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Waffenkunde 3: Projektilkunde

Lesezeit: 22 Minuten

Nachdem in den beiden vorangegangenen Artikeln die Grundlagen der Funktionsweise von Bogen und Armbrust erklärt worden sind, möchte ich nun einen Blick auf die Projektile beider Waffen werfen, also auf die Pfeile des Bogens und die Bolzen der Armbrust.

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Der Pfeil

Ein klassischer Bogenpfeil besteht aus einem geraden Holzschaft, an dessen vorderem Ende sich die Pfeilspitze befindet und dessen hinteres Ende nach der Befiederung mit einer sogenannten Nocke abschließt. Jede dieser Komponenten hat eine eigene, spezifische Funktion, und der Verzicht auf ein einziges Teil verschlechtert die Wirkung des Pfeils immens (vom Schaft einmal abgesehen, der selbstredend unverzichtbar ist). Die einzelnen Teile eines Pfeils sind derart mit dem Konzept von Pfeil und Bogen verbunden, dass sie in allen Kulturen und Zeiten gleich sind. Sie nehmen unterschiedliche Formen und Ausprägungen an, aber sie sind stets vorhanden.

Zäumen wir das Pferd mal von hinten auf und betrachten wir den Pfeil vom hinteren Ende her. Der erste Teil des Pfeils, den wir sehen, ist die Nocke. Dabei handelt es sich je nach Ausprägung um eine Kombination aus Griffhilfe, Führungskerbe für die Sehne und Halteklemme, um zu verhindern, dass der Pfeil von der Sehne rutscht. Die Klemmfunktion ist optional, ebenso wie die Griffhilfe, aber kein Bogenpfeil kommt ohne die Führungskerbe aus. Nur durch sie ist gewährleistet, dass der Pfeil den gesamten Beschleunigungsweg entlang beim Abschnellen der Sehne den Kontakt mit der Sehne behält und die ganze Kraft mitnimmt, den die Sehne ihm dabei geben kann. Die einfachste Form der Nocke ist daher nichts weiter als eine Einkerbung am Ende des Pfeils, aber diese Form ist auch bei den primitivsten Kulturen unüblich und eher notdürftig. Eine einfache Kerbe kann für sich allein bereits die Sehne beschädigen, aber noch problematischer ist es, wenn der Pfeil beim Abschussversuch von der Kraft der Sehne gespalten wird. Daher sind die Einkerbungen der Nocke fast immer mit einem glatten und zugleich harten Material ausgekleidet, sofern nicht die ganze Nocke bereits aus diesem Material besteht. Eines der dafür beliebtesten Materialien war Horn oder Bein. Abgesehen davon, dass die Nocke die Sehne schont und verhindert, dass der Pfeil beim Abschuss gespalten wird, dient sie auch als Griffhilfe. Bei der sogenannten mediterranen Griffweise hält der Schütze den Pfeil zwischen Zeige- und Mittelfinger beim Auszug an der Sehne. Für bessere Griffigkeit kann die Nocke mit zusätzlichem Garn oder Rindenstreifen am Schaftende fixiert werden. In Asien benutzte man dazu auch Hai- und Rochenhaut, die reißfest, feuchtigkeitsbeständig und äußerst griffig ist.

Direkt vor der Nocke folgt die am Schaft angebrachte Befiederung. Mal sind die Federn mit Leim befestigt, mal mit Garn gebunden und oft eine Kombination aus beiden Techniken. Die Form der Befiederung ist mal trapezförmig, mal elliptisch oder rund, bunt gefärbt oder in Naturfarben. Ein Pfeil hat Federn zu zwei Seiten, drei oder vier, stets in gleichmäßiger Anordnung.

Die Aufgabe der Befiederung ist zweierlei: Sie sorgt dafür, dass der Pfeil stabiler fliegt, und sie bewirkt, dass der Pfeil direkt nach dem Abschuss schneller aufhört zu vibrieren. Die Befiederung kann außerdem, wenn sie leicht spiralförmig angebracht ist, dazu führen, dass der Pfeil im Flug rotiert, was ihm zusätzliche Stabilität einbringt, allerdings nicht immer gewünscht ist. Nur Pfeile, bei denen es keine Rolle spielt, wie die Spitze beim Auftreffen gedreht ist, dürfen auch rotieren.

