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Guards! Guards! – Die Krux mit der Fantasy-Polizei

Lesezeit: 8 Minuten

„Haaalt … vom Pferd absteigen!“ – „Was scheint denn das Problem zu sein, Herr Büttel?“ – „Ich muss Sie darauf hinweisen, dass auf den Straßen rund um das Rathaus nur Pferde zugelassen sind, die über eine Umweltmarke verfügen. Zeigen Sie doch mal ihre IHK-Heldenlizenz und den Kaufbeleg für das Reittier. Haben Sie getrunken und führen Sie Blankwaffen oder magische Artefakte mit sich?“ …

Der Büttel. Der Wachtmeister Krawuppke der Fantasy-Vormoderne. Ich finde: ziemlich langweilig. Außerdem schrecklich modern. Zudem: Wer braucht denn noch Helden, wenn der durchschnittliche Stadtbüttel über die Aufmerksamkeit und die Fähigkeit der modernen Polizei verfügt und die Richterschaft sowieso mit der gefühlten Kompetenz von CSI: Las Vegas ermittelt? Das geht spannender, denn Unordnung ist ja gar nicht schlecht fürs Fantasy-Rollenspiel.

Ahistorisch ist das Ganze sowieso. Bis ins 17. Jh. war es in den meisten deutschen Städten nicht üblich, dass es eine relevante öffentliche Sicherheitsinfrastruktur gab. Stattdessen kümmerten sich die Stadtbürger selbst um ihre Sicherheit und waren entsprechend meist bewaffnet unterwegs.

Öffentliche Sicherheit im deutschen Mittelalter

Im Allgemeinen verfügten einzelne öffentliche Organe über Büttel oder bewaffnete Leute zur Durchsetzung notwendiger Interessen oder zur Vollstreckung ihrer Ansprüche. Der Rat bzw. das Gericht hatte einige Büttel, um Leute vorzuführen, wenn dies angewiesen war. Die Tore und Türme verfügten meist über – schlecht bezahlte – Wachleute. Im Falle der Tore hatte schließlich die ganze Stadt ein Interesse daran, dass der Zugang zur Stadt geregelt war. Allerdings waren die Stadtmauern im Frieden meist dennoch löcherig wie der sprichwörtliche Schweizer Käse, denn durch die Tore rein oder raus zukommen, war aufgrund von Korruption und Personalmangel ziemlich leicht.

Die Büttel des Rats bzw. des Gerichts oder die Torwachen wiederum waren nicht der öffentlichen Ordnung verpflichtet. Sie waren Gefolgsleute und setzten den Willen des Gerichts oder des Rats durch. Schon gar nicht war es ihre Aufgabe, Konflikte zu lösen. Dieses Recht wurde ihnen ja auch nie von den Bürgern zugestanden. Das blieb Aufgabe der Bürger, die sich in ihrem Bürgereid dem Frieden verpflichteten und schworen, Konflikte nicht mit Gewalt zu lösen.

Zudem kommt noch hinzu, dass das Gericht im Mittelalter, gerade im Frühmittelalter, selten Gesetze „einfach so“ durchsetzte. Im Frankenreich (Karl der Große usw.) war es sogar so, dass Gesetze rein zivilrechtlicher Natur waren. Selbst Tötungsfälle wurden dort nur insofern vor Gericht verhandelt, als die Angehörigen Wergeld (Blutgeld) und Schadensersatz durchsetzten. Die Trennung von „Kriminaljustiz“ und „Zivilsachen“, die heute ja üblich ist, war nicht immer so klar. Das kam erst im Verlauf des Spätmittelalters wieder auf, wo das römische Recht wieder wahrgenommen wurde. Wenn also ein Bürger den anderen schlägt und keiner will vor Gericht, dann ist das gar nicht so leicht, wenn nicht gerade der Stadtfrieden bedroht wurde.

Ein Beispiel aus Frankfurt am Main (1565)

Der reiche Patrizier Philipp Weiss wollte die Katharinenpforte (ein Tor) durchqueren, gerade als Hans Heckpecher auf seinem Esel von der anderen Seite hindurchritt. Weiss fühlte sich bedrängt und wollte Heckpecher vom Esel ziehen. Heckpecher wiederum fing an zu fluchen und zu zetern (wer im Recht war, soll hier gar keine Rolle spielen). Daraufhin fühlte sich der Patrizier Weiss beleidigt und zog seinen Dolch.

