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Waffenkunde 5: Das Schwert im Gebrauch

Lesezeit: 9 Minuten

Das Schwert hat einen besonderen Stellenwert in der Geschichte der Menschen und ihrer Konflikte. Es ist eine der ältesten Waffen überhaupt und existierte bereits in der Bronzezeit. Seitdem hat sich das Schwert zwar dramatisch in seiner Leistungsfähigkeit und Beständigkeit gewandelt, nicht jedoch in seiner grundsätzlichen Handhabung.

Schwerter waren schon immer umrankt von Mythen und Legenden. Sie waren mehr als nur Waffen, sondern immer auch Symbole von Macht und Status. Sie waren das Zeichen und mancherorts das Privileg des Kriegerstandes. Jeder Kämpfer konnte einen Speer haben, aber lange Zeit hatten nur wenige ein gutes Schwert. Nur, warum genau war das der Fall?

Schwerter sind vergleichsweise teure Waffen. Gegenüber einem Speer benötigt ein gutes Schwert drei- bis fünfmal so viel Metall, und es ist weniger nachsichtig mit schlechter Schmiedekunst. Da es teurer ist, können nur wohlhabendere Kämpfer sich auch ein Schwert leisten. Dies allein kann eine Waffe zu einem Symbol der Macht erheben, wenn es doch schließlich stets nur die Mächtigen sind, die eines besitzen. Es ist aber nicht der ausschlaggebende Grund und wäre wohl auch kaum auf der ganzen Welt zu sehen gewesen.

Wenn es teuer war und nur wenige sich eines leisten konnten, dann war es doch aber sicherlich eine besonders mächtige Waffe, oder? Leider nein. Tatsächlich sind Schwerter sogar recht mittelmäßige Waffen. Ein Schwert erreicht nicht annähernd die Reichweite eines Speers. Auch sein Stich kann dem Speer nicht an Wucht und Präzision das Wasser reichen. Es durchdringt Panzerung nur mit eher mäßigem Erfolg; keinesfalls vergleichbar mit der Wirkung einer Axt oder einer wuchtigen Keule. Tatsächlich brilliert das Schwert in punkto Wundwirkung vor allem gegen ungepanzerte Ziele, da es stark blutende und schmerzende Schnittwunden erzeugen kann.

Aber wie kann es sein, dass eine Waffe derart legendär ist, wenn sie doch so „mittelmäßig“ ist und nur gegen ungerüstete Gegner brilliert?

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Das Schwert als Zweit- und Drittwaffe

Im Verlauf der Geschichte gab es tatsächlich nur sehr wenige Kämpfer, die Schwerter im Krieg als Hauptwaffe führten. Selbst die Ritter des europäischen Mittelalters, deren Ruf und Mythos so untrennbar mit dem Schwert verbunden scheint, kämpften nur selten damit. Ritter bevorzugten Lanzen zu Pferd, Speere zu Fuss sowie ein- und zweihändige Äxte und Streitkolben. Die klassische Bewaffnung der Warägergarde Konstantinopels war Speer oder Langaxt, gefolgt von einer Handaxt, gefolgt von Schwert und Kurzschwert oder Dolch. Das Schwert war nicht die Hauptwaffe. Es war oft noch nicht einmal die Zweit-, sondern zumeist die Drittwaffe. Ritter, gleich ob Templer, teutonische Ordensritter oder fränkische Paladine, kämpften mit der Lanze, der Axt oder dem Streitkolben und erst danach mit dem Schwert. Nur, warum so viele Waffen?

Waffen gehen im Kampf kaputt, und einige der beliebtesten und besten Waffen gingen leider vergleichsweise schnell zu Bruch. Der Speer, in allen seinen Varianten, hat zwar sehr viel Reichweite und bietet seinem Nutzer damit ein hohes Maß an Sicherheitsabstand, aber er wird bei längeren Kämpfen oft beschädigt. Lanzen, Speere, vom Pferd aus genutzt, zerbrechen ohnehin oft beim ersten, wenn auch tödlichen, Treffer. Oder sie werden dem Nutzer aus der Hand gerissen. Daher hat man eine Zweitwaffe, aber wie bereits erwähnt, war auch das oft kein Schwert. Denn Äxte verursachen mehr Schaden und dringen besser durch Rüstungen. Je schneller ich einen Kampf gewinnen kann, indem ich meinen Gegner kampfunfähig oder tot schlage, desto geringer ist mein eigenes Risiko, in diesem Kampf zu fallen. Jeder Kampf mit Waffen, auf Leben und Tod, ist ein Pokerspiel mit enormem Einsatz. Aber warum dann überhaupt ein Schwert? Man könnte ja auch einfach eine zweite Axt mitführen, oder?

Sicher könnte man das in einer Schlacht tun. Aber das Schwert hat seinen Platz nicht vom Schlachtfeld ins Zivilleben hinein errungen, sondern vom Alltag in die Schlacht. Ein Krieger hat ein Schwert dabei, weil er ein Schwert besitzt, und er besitzt ein Schwert, weil er ein Krieger ist. Das Schwert ist die Waffe, die er immer bei sich trägt. Wenn er spazieren geht, wenn er in die Stadt auf den Markt geht und auch wenn er zur Kirche oder zum Gericht geht. Wo auch immer er fürchtet, dass ihm jemand an den Kragen will, trägt er sein Schwert bei sich, und eben weil er es immer tut, macht er es auch auf dem Schlachtfeld. Er ist schlicht daran gewöhnt, immer ein Schwert bei sich zu tragen.