Nun wenden wir uns dem Schaft des Pfeiles zu, der ja buchstäblich im Mittelpunkt der Pfeilkonstruktion steht. Ein guter Schaft muss gerade sein, eine gleichmäßige Holzmaserung haben und sollte keine Astlöcher haben. Er muss gut durchgetrocknet sein und aus stabilem Holz bestehen, das weder bricht noch zu stark federt. Beim Abschnellen der Bogensehne wirken immense Kräfte auf den Pfeil, der von hinten zusammengestaucht wird. In der Zeitlupe kann man sehen, wie der Pfeil dabei bauchig wird und nach dem Abschuss wild hin und her wobbelt.

Außerdem muss der Pfeil bei historischen Bögen buchstäblich um den Bogen herum, denn die Beschleunigung der Sehne ist direkt auf den Schaftrücken des Bogens ausgerichtet. Der Pfeil folgt dabei einer wellenförmigen Flugbahn, die am Anfang seines Flugs um den Schaft herumführt und dann zu beiden Seiten ausschlägt und erst langsam abflacht. Je länger und mächtiger die Befiederung des Pfeils ist, desto schneller beruhigt er sich im Flug. Das ist aber nur für Schüsse auf sehr kurze Distanz wichtig, denn wenn ein Schütze auf 120 Meter schießt, kann es ihm egal sein, ob der Pfeil 10, 20, 30, oder 40 Meter braucht, bis er sich im Flug gestreckt und beruhigt hat.

Nun kurz zur allgemeinen Funktion der Pfeilspitze, denn zu den spezifischen Formen und Sonderformen später mehr. Die Pfeilspitze sitzt am vorderen Ende des Schaftes. Sie steigert das Gewicht des Pfeils, macht ihn kopflastiger, verleiht ihm beim Aufprall mehr Härte und ist verformungsstabiler, als das Holz des Schaftes es wäre. Bereits eine Spitze aus vergleichsweise weichem und brüchigem Horn verbessert die Leistung eines Pfeiles immens, verglichen mit einem einfach angespitzten Holzende. Besser noch sind Pfeilspitzen aus Stein oder Glas, denn sie sind nicht nur härter, sondern auch schärfer. Sie sind jedoch sehr aufwendig in der Herstellung und können nur wenige Male wiederverwendet werden, ehe sie zerbrechen. Daher ist das beliebteste Material für Pfeilspitzen zu jeder Zeit das jeweils gängige Metall gewesen. Erst Kupfer und Bronze, später Schmiedeeisen in Europa sowie Schmiede- und Gusseisen in Asien und Afrika.

Der Bolzen

Armbrustbolzen unterscheiden sich von Pfeilen in vielen dieser Punkte. Aufgrund ihres dickeren Schaftes, der dickeren Sehne der Armbrust und der Auflagefläche benötigen sie keine Nocke am Ende. Ein stumpfes Schaftende ist ausreichend. Auch bei der Befiederung weichen Armbrustbolzen ab. Da Bolzen nicht so stark vibrieren, benötigen sie keine lange Befiederung, und da sie aufliegend abgeschossen werden und dazu manchmal von einer Metallklemme gehalten werden, können sie nur Federn an den zwei gegenüberliegenden Seiten haben. Wie im Armbrust-Artikel bereits erläutert, verwendet man anstelle von Federn oft einfach dünne Holzflügelchen. Durch all diese Umstände sind Armbrustbolzen insgesamt sehr viel günstiger als Bogenpfeile und kosten im Schnitt nur die Hälfte bis ein Viertel eines Pfeils.

Pfeil- und Bolzenspitzen

Was die Auswahlmöglichkeiten an Geschossspitzen betrifft, existieren kaum Unterschiede zwischen Bögen und Armbrüsten. Was man mit einem Bogenpfeil verschießen kann, das lässt sich fast immer auch mit einem Armbrustbolzen verwenden und vice versa. Allerdings gibt es Geschosse, die nur in bestimmten Kombinationen wirklich sinnvoll sind.

Der Jagdpfeil

Dies ist sozusagen die Standardspitze bei Bögen, denn der Bogen dient ursprünglich ja vor allem der Jagd. Jagdpfeile müssen keine Panzerung durchdringen, sieht man von Haut, Muskeln und Sehnen einmal ab. Sie sind daher oft ein wenig breiter ausgeführt, denn dadurch wird der Pfeil im Profil größer und erzeugt einen größeren Wundkanal. Beim Eindringen durchschneidet der Pfeil ja alles, worauf er trifft: Haut, Fett, Muskeln, Sehnen, Blutgefäße und lebenswichtige Organe. Haut, Fett und Muskeln sind dabei von geringerer Bedeutung. Derartige Verletzungen können zwar zum Tod des Ziels führen, aber erst nach einiger Zeit, und bis dahin kann die Beute davonlaufen und irgendwo verenden, wo man sie nicht findet. Im Falle eines menschlichen Gegners kann dieser sich in Sicherheit bringen, seine Wunden verarzten lassen und zu einem späteren Zeitpunkt den Kampf wieder aufnehmen.

