dann kaum noch länger als ein Schwert, aber er ist ermüdender zu führen und kann im Gegensatz zum Schwert nur stechen und nicht hauen. Allerdings ist das Schwert sehr viel teurer. Einen Speer zu verlieren, ist ärgerlich, aber ein Schwert zu verlieren, ist mitunter ruinös. Und wenn man den Schild verliert (denn auch Schilde gehen kaputt), kann man den Speer zweihändig führen, das Schwert jedoch nicht.

Die jedoch mit Abstand größte Schwäche des Speers ist seine Sperrigkeit. Speere sind unangenehm und unpraktisch zu tragen. Ein Speer hängt nicht einfach so auf dem Rücken, wie man einen Schild tragen kann. Oder griffbereit an der Seite wie ein treues Schwert. Dazu habe ich ja bereits einiges in den Schwertartikeln gesagt (Hier und hier). Nein, der Speer ist sperrig, und obendrein muss er eben auch die ganze Zeit in der Hand gehalten werden.

Im Gehen einen Apfel mit dem Messer aufschneiden? Nicht, wenn man einen Speer trägt. Die Wasserflasche öffnen? Nein, Speer. Er fungiert ein wenig als Wanderstab, aber auch da nützt er höchstens bei felsigem Boden etwas, denn sonst behindert er aufgrund seiner Länge und Masse mehr, als er entlastet. Man kann Teile der Ausrüstung ans Ende binden und ihn über die Schulter tragen, wie ein Hobo seinen Beutel (oder ein römischer Legionär), aber auch dann muss man ihn die ganze Zeit über festhalten.

Daher ist der Speer eine Waffe der Jagd und des Kriegs, das Schwert hingegen die Waffe des zivilen Alltags in Friedenszeiten und der Notlage im Kampf.

Varianten des Speers

Verschiedene Speertypen
Einige Beispiele von Speertypen und Klingenformen der Speerspitze.

Der klassische Speer

Einfache Stoßspitze. Kein Schnickschnack. Billig, leicht und einfach herzustellen. Je breiter die Spitze ist, desto größer und tödlicher die Wunde. Je schlanker die Spitze jedoch ist, desto besser durchdringt er Panzerung. Die meisten Speerspitzen haben einen Querschnitt in Form einer abgeflachten Raute.

Der Flügelspeer

Dieser Speer verfügt über herausragende Haken, sogenannte Flügel, unterhalb der Klinge. Diese Haken dienen dazu, andere Waffen weit weg vom Kämpfer zu parieren, und sie können auch verwendet werden, um gegen einen feindlichen Schildrand zu drücken, um so einem Kameraden die Öffnung für einen Angriff zu erzeugen.

Der Klingenspeer

Auch Schnittspeer, Breitspeer oder Schwertlanze genannt. Dieser Speertyp verfügt über eine Spitze, die mehr einem langen Dolch oder einem kurzen Schwert ähnelt. So kann er nicht nur stechen, sondern auch schneiden und sowohl im Zug als auch im Stoß dazu verwendet werden, zudem bei schwungvollen Schlägen ähnlich einer Axt. Dies bietet vor allem zusätzliche Richtungen, aus denen man angreifen kann.

Die Partisane

Ein Flügelspeer mit dolchartiger Klinge, bei dem die Flügel oft Teil der Klinge sind und geschliffen sein können. Beliebt als Unteroffizierswaffe in der Infanterie und als Gardewaffe, da die Partisane gut geeignet ist zur Abwehr von Angriffen und weniger sperrig. Aus der Partisane entwickelte sich die Sponton-Partisane, die kürzer ist und von Unteroffizieren verwendet wurde bis in die Zeit der Schwarzpulverwaffen.

Die Pike

Ein Stoßspeer, nur länger. Viel länger. Piken können bis zu 6 Meter lang sein. Diese Waffen dienen vor allem dazu, Reiter zu bekämpfen, entfalten ihre maximale Wirkung aber erst in der Formation der sogenannten Phalanx (oder auch im schottischen Schiltron). Schulter an Schulter und mindestens drei Kämpfer in der Tiefe, die einen überlappenden Forst aus Pikenspitzen in Richtung des Feindes strecken. Die Pike verschwand in der Antike von den Schlachtfeldern, als die Römer eine Kampftechnik entwickelt hatten, mit der man die Phalanx besiegen konnte. Sie tauchte erst zur Renaissance hin wieder auf, diente dann aber nicht mehr dem direkten Kampf, sondern mehr der Bildung beweglicher Hindernisse zum Schutz von Kanonen und Musketieren.

Wurfspeere

Man kann zwar genau genommen jede Form von Speer werfen (ja, auch eine Pike kann man werfen), aber einige fliegen besser als andere. Wurfspeere sind daher oft leichter als normale Speere, und da eine Schnittklinge für einen Wurfspeer völlig vergeudet wäre und Flügel wiederum nutzlos, sind praktisch alle Wurfspeere einfachster Machart. Dabei gibt es grob zwei Typen von Wurfspeer: den Javelin und den Pilum-Typ.

Der Javelin ist ein Stoßspeer mit leichterem Schaft und leichterer Spitze. Wenn er Federn hat, ähnlich einem Langbogenpfeil, nennt man ihn auch Dart.

Das Pilum ist eigen, denn es hat statt einer einfachen Stoßspitze eine lange Metallstange, an deren Ende sich eine schmale Spitze befindet. Dieser Teil macht ¼ bis 1/3 seiner Gesamtlänge aus. Früher glaubte man, dass dies dazu dienen würde, sich zu verbiegen, wenn der Speer einen Schild trifft, sodass der Speer stecken bleibt und den Schild unbrauchbar macht. Heute weiß man aus der Experimentalarchäologie, dass dies gar nicht passiert. Das Ziel ist vielmehr, den Schild zu durchschlagen und den Träger durch den Schild hindurch zu verwunden. Wenn der Speer stecken bleibt, ist das ein Nebeneffekt.

Zusammenfassung

Speere gehören zu den vielseitigsten Waffen, was ihre Führung angeht, und sie haben ein enormes Potenzial im Kampf. Man kann mit ihnen hauen, stechen und sie auch werfen. Diese Vielseitigkeit gilt nicht nur für ihren Einsatz in der Offensive, sondern auch für die Verteidigung.

Dazu sind sie billig, und es ist leicht, den Umgang mit ihnen zu lernen. Aufgrund ihrer Reichweite sind sie dazu in der Lage, Reitern den Höhenvorteil zu nehmen, sodass Infanterie mit langen Speeren sich gegen Kavallerie verteidigen kann.

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