Stärken des Schwerts

Nach all den Dingen, die ein Schwert nicht besonders gut kann, verglichen mit anderen Waffen, muss man sich natürlich fragen, wo seine Stärken liegen. Da ist zunächst einmal die Balance des Schwerts. Anders als Äxte sind Schwerter ausbalancierte Waffen, deren Schwerpunkt nahe am Heft liegt. Ein Hieb mit dem Schwert oder ein Stoß erfordert nur wenig Kraftaufwand und ermüdet Hand und Arm des Kämpfers weit weniger, als es andere Waffen tun. So ist es im Gegensatz zur Axt auch einfacher, einen feindlichen Angriff mit einem Schwert abzuwehren. Der Axtkämpfer benötigt dazu einen Schild.

Zusätzlich kann man Schwerter leicht und komfortabel transportieren und stets mit sich führen. Ein Schwert in der Scheide am Gürtel ist immer griffbereit, schnell gezogen und in den meisten Alltagslagen eine ziemlich gute Waffe. Eine Axt kann ich nicht so schnell ziehen, denn der Schwerpunkt ist in deren Kopf. Eine Axt ist immer unpraktisch zu tragen, und jede Form von Stangenwaffe ist noch schlimmer. Die muss man nämlich die ganze Zeit in der Hand halten. Auf Wanderung mag das noch ganz praktisch sein, weil man einen Speer als Wanderstab nutzen kann oder seinen Proviant daran befestigt und ihn auf der Schulter trägt. Aber so richtig angenehm ist auch das nicht, und man hat immerzu etwas in der Hand. Sobald es daran geht, Häuser zu betreten oder durch die Stadt zu navigieren, wird ein Speer zu einer echten Zumutung. Deshalb führten beispielsweise viele Wachleute in den engen Gassen ihrer Städte zwar eine Hellebarde mit sich, um Wege zu versperren und als gut sichtbares Symbol, aber griffen im Kampf sofort nach dem Schwert.

Der eigentliche Grund, warum das Schwert im Zivilleben brillierte: Die Scheide und die praktische Tragemöglichkeit, welche sie mit sich brachte.
(Bild: https://todsworkshop.com – exzellente Replika von Waffen und Scheiden.)

Wenn ich auf dem Weg zum Markt überfallen werde, dann schließlich nicht von einem gerüsteten Irren, der Speer und Schild führt, sondern wohl eher von einem Angreifer, der über einen Knüppel, einen Dolch oder ebenfalls nur ein Schwert verfügt. Meine Waffe ist dann überlegen bis ebenbürtig und das ist alles, worauf es ankommt.

Die Fähigkeit, blutende Wunden zu schlagen, kommt genau dort zur Geltung, wo wenig oder gar keine Rüstung getragen wird, also ebenfalls im Alltag. Und auf dem Schlachtfeld im Kampf gegen unterlegene Gegner. Ein Krieger wird dort durchaus mal sein Schwert ziehen, um einen feindlichen Bauernkämpfer zu erschlagen, dessen Rüstung (so er denn überhaupt welche trägt) nur aus Tuch und Leder ist, das er mit seinem Schwert gut durchschneiden kann. Zu diesem Zweck gab es im Mittelalter sogar ein eigenes Spezialschwert: das Falchion. Dessen Klinge war besonders breit, besonders dünn und überaus scharf. Hervorragend, um Ungepanzerte zu erschlagen, jedoch völlig nutzlos gegen Gerüstete und schnell hinüber beim Schlag gegen feindliche Waffen.

Die große Stärke des Schwerts ist also nicht, was es kann, sondern, was andere Waffen für sich allein nicht oder nur unzureichend können. Ergänzt man das Schwert nun noch mit einem schweren Dolch für die zweite Hand oder einem kleinen Schild (einem sogenannten Buckler), so ist man für die meisten alltäglichen Kämpfe bestens gerüstet.

Auch das Training mit dem Schwert bindet sich blendend ein in die restlichen Kampfweisen eines Kriegers. Wer mit dem Schwert trainiert, der lernt, die Schneide stets richtig auszurichten, was dem Kampf mit der Axt ebenfalls nutzt. Auch präzise Stiche werden trainiert, was wiederum beim Speerkampf von Nutzen ist.

Wer ein Schwert besitzt, der ist immer besser gewappnet als jemand, der sich keines leisten kann. Eine Waffe extra für den Notfall zu haben, ist schließlich nie verkehrt.

Nur in einen geplanten Kampf würde kaum ein Krieger, der eine Wahl hat, mit dem Schwert allein ziehen. Im Krieg war es stets die Zweit- und Drittwaffe.