Um das Ziel stattdessen schnell zu töten, muss man vor allem Blutgefäße und lebenswichtige Organe treffen. Je breiter der Pfeil ist, desto größer ist die Chance, dass dies bei einem beliebigen Treffer gelingt. Man stelle sich vor, dass zwei Pfeile exakt die gleiche Stelle treffen würden, nur dass der eine Pfeil 2 mm breiter ist als der andere. Wenn der schmalere Pfeil nun beispielsweise eine Schlagader um 1 mm verfehlt, bedeutet dies, dass der andere Pfeil diese Schlagader nicht nur getroffen, sondern 1 mm tief aufgeschnitten hätte.

Die Wundwirkung eines Jagdpfeils verstärkt sich also, je breiter er ist. Allerdings bedeutet ein breiterer Pfeil auch eine geringere Eindringtiefe, denn je breiter der Pfeil ist, desto mehr Kontakt hat er zum Ziel. Der Umstand, dass er mehr Schaden anrichtet, ist nichts anderes als die Abgabe von Energie an das Ziel. Nur verliert er seine Energie dabei eben auch schneller. Dringt ein Pfeil aber nicht tief genug ein, so kann er sein Potenzial nicht entfalten. Man stelle sich vor, dass zwei Pfeile exakt die gleiche Stelle treffen würden, nur dass der eine Pfeil 4 cm tiefer eindringt als der andere. Der weniger tief eindringende Pfeil mag noch so viel Haut, Fett und Muskulatur zerschneiden, aber wenn er 2 cm vor dem Herzen zum Stillstand kommt, überlebt das Ziel vielleicht, wohingegen ein Pfeil, der 2 cm tief in das Herz dringt, vermutlich tödlich ist.

Ein breiter Wundkanal ist also nicht immer alles. Daher ist der typische Jagdpfeil ein Kompromiss. Unterschiedlich auch in Abhängigkeit von der Jagdbeute.

Spitze eines Jagdpfeils

Die typische Form ist dabei die gestreckte Rautenform, eckig oder gerundet, sowie die Form eines lang gezogenen Dreiecks oder eines mit der Spitze nach vorn zeigenden Herzens. Jagdpfeile haben üblicherweise keine Widerhaken, damit sie einfacher aus der Beute zu entfernen sind und häufiger wiederverwendet werden können.

Der Kriegspfeil

Pfeile, die für den Krieg gemacht sind, haben allem voran einen Zweck, und es ist nicht der, an den die meisten jetzt denken werden. Nein, ein Kriegspfeil soll gar nicht möglichst tödlich sein. Allem voran muss er möglichst billig in der Herstellung sein, denn im Krieg braucht man Unmengen Pfeile. Je einfacher der Pfeil zu fertigen ist, desto besser und tödlich muss ein Pfeil eh im Krieg nicht sein. Es reicht oft, einen Feind nur zu verwunden, um ihn wahlweise in die Flucht zu schlagen, gefangen zu nehmen oder von Fußtruppen erschlagen zu lassen.

Ein typischer Kriegspfeil ist schlank und spitz, sodass er leichte Rüstungen durchdringen kann und möglichst tief in das Ziel vordringt. Derartige Pfeile haben viele Vorteile und basieren auf einer sehr kühlen Rechnung:

Gegen gute Panzerung bewirkt ein Pfeil ohnehin nichts. Ein gut gearbeitetes Kettenhemd mit dickem Steppwams darunter kann ein Pfeil genauso wenig zuverlässig durchschlagen wie einen guten Schild, geschweige denn eine Plattenrüstung. Daher ist es opportun, sich auf jene Glückstreffer zu verlegen, die schlecht oder gar nicht gepanzerte Stellen des Gegners treffen, dafür aber, WENN sie treffen, tief einschlagen können. Je tiefer nämlich ein Pfeil eindringen kann, desto mehr Schmerzen und Einschränkungen bewirkt er direkt, desto tiefer transportiert er Krankheitserreger in die Wunde und desto eher kann er Pferde töten. Außerdem fliegen Pfeile mit leichter Spitze weiter als solche mit schwerer Spitze. Da ist es oft besser, wenn man auf große Distanzen mit dem Beschuss beginnen kann und den Gegner so mit möglichst vielen, billigen Pfeilen spickt, in steter Hoffnung auf Glückstreffer gegen die gut Gepanzerten und verheerende Wirkung auf die schlecht oder gar nicht Gepanzerten.