Ein Streit der Ehre wegen entbrannte – wie er in den engen Gässchen und schmalen Straßen von mittelalterlichen Städten schnell einmal ausbrechen konnte. Platz ist ein kostbares Gut, und Schmutz bedroht bald die gute Kleidung. Die Mehrheit der Gerichtsfälle drehte sich deshalb auch um zwischenmenschliche Gewalt (verbal oder physisch).

Sofort mischten sich andere Bürger, die sich vor Ort befanden, in den Streit ein. Man forderte Weiss auf, den Frieden zu wahren. Die beiden Bürgermeisterknechte (Büttel) und die Wachen am Tor hingegen fühlten sich nicht einmal genötigt, ihre Waffen bereit zu machen, geschweige denn einzugreifen.

Die anderen Bürger hingegen zogen ihre Wehr (Waffe, meist Dolche). Das ist auch ein symbolischer Akt, mit dem sie anzeigten: „Ich bin bereit den Frieden, die Stadt und meine eigene Ehre zu verteidigen.“

Heckpecher ritt zwar einen Esel, war aber selber keiner. Er bot dem Patrizier Weiss den Handschlag an und erklärte, dass sie doch beide Bürgerkinder wären und der andere doch den Frieden wahren solle. Andere hielten ihre Dolche symbolisch zwischen die beiden, um sie vom Streiten abzubringen.

Erst als eine Messerstecherei mit den Umstehenden auszubrechen drohte, griffen auch die Büttel und Wachen ein, während verschiedene Umstehende bereits zuvor versucht hatten, die Streithähne voneinander fernzuhalten.

Weder die Wachen noch die Bürger scheinen sich gegenseitig große Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Es war für die Klärung dieses Streits, der schlussendlich zwar vor Gericht landete, nicht wichtig, dass die Wachen anwesend waren.

Soldaten und die Polizey

Ab dem 15. Jh. sahen die Stadtherren es zwar als gegeben an, dass die Obrigkeit den Stadtfrieden durch formalisierte Institutionen sichern sollte, aber die Bürger waren ja gerade durch ihre Unabhängigkeit gegenüber Obrigkeiten geprägt. Anders als auf dem Land unterlagen die Bürger nicht im selben Maße herrschaftlicher Kontrolle und Unterwerfung. Sie waren bewaffnet, Teil der Miliz und patrouillierten auch als Wachsoldaten. Warum sollten sie es jemand anderem überlassen, ihre Ehre und Freiheit zu verteidigen?

Die öffentliche Ordnung (Polizey) und der Stadtfrieden lagen darum noch bis ins 17. Jh. auch in der Verantwortung der Bürger. Die Professionalisierung der öffentlichen Sicherheit durch das Anheuern städtischer Soldaten war nicht jedem recht. Zuvor war es üblich gewesen, dass Büttel und Miliz aus der Bürgerschaft gemeinsam die Patrouillen übernahmen. In den Übergangszeiten gab es darum noch regelmäßig Krawall zwischen den Soldaten und den Bürgern, wann immer illegitime Gewaltanwendung oder Überschreitung der Kompetenzen die Gemüter erhitzte. Die Zentralisierung der Polizeigewalt durch die Obrigkeit musste darum auch zwingend mit der Entwaffnung der Bevölkerung in der Öffentlichkeit einhergehen.

Stadtwachen im Pen&Paper Rollenspiel

Bei vielen Fantasy-Spielern hingegen sind Stadtwachen so eine Art Polizei. Sie kommen angerannt, wenn man nur laut genug „Wachen“ ruft, und sie ermitteln mit kriminalistischer Spürnase, wann immer ein Verbrechen geschieht. Außerdem haben sie ein seltsames Faible für Papierkram – ganz wie in der Bundesrepublik eben.

Ich persönlich finde, dass das dem Fantasy-Genre nicht gerecht wird. Die gut geölte Polizeimaschinerie ist eher etwas für die Innenstadt von Shadowrun-Seattle, wo Drohnen und biometrisch gesteuerte 360-Grad-Videoüberwachung ihr Zuhause haben.

Dahingegen profitiert das Fantasy doch gerade von vormodernen Strukturen, wie sie eine auf zwischenmenschliches Handeln ausgerichtete Gesellschaft hervorbringt. Der einzelne Patrizier oder Adlige hat „seine“ Leute, und die Wachen sind grade gut genug, um einen Gefangenen einzusperren, den die Spieler bei ihnen abliefern. Leute haben persönliche Loyalitäten und fühlen sich nicht allmächtigen Leviathan-Konstrukten verpflichtet. (-> Mehr zur historischen Nachtwache.)