Da die meisten Menschen aber weder das Geld hatten, sich ein Schwert zu leisten, noch im Alltag mit allzu vielen Mordanschlägen rechnen mussten, blieb der blanke Stahl lange eine Waffe des Adels und wurde so von einem Werkzeug der Mächtigen zu einem Symbol für Macht an sich. Gegen Ende des Mittelalters wurden Schwerter immer günstiger und verfügbarer sodass auch Handwerker und Großbürger sich Schwerter leisteten. Aber am Mythos Schwert änderte das nichts mehr.

Das Schwert im Rollenspiel

Die meisten Rollenspiele wurzeln in den kulturellen Konzepten der Kindheit ihrer Autoren. Bei einigen sind das Mantel-und-Degen-Filme wie „Gegen alle Flaggen“, die Sandokan-Reihe, Die Drei Musketiere oder Zorro, bei anderen Theaterstücke und bei wieder anderen tschechische Märchenfilme. In all diesen Medien ist das Schwert die bevorzugte Waffe des Helden, aufgrund der kulturellen Bedeutung dieser Waffe. Wer andere mit der Pistole umlegt, ist kein Held. Gleich, ob es Gram heißt, Balmung oder Notung: Das Schwert war im Mythos schon die Waffe, mit der Siegfried den Drachen erschlug.

Das Konzept des Helden mit dem Schwert in der Hand ist fest verankert in den Köpfen vieler Menschen, und das ist nicht nur im Westen so. Auch chinesische Helden waren Schwertkämpfer, obgleich die Vielfalt an Waffen in asiatischen Medien etwas diverser ist. In Japan hingegen ist es dafür so eindeutig, wie es nur sein könnte: das Schwert und nur das Schwert. Auch wenn die Samurai im Krieg im Traum nicht daran gedacht hätten, mit dem Katana zu kämpfen. Solange ihr Speer oder ihre Schwertlanze nicht den Dienst versagte, war es stets das Schwert, das die Mythen dominierte.

Da verwundert es nicht, dass auch im Rollenspiel das Schwert einen sehr hohen Stellenwert hat. Manche Rollenspiele überhöhen es sogar regelmechanisch, um diesem Bild nachzueifern. Dabei vermischen sich Erwartung und Klischee mit Prägung, denn viele Autoren taten dies gewiss nicht einmal bewusst und wissend. Sie wuchsen auf, begleitet von das Schwert schwingenden Helden in Epos, Volkssage und audiovisuellen Medien. Welche andere Waffe sollten dann die Helden der Rollenspielwelten führen?

Betrachtet man beispielsweise „Das Schwarze Auge“, welches immerhin Deutschlands bekanntestes Fantasy-Rollenspiel ist, so stellt man fest, dass dem Schwert schon immer eine besondere Position zuteil wurde. Bereits in der allerersten Edition war das Schwert dem Säbel und der Streitaxt signifikant überlegen. Während der Säbel nur 1W+3 Schaden verursachte, waren es bei Schwert und Streitaxt bereits 1W+4, aber die Streitaxt hatte Einbußen von -3 bei der Parade, wo das Schwert keine hatte. Mit der Einführung des sogenannten „Waffenvergleichswertsystems“, kurz WV, in DSA3 wurde das Schwert sogar buchstäblich zum Maß aller Dinge. Das Schwert verfügte dann über den Idealwert von 7/7, und alle anderen Waffen konnten danach gemessen werden, wie sehr sie, damit verglichen, andersartig oder schlechter waren. Nur sehr wenige konnten das Schwert übertreffen, und auch dann nur geringfügig. Diese Dominanz nahm danach wieder ab, ist aber noch immer insofern vorhanden, als Schwerter in diesem Spiel punkto Schadenpotenzial auf Augenhöhe mit Streitäxten und Streitkolben sind und für andere Waffentypen als Eichmaß fungieren. Andere Spiele handhaben das nicht ganz so überzeichnet, aber aufgrund seiner Verbreitung kann „Das Schwarze Auge“ hier durchaus als repräsentativ für dieses besondere Phänomen betrachtet werden.

Bemerkenswert dabei ist, dass viele Spieler, die keine realen Kenntnisse im Umgang mit historischen Waffen haben (und warum sollten sie auch?) und die ihre Informationen allein aus solchen Spielbüchern beziehen, oft felsenfest davon überzeugt sind, dass diese Verhältnismäßigkeiten sicherlich der Wirklichkeit entsprechen müssen.

So entsteht neuer Mythos aus altem Mythos über den Umweg der Reproduktion genretypischer Klischees.

Zusammenfassung

Schwerter sind keine wirklich herausragenden Waffen auf dem Schlachtfeld, und sie brillieren nur in wenigen Bereichen, aber sie sind ungemein praktisch, handlich und angenehm zu benutzen. Man kann sich hervorragend mit nichts mehr als nur einem Schwert in jeder Notlage verteidigen. Das Schwert ist daher gleichzeitig ein Allrounder und brilliert genau dort, wo es keine andere Waffe tut. Dies ist ein wichtiger Grund für den legendären Ruhm des Schwerts.

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Bonus: Video von Matt Easton und Tod Todeschini über verschiedene Arten das Schwert zu tragen (Englisch).

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