Die Form des klassischen Kriegspfeils ist der sogenannte Bodkin, eine einfache runde, vierkantige oder dreikantige Spitze.

Pfeile mit Widerhaken

Pfeile fast aller Art können mit Widerhaken ausgestattet werden. Diese verhindern ein einfaches Herausziehen des Pfeils und erschweren so die Behandlung der Wunde bzw. behindern im Kampf stärker. Ein Kämpfer, dem ein Pfeil mit Widerhaken im Arm steckt, ist kaum noch imstande weiterzukämpfen, und er kann allein auch nicht viel dagegen tun. Wenn er nun das Schlachtfeld verlässt, um einen Wundarzt aufzusuchen, hat der Pfeil sein Ziel erreicht und einen Gegner aus dem Kampf entfernt. Das der vermutlich nicht an der Wunde sterben wird, ist dabei egal.

Pfeile mit Widerhaken existieren aber auch als Jagdpfeile. Bei diesen dienen die Widerhaken vor allem dazu, einen völligen Verlust der Beute unwahrscheinlicher zu machen, denn ein solcher Pfeil kann nicht einfach aus der Wunde rutschen. Er bleibt im Ziel, richtet bei Bewegung weiter Schaden an und behindert die Beute so bei der Flucht.

Widerhaken haben jedoch meistens den Nachteil, dass der Pfeil nicht wiederverwendbar und schwer zu entfernen ist. Im Falle von Jagdbeute bedeutet dies, dass man den Pfeil mitunter umständlich aus der Beute schneiden muss und dabei mehr Fleisch und Fell beschädigt, als man vielleicht möchte. Ein sauberer Blattschuss ist außerdem immer besser, als einem weidwunden Beutetier über lange Strecken nachzusetzen.

Bei Kriegspfeilen verzichtet man vor allem deshalb oft auf Widerhaken, weil diese kaum einen Vorteil gegenüber normalen Kriegspfeilen bieten, dafür aber die Herstellung unverhältnismäßig aufwendiger machen und zudem Transport und Lagerung der Pfeile erschweren. So können normale Pfeile in einem Bündel gebunden, durch den Gürtel gesteckt oder aus einem Lochköcher gezogen werden. Pfeile mit Widerhaken machen dabei jedoch Probleme.

Eine besondere Sorte der Widerhakenpfeile ist der Fischpfeil. Dieser wird fast ausschließlich aus Holz gefertigt, denn Fische sind recht weich und kaum gepanzert. Er hat entweder eine einzelne Spitze mit zahlreichen Holzwiderhaken, oder er hat mehrere Spitzen in einer gespreizten Anordnung. Drei bis vier sind da oft zu sehen. Zum einfacheren Einsammeln der Beute wird der Fischpfeil fast immer mit einem Faden am Ende gesichert, sodass man ihn daran samt Beute einholen kann. Aber gerade bei langsam fließenden Gewässern oder Seen ist das keineswegs nötig. Gegen Menschen und Landtiere sind Fischpfeile nahezu wirkungslos.

Stumpfe Pfeile

Stumpfe oder fast stumpfe Pfeile werden vor allem für zwei Dinge benutzt: Zum einen für die Jagd auf kleine Pelztiere. Bei diesen reicht der kinetische Impuls des aufschlagenden Pfeils oft, um sie zu betäuben oder zu töten, aber er beschädigt nicht den Pelz. Das ist vielleicht nicht nett, aber besonders in vormodernen Gesellschaften war das Leben hart, und für Tierliebe bestand wenig Raum.

Die zweite Verwendung für stumpfe Pfeile ist das Training mit Bogen oder Armbrust, denn ein stumpfer Pfeil dringt nicht so tief in ein Übungsziel ein. Zudem ist er leichter wieder daraus zu entfernen und kann häufiger wiederverwendet werden.

Brandpfeile

Brennende Pfeile sehen toll aus in Filmen und TV-Serien, aber historisch betrachtet waren sie eine Randnotiz und wurden so gut wie nie verwendet. Das liegt vor allem daran, dass sie kaum funktionieren. Erst mit dem Schwarzpulver änderte sich dies ein wenig, denn Brandsätze auf Schwarzpulverbasis hatten zumindest eine gewisse Wirksamkeit. Ansonsten gilt für Brandpfeile nämlich, dass sie kaum zu etwas gut sind. Sie sind teuer in der Herstellung, wiegen deutlich mehr als normale Pfeile, erlöschen oft bereits beim Abschuss und haben kaum eine Chance, irgendetwas in Brand zu setzen. Da sie schwerer sind, fliegen sie auch noch weniger weit, sofern sie nicht direkt beim Abschuss brechen. Für den Beschuss von Menschen sind sie ohnehin völlig ungeeignet. Weder bewirken sie den Wundeffekt eines Pfeils, noch könnte die mickrige Flamme irgendetwas ausrichten.