Das eröffnet viel mehr Möglichkeiten, um „Akteure von außen“ (man spielt ja selten Stadtbürger) in lokales Geschehen einzubinden. Eine Verbrechenswelle geht um? Erhöhter Bedarf an Sicherheitskräften für private Anwesen, gerade von Bürgern, die sowieso schon in irgendwas verstrickt sind. Vielleicht ist auch der städtische Rat froh um jeden, der ihm hilft, seine Autorität durchzusetzen, weil die Bürger zerstritten sind über das richtige Vorgehen. Eventuell gibt es auch Fehden, in denen man vermittelnd oder verhindernd oder befeuernd tätig werden kann. Als mutiger Recke ist man zudem vermutlich eher bereit, in den „Untergrund“ der Stadt zu einzutauchen, wo die Wachen sich nicht unbedingt hintrauen würden.

5 Tipps für den Umgang mit Polizei und öffentlicher Ordnung im Fantasy-Rollenspiel

  1. Die Büttel und Stadtwachen, welche sich den öffentlichen Institutionen verpflichtet fühlen, können balanciert werden mit privaten Mächten, z.B. Adlige, Patrizier, Gilden oder Banden. Die öffentlichen Organe und die privaten Akteure können so in Konflikt miteinander geraten, wenn sie unterschiedliche Interessen verfolgen.
  2. Probleme und Streitigkeiten von Personen sollten auf der Basis der „persönlichen Ehre“ zwischen Gleichen geklärt werden. Das kann jederzeit eskalieren, entweder vor Ort oder später. Dadurch können Duelle, Fehden, Streite und andere Probleme entstehen, welche auch in ganz anderen Bereichen des Abenteuers Schwierigkeiten machen können.
  3. Gerade das Fantasy-Genre bietet Probleme, welche von einfachen Bütteln und dem städtischen Rat nicht gelöst werden können. Besonders magische Phänomene oder übernatürliche Vorkommnisse und Wesen sind etwas, wofür man erfahrene Leute bzw. Spezialisten braucht.
  4. Ermittlungen der Polizei und der Richter sollten kein Automatismus sein. Was nicht zur Anzeige gebracht wird, wird im Allgemeinen auch nicht verfolgt. Eine Mentalität à la „Police Line – do not cross“-Plastikband führt nicht zu mehr Spannung, sondern dazu, dass SC das Gefühl haben, dass ein Problem doch eigentlich bereits vom gut geölten Sicherheitsapparat gelöst wird. Das bedeutet, sie halten sich raus oder arbeiten sich an langweiligem Zuständigkeitsgeplänkel ab.
  5. Weg mit dem Papierkram. Anstatt dass ständig nach irgendwelchen Schreiben gefragt wird, sollten die Spielercharaktere versuchen, an fremden Orten einen Fürsprecher, einen Ortskundigen oder einen Patron zu gewinnen. Eine Bürgschaft von jemandem, dessen Name vor Ort Bedeutung hat, ist auch einfach viel gewichtiger als irgendein fremder Schrieb.Das hat auch den Vorteil, dass der Spielleiter einen NSC hat, mit dem er helfend unter die Arme greifen kann. Zudem erleichtert es das Beschreiben und das Einbringen von lokalen Institutionen wie Gilden, denn der Einheimische ist ja ins Sozialgefüge eingebunden.

Zusammenfassung

Das Klären von Streitigkeiten und die öffentliche Ordnung waren in mittelalterlichen Städten Westeuropas die Sphäre der Bürgerschaft. Erst im 17. Jh. ging diese Aufgabe an Soldaten über. Damit verlor die Bürgerschaft auch das Privileg, Waffen zu führen, mit denen sie zuvor ihre Ehre und den Stadtfrieden verteidigt hatte.

Fantasy-Rollenspiel profitiert ebenso davon, wenn das Ausmaß an „moderner Polizei“ gering gehalten wird. Zwischenmenschliche Streits, persönliches Eingreifen und die Notwendigkeit von außergewöhnlichen Maßnahmen und dem Hinzuziehen von außenstehenden Akteuren in Ausnahmesituationen sind gut fürs Spiel. Gerade modernes Verwaltungsdenken mit allerlei Papierkram ist selten richtig spannend. (Ich zumindest gehe nicht hobbymäßig immer wieder aus Spaß an der Freude aufs Bürgeramt.)

Beispiel entnommen aus: Eibach, Joachim: Burghers or Town Council. Who was Responsible for Urban Stability in Early Modern German Towns? In: Urban History 34 (2007/1), S. 14–26. https://doi.org/10.1017/S0963926807004300.


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