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Von der Verräterjagd – Geschichtskrümel 26

Lesezeit: 5 Minuten

Antiochia, 1097. Yaghi-Siyan, der muslimische Statthalter von Antiochia, sah seine Stadt durch die europäischen und die byzantinischen Kreuzfahrer bedroht. Er war sich bewusst, dass die größte Gefahr für seine Stadt nicht etwa die Kampfkraft der europäischen Ritter, sondern Tricksereien des Feindes und Verräter in den eigenen Reihen waren. (Mehr zu mittelalterlichen Belagerungen)

Bereits die Lehrbücher der Römerzeit, aber auch neuere Werke, egal ob byzantinischer, europäischer oder muslimischer Herkunft, warnten genau davor. Allerlei Hinweise und hilfreiche Strategien fanden sich in den alten Werken. Der Römer Vegetius warnte beispielsweise davor, dass der Feind vorgeben könnte, sich zurückzuziehen, um dann nachts heimlich die Mauern mit Leitern zu erklimmen. Auch die Taktik, eigene Soldaten als falsche Verräter in Verhandlungen treten zu lassen, um Feinde in Fallen zu locken, war bereits in der Antike bekannt. Dadurch sorgte man auf der Gegenseite für gehöriges Misstrauen, wenn erst einmal echte Verräter auf den Plan traten.

Im Falle von Yaghi-Siyan kam zudem hinzu, dass mehrere Städte seiner Region in den Jahren zuvor durch Verrat in Kriegen gefallen waren. Außerdem hatte der religiöse Kult der Nizariten (die eigentlichen „Assassinen“. Diese Bezeichung geht etymologisch auf das arabische Wort ?aš?š = Haschisch, Gras, Hanf zurück – aber das nur am Rande) in Persien und auch anderswo mehrere Festungen nur durch Verrat und Trickserei erobert – obwohl sie über keine nennenswerte Armee verfügten.

Zu guter Letzt war Yaghi-Siyan selbst in allerlei Komplotte und stetes Taktieren in der Politik verwickelt. Er war versiert darin, verschiedene Seiten gegeneinander auszuspielen. Der Gedanke, dass die Gegenseite das genau so halten könnte, war für ihn also naheliegend.

In dieser Atmosphäre der Komplotte und politischen Ränkespiele konnte er sich nicht einmal auf seine türkischen Soldaten verlassen, denn die Loyalität gegenüber dem eigenen Glauben war alles andere als absolut.

Das galt ebenso für die Zivilbevölkerung der Stadt. Antiochias Bevölkerung setzte sich hauptsächlich aus den Anhängern diverser christlicher Glaubensströmungen zusammen. Viele von ihnen bevorzugten zwar die recht tolerante Herrschaft der muslimischen Herren gegenüber den „Häretikern aus Konstantinopel“, aber die Feindschaft der einzelnen christlichen Gruppen machte sie anfällig für Versprechungen der Kreuzfahrer. Zudem hatten verschiedene Dörfer, Kleinstädte und Kastelle ihre muslimischen Herren hinausgeworfen und sich den anrückenden Kreuzfahrern angeschlossen.

Die gewaltigen 10 Kilometer langen Mauern mit ihren 400 Türmen waren darum aus allen Richtungen durch Verrat bedroht.

Als die Kreuzfahrer sich seiner Stadt näherten, unternahm der Statthalter prompte Maßnahmen, um seine Stadt zu schützen. Die gefährlichsten Christen wurden eingesperrt oder aus der Stadt geschickt, mit ihren Familien als Geiseln in Gewahrsam des Stadtherren. Dazu kam ein Versammlungsverbot für Christen, denen das Waffentragen strikt untersagt wurde. Außerdem verbannte man sie in ihre Häuser, außer zu bestimmten Zeiten des Tages.

Ob er gelegentlich die Köpfe von potenziellen Verrätern mithilfe von Katapulten über die Mauern zu den Kreuzrittern schießen ließ oder ob er alle mit großer Umsicht behandelte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Die christlichen Quellen sagen das eine, die muslimischen das andere.

Auf jeden Fall flogen Köpfe von der Kreuzfahrerseite hinein, und zwar als Antwort auf Yaghi-Siyans Taktik, religiösen Hass zu schüren, um die Reihen geschlossen zu halten. Immer wieder folterte er Gefangene gut sichtbar für die Belagerer. Die Kreuzfahrer halfen ihm dabei ungewollt, denn sie benahmen sich keineswegs zivilisierter, sondern behandelten ihre Gefangenen ebenso grausam.

Da die Bevölkerung größtenteils christlich war und die Mauern gewaltig, musste Yaghi-Siyan dennoch christliche Soldaten in seine Dienste nehmen. Dabei griff er vor allem auf die als kriegerisch bekannten Armenier zurück.

Die langen Mauern waren auch deswegen ein Problem, weil die Verteidiger keine Chance hatten, schnell genug einen Gegenangriff durchzuführen, falls es den Belagerern gelang, Fuß zu fassen. Die Stadt war schließlich keine Festung, sondern eine einzelne, lange Mauer. Es gab nicht wie in vielen Burgen mehrere Verteidigungslinien, sondern eben nur die eine.

Beide Seiten, Kreuzfahrer und Yaghi-Siyans Garnison, waren in ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel verwickelt. Die Angreifer draußen versuchten Informationen mit Agenten auf der Innenseite auszutauschen und Schwachstellen in der Verteidigung zu finden; während die Verteidiger drinnen Verräter finden und Schwachstellen stopfen wollten.

Diese Spionage und Gegenspionage wurde dadurch befeuert, dass die Stadtmauern ausgesprochen durchlässig waren. Personen, Handelswaren und Informationen flossen nahezu ungehindert zwischen der Außenwelt und dem Inneren der Stadt hin und her.

Die Muslime waren angewiesen auf den Nachschub von draußen und konnten die Handelsströme der Bauern aus den syrischen Bergen nicht effektiv kontrollieren. Die Kreuzfahrer wiederum konnten die gewaltigen Mauern nie vollständig umringen. Darum war es für Verräter, Spione und Gegenspione ein Leichtes, ein und aus zu gehen. Beide Seiten hatten einen guten Überblick über die Operationen der jeweiligen Gegenseite. (Mehr zur Logistik im mittelalterlichen Krieg)

All das führte dazu, dass nicht nur ein Trupp von Kreuzfahrern in eine Falle lief und falschen Verrätern auf den Leim ging, sondern schlussendlich Antiochia nach mehreren erfolglosen Versuchen, Verräter zu rekrutieren, doch noch fiel. Bohemond de Hauteville gelang es, einen armenischen Turmwächter auf die Seite der Belagerer zu ziehen, der sie des Nachts hineinließ.

Zum Überblick über den Ablauf der Belagerung von Antiochia.

„Geschichtskrümel“ ist eine wöchentlich erscheinende Serie aus Kurzartikeln. Sie soll Spielern und Spielleitern als Anregung dienen und Inspiration fürs Rollenspiel bieten. Die Geschichtskrümel drehen sich um historische Ereignisse oder Themen, über die ich in meinem Alltag stolpere. Sie sind manchmal lehrreich, manchmal skurril und manchmal einfach nur lustig.

Quelle: Harari, Yuval Noah. Special Operations in the Age of Chivalry, 1100–1550. Woodbridge, 2007.

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