Im Krieg verwendet man Brandpfeile nur für sehr wenige Dinge. Im Schiffskampf finden sie Anwendung, um die Segel des Gegners in Brand zu schießen und mit sehr viel Glück vielleicht seine Schwarzpulvervorräte unter Deck zur Explosion zu bringen. Bei Belagerungen hatten Brandpfeile kaum eine Chance, Gebäude in Brand zu setzen. Höchstens einer von 100 Pfeilen würde etwas treffen, das überhaupt brennen könnte. Und auch dann war es unwahrscheinlich, dass ein Feuer ausbrach. Aber der Verteidiger konnte sich darauf auf keinen Fall verlassen, denn WENN ein Feuer ausbrach, war das ein gewaltiges Problem. Die Verteidiger mussten also herumlaufen und alles nach Brandpfeilen absuchen, die sie dann bei Bedarf löschten. Das erfordert Manpower und Zeiteinsatz. Daher wurden Brandpfeile vor allem eingesetzt, um den Gegner zu ermüden und um den Schlaf zu bringen, sowie in direkter Vorbereitung eines Sturmangriffs. Gegner, die herumlaufen und Pfeile löschen, sind nämlich nicht an den Toren und auf den Mauern.

Im Großen und Ganzen jedoch waren Brandpfeile nie besonders nützlich und wurden daher auch nur äußerst selten eingesetzt.

Singende Pfeile

Pfeile, die Geräusche machen, die heulen, kreischen, jaulen, gibt es schon sehr lange. Sie sind extrem einfach herzustellen, und tatsächlich kann man praktisch jeden beliebigen Pfeil zusätzlich zu einem singenden Pfeil machen. Dazu reicht eine hohle Kugel am Schaft mit einem oder mehreren Löchern. Beliebt waren dafür zum Beispiel die Schalen von Haselnüssen und Walnüssen. Der Hersteller des Pfeils kann dabei den Klang stark beeinflussen, sodass Dutzende verschiedene Tonhöhen und Klänge möglich sind.

Der Zweck singender Pfeile ist dabei äußerst vielseitig. Man kann sie als psychologische Waffen verwenden, um den Gegner zu verunsichern und in Angst zu versetzen. Das ist natürlich besonders dann wirksam, wenn Hunderte Bogenschützen allesamt singende Pfeile verwenden. Die resultierende Kakofonie ist tatsächlich beeindruckend und einschüchternd, denn sie macht die Präsenz des Pfeilhagels für alle Betroffenen um so realer und verstärkt so die Wirkung.

Eine andere Verwendung ist jedoch die als Signalpfeil. Um sich vor Augen zu führen, WIE wirkungsvoll dies ist: Während einer Schlacht ist es nahezu unmöglich, Befehle akustisch weiterzugeben. Kein Ruf trägt weit genug. Aber ein singender Pfeil bewegt sich, und sein Geräusch kommt von oben. Es wird also nicht von Pferden, Leibern und anderen Hindernissen blockiert. Noch dazu sind verschiedene Signale möglich. Die Mongolen benutzten diese Art der Befehlsübermittlung, um nicht nur ganze Reiterheere auf dem Schlachtfeld zu dirigieren, sondern um mithilfe verschiedener Klangarten sogar einzelnen Formationen spezifische Anweisungen zu geben. Für den Feind war dies nicht ersichtlich und nicht zu entschlüsseln, sodass es auf ihn wirken musste, als ob die andere Armee wie von einem einzigen Willen beseelt handelte und kämpfte. So etwas allein kann furchteinflößend sein, abgesehen vom praktischen Nutzen der Befehle selbst.

Panzerbrechende Pfeile

Es gibt Mittel und Wege, um Pfeile für Bögen und Armbrüste wirksamer gegen Rüstungen zu machen. Gegen Kettenhemden wurden Pfeile erfunden, die über eine besonders lange und schlanke Spitze verfügten. Diese Spitze hat eine bessere Chance, ohne abzuprallen zwischen die Ringe zu gleiten und dann durch ihre große Länge einen Ring von innen an der Niete aufzusprengen. Erst dann kann der Pfeil weiter eindringen und vielleicht noch das unter der Kette getragene Steppwams durchdringen.

Plattenbrecher funktionieren im Prinzip genau so, nur dass sie im Gegensatz zum Kettenbrecher auch noch aus gehärtetem Stahl sein müssen. Nur so ist die Spitze des Pfeils imstande, den immensen Kräften zu widerstehen, die beim Aufprall auf diesen winzigen Teil des Pfeils wirken. Knickt die Spitze nämlich ab, ohne in die Platte einzudringen, springt der Pfeil regelrecht vom Ziel ab und ist wirkungslos. Die Konstruktionsweise bedingt übrigens, dass ein Plattenbrecher immer auch ein Kettenbrecher ist, ein Kettenbrecher jedoch nicht automatisch ein Plattenbrecher.

Es ist aber kein Zufall, dass hier die Rede ist von „besseren Chancen“ und „vielleicht“. Panzerbrechende Pfeile sind ein Mythos. Die Leistungssteigerung, die sie bewirken können, ist lächerlich gering. Nur ein Bogen, der mit einem gewöhnlichen Kriegspfeil bereits imstande ist, in eine Platte eine Delle mit leichtem Durchbruch zu schlagen, würde mit einem gehärteten Panzerbrecher einen Durchschlag erreichen.

Um die Beschränkungen solcher Pfeile einmal deutlich hervorzuheben: Die Schlacht von Agincourt (1415) gilt weithin als Triumphstunde des englischen Langbogens. Weder mit gewöhnlichen Kriegspfeilen (Bodkin point arrows) noch mit gehärteten Panzerbrechern – ob die Engländer bei Agincourt überhaupt solche hatten, ist allerdings nicht belegt – gelang es den englischen Bogenschützen, die heranstürmenden französischen Ritter zu töten, geschweige denn nennenswert zu verletzen. Die Pfeile töteten lediglich deren Pferde und schlechter gerüsteten Hilfstruppen, sodass die Ritter zu Fuß kämpfen mussten und dann von den Engländern im Nahkampf überwältigt wurden. Besiegt hatte sie mehr der Regen und der schlammige Untergrund, als die Pfeile der Engländer. Auch dabei wurden die meisten relativ unverletzt gefangen genommen und keineswegs getötet. Sie starben erst später, als sie auf Befehl von König Heinrich V. im Gefangenenlager niedergemetzelt wurden.

Und das galt nicht nur für die Plattenrüstungen von 1400, sondern davor auch für gute Kettenpanzer. (Siehe auch diese Anekdote von Saladins Kämpfer hier: link.)

Giftpfeile

Unter einem Giftpfeil verstehen wir einen Pfeil (oder Bolzen), dessen primäre Wirkung aus dem Gift kommt und nicht aus dem Pfeil selbst. Bei uns im Westen, beziehungsweise in nördlichen Breiten, ist das kaum der Fall. Wir kennen kaum Gifte, die wirksam genug wären, um in den geringen Dosen eines gestrichenen Pfeils etwas zu erreichen.

In den Tropen sieht das jedoch ganz anders aus. Dort braucht man an manchen Orten kaum zehn Schritte in eine beliebige Richtung zu gehen und man findet irgend etwas Giftiges. Besonders Blasrohre, oder die meistens extrem leistungsschwachen Bögen und Armbrüste von Ureinwohnern in Südamerika oder Südostasien, sind stark abhängig von der Wirkung potenter Gifte. Da dort auch wenig Panzerung existiert, ist es nicht besonders schwer, eine Wunde zu erzeugen, die für die Übertragung des Giftes ausreicht.

Giftpfeile haben jedoch einen großen Nachteil: Ihre Wirkung tritt nur sehr selten schnell ein. Oft vergehen mehrere Sekunden, oft gar Minuten, bis das Gift auf einen Menschen wirkt. Die meisten Gifte zielen nämlich auf vergleichsweise kleine Tiere ab, sodass sie bei größeren Organismen oft nur eine schwache Wirkung entfalten. Hinzu kommen Probleme mit der Haltbarkeit und der Handhabung von Giftpfeilen. Wenn das Gift nämlich besonders potent ist, stellt es auch für den ein Risiko dar, der Umgang damit hat.

Vogelpfeile

Vögel gehören zu den wenigen weltweit gejagten Tieren, die gegenüber Pfeilen und Bolzen über ein relevantes Maß an Panzerung verfügen. Die Spitze eines normalen Pfeils ist nämlich von der Spitze aus nach hinten gewinkelt. Das mehrschichtige Gefieder eines Vogels wirkt genau gegen diese Form von Angriff ungemein ablenkend. Ein normaler Pfeil, so er nicht besonders gut trifft, gleitet dann einfach von der Beute ab. Der Vogel verliert dabei einige Federn, wird jedoch weder relevant verwundet noch getötet oder betäubt.

Vogelpfeile sind daher sichelförmig oder V-förmig. Die Federn werden so zwischen den Schneiden des Pfeils gefangen und wirken nicht mehr abweisend. Der Pfeil durchtrennt dann die Muskulatur, die der Vogel zum Fliegen braucht, trennt gar einen ganzen Flügel ab oder enthauptet den Vogel, je nachdem, wie groß wie Beute ist und wie gut der Schuss sitzt. Die effizienteste Methode ist dabei ohne Frage der Enthauptungsschuss.

Umgangssprachlich nennt man diese Pfeile auch Seil- oder Sehnenschneider. Und tatsächlich sind sie durchaus dafür geeignet, Seile zu durchtrennen. Ein solcher Pfeil kann Banner und Feldzeichen beschädigen oder gar von der Tragestange lösen. Ob sich das lohnt, ist natürlich sehr situationsabhängig.

In Asien verwendete man Vogelpfeile auch, um Fliehende zu stoppen. Dazu schoss man auf die Beine, sodass der Sehnenschneider die Wadenmuskulatur verletzte oder im Extremfall gar die Achillesferse durchtrennen konnte. Eine derartige Verletzung ist nicht tödlich, führt aber unweigerlich zum Sturz. Zumindest, sofern der Fliehende kein festes Schuhwerk trägt, denn bereits ein Stiefel aus weichem Leder stoppt einen Vogelpfeil mühelos. In Asien war dies jedoch kaum ein Problem, da dort viele Menschen Sandalen trugen oder gar keine Schuhe.

Explosivpfeile

In der Moderne, sowie mit alchemischen Mitteln auch in einer Fantasywelt, können Pfeile mit explosiven Gefechtsköpfen ausgestattet werden. Das Konzept ist spätestens seit Rambo II bekannt. In der Realität unterliegt es jedoch einigen strengen Limitationen. Je schwerer und kopflastiger ein Pfeil ist, desto schlechter fliegt er, desto ungenauer ist er und desto eher zerbricht der Schaft bereits beim Abschuss. Dies setzt der Verwendung von Sprengköpfen enge Grenzen. Unmöglich ist es allerdings nicht. Man sollte nur keine allzu beeindruckende Wirkung erwarten.

Wirksamkeit von Pfeilen und Bolzen

Wie man an diesem Beispiel gut erkennen kann, sind Bögen und Armbrüste keineswegs Wunderwaffen. Die besten Rüstungen der jeweiligen Zeit machten ihren Träger praktisch vollkommen immun gegen Pfeile und Bolzen. Selbst die schwersten Wallarmbrüste vermochten es kaum, eine Brustplatte zu durchschlagen. (Vergleiche dazu den Artikel zur Armbrust: link)

Pfeile und Bolzen dienten nicht dazu, die am schwersten gepanzerten Kämpfer zu töten, aber sie halfen dabei, diese zu bezwingen. Überhaupt war es ihre wichtigste Aufgabe, die weniger gut gerüsteten Feinde zu verwunden oder zu töten: Hilfstruppen, Bauernmilizen und weniger gut gerüstete Waffenknechte. Ritter hingegen sollten vor allem vom Pferd geholt werden. Ein Ritter, der mit zehn Mann an seiner Seite in den Kampf reitet, aber allein und zu Fuß ankommt, steht ziemlich schlecht da.

Und wie steht es mit den schlecht Gerüsteten? Auf Distanz noch recht gut. Bereits ein Tellerhelm und ein schwerer Gambeson bieten guten Schutz gegen Bögen und Armbrüste, allerdings schützen sie vor allem das Leben des Trägers, weniger jedoch seine körperliche Unversehrtheit. Ein Pfeil muss ein Steppwams nicht durchschlagen, um dem Träger eine erinnerungswürdige Prellung zu verpassen. Schmerzhafte Blutergüsse können die Kampftauglichkeit und die Moral eines Kämpfers enorm beeinträchtigen. Schwerere Rüstungen haben da den Vorteil, dass sie besser vor diesen Sekundärverletzungen schützen, bis hin zur völligen Immunität.

Die größte Gefahr jedoch sind fast immer Glückstreffer. Nur ein einziger Pfeil muss die Hand treffen, oder schlimmer noch das Gesicht, oder die schlecht gepanzerten Füße und Beine. Wenn man oft genug schießt, erzielt man auch genug solcher Glückstreffer.

Richtig haarig wird es für den schlecht Gerüsteten jedoch auf den letzten 10 Metern zum Feind, denn auf diese Entfernung kann ein guter Bogenschütze auf Glück verzichten und gezielt auf die größten Schwachstellen schießen. Wer dann keinen guten Helm trägt, hat schnell einen Pfeil quer durch den Kopf oder den Hals, stürzt und wird niedergetrampelt wegen eines Beintreffers oder erliegt irgendeiner anderen Schwachstelle seiner Rüstung. Nur ein Schild bietet hier einen gewissen Schutz. Das Zeitfenster für den Bogenschützen ist jedoch sehr kurz und ein Bogen taugt nicht viel, wenn man mit einer Streitaxt angegriffen wird.

Was man im Rollenspiel gern übersieht, ist, dass auch kleinere Verletzungen dazu führen können, einen Kämpfer aus der Gleichung zu entfernen. Eine Pfeilwunde am Waffenarm, und der Kampf ist für die meisten vorbei. Denkt mal darüber nach, wie viele Körperstellen euch einfallen, an denen ihr euch freiwillig mit einem Taschenmesser stechen lassen würdet und auch könntet, ohne dass eure Kampftauglichkeit darunter massiv leidet.

Wenn man erst einmal mitten im Scharmützel ist, sieht das völlig anders aus. Da pumpt das Adrenalin durch die Adern, Schmerz wird kaum noch wahrgenommen, und man hat ohnehin kaum eine Wahl, außer zu kämpfen. In diesen Situationen sind Pfeile sehr viel weniger wirksam, aber es sind eben nicht die Situationen, in denen Pfeile am häufigsten eingesetzt wurden. Viel eher beginnt ihr Einsatz auf mehr als 100 Schritte Entfernung, und das Ziel ist es,den Gegner zu zermürben, ehe er überhaupt den Nahkampf erreicht hat. Jeder Getroffene, der eine Verwundung erleidet, fällt zurück und ist versucht, einfach den Rückzug anzutreten. Die Zahl derer, mit denen man sich im Nahkampf messen muss, dergestalt zu reduzieren, und das, ohne dabei selbst in unmittelbarer Gefahr zu sein, ist die große Stärke von Bögen und Armbrüsten.

Die größte Gefahr, die von Pfeilen und Bolzen ausgeht, kommt allerdings nach der Schlacht in der Etappe. Wunden von Bögen und Armbrüsten haben nämlich stets eines gemein: Sie haben eine Tendenz zur Tiefe, und tiefe Wunden sind schwerer zu reinigen als oberflächliche Schnitte und Hiebe. Das bedeutet auch, dass alles, was sie an Schmutz und Fremdkörpern in die Wunde transportieren, tief in den Körper dringt. Auch Metall- und Holzteile des Projektils können dabei zurückgelassen worden sein sowie Fetzen der eigenen Kleidung. Auch hier ist wieder der Träger einer guten Rüstung im Vorteil, denn wenn man ein moderiges Steppwams trägt, dessen Polsterung von Pilzsporen und Parasiten bewohnt wird, landet all das mit in der Wunde. Zusätzlich hatten Bogenschützen die unangenehme Angewohnheit, ihre Pfeile dadurch bereitzuhalten, dass sie sie mit der Spitze voran vor sich in den Boden steckten. Dort lauert aber der Erreger des Wundstarrkrampfs: Tetanus. Noch schlimmer war es, wenn Bogenschützen ihre Pfeile vor Gebrauch in tierische oder menschliche Exkremente steckten. Eine solche Wunde im Torsobereich war in vormodernen Zeiten sehr oft tödlich, nur starb der Verwundete nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im Feldlager. Ob ihn der Blutverlust tötete, die Wundinfektion oder eine schlimme Krankheit wie Tetanus, spielte dabei kaum eine Rolle. Die vormoderne Medizin war gegen alle drei weitgehend machtlos. Wenn eine Gliedmaße betroffen war, blieb nur die Amputation als einigermaßen wirksames Mittel.

Zusammenfassung

Es gibt viele verschiedene Pfeil- und Bolzentypen, die alle mehr oder minder geeignet für spezialisierte Verwendungen ist. Ihnen allen ist jedoch gemein, dass man keine Wunder von ihnen erwarten sollte. Sie können die Wirksamkeit von Bögen und Armbrüsten geringfügig verändern, aber nicht signifikant steigern.

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