GeschichtePen&PaperSpielerSpielleiterWaffen

Waffenkunde 1: Der Bogen

Lesezeit: 19 Minuten

Der Bogen ist eine der ältesten Waffen der Menschheitsgeschichte. Funde und Belege reichen bis in die Steinzeit zurück, überall, wo auch immer Menschen gelebt haben. Über die Jahrtausende entwickelte sich der Bogen dabei kaum weiter, denn auch viele der technisch komplexeren Bogentypen wie Recurve- und Kompositbögen gab es bereits in der Steinzeit. Einen Sprung nach vorn machte der Bogen erst mit dem Aufkommen der Metallverarbeitung und späteren Fortschritten in der Metallurgie.

Bronzespitzen für Pfeile hatten gegenüber Horn-, Glas- und Steinspitzen signifikante Vorteile. Das Gleiche galt später noch mal umso mehr für Spitzen aus Eisen und Stahl. Besseres Werkzeug ermöglichte die Verwendung neuer Materialien und härterer Hölzer. Die Leistungsfähigkeit der Bögen nahm damit gravierend zu, aber das zugrunde liegende Prinzip erwies sich als zeitlos.

Ich werde im Zuge dieses Grundlagenartikels auf die Geschichte des Bogens und seine zahlreichen regionalen Formen und Ausprägungen nur oberflächlich eingehen. Hin und wieder werde ich einige Besonderheiten referenzieren und auf interessante Fakten hinweisen. Gegebenenfalls gibt es zu dem Thema später eigene Artikel. Wie sich aber beispielsweise die Bogenformen in China während der Einigungskriege veränderten, ist für die meisten Rollenspieler erst einmal ohne Belang. Dieser Artikel ist für diejenigen, die mehr über Bögen lernen möchten, weil sie einen Elben aus Lothlorien spielen oder einen berittenen Bogenschützen der aventurischen Novadi. Wer deutlich mehr wissen möchte, ist gut beraten, ein Fachbuch über Bögen zu lesen.

Alle Artikel der Waffenkunde

Der Bogen ist im Grunde eine unheimlich einfache Waffe. Ein langes Stück Holz, das bei Benutzung mit einem Stück Schnur krumm gebogen wird, auf der man dann einen anderen Stock anlegt, nach hinten auszieht und loslässt. Den Stock mit der Schnur nennt man den Bogen, und der zweite Stock ist der Pfeil. Genau genommen ist der Bogen damit gar keine einfache Waffe im eigentlichen Sinn, sondern ein Waffensystem, denn nur durch die Kombination aus Bogen und Pfeil werden Stock, Schnur und spitzer Stock zu einem Objekt, das zu Jagd oder Kampf tauglich ist.

Die Sehne

Die Schnur nennt man bei einem Bogen die Sehne. Sie ist ein passiver Teil der Waffe. Anders als bei heutigen Spielzeug-Kinderbögen ist sie kein Gummiband. Die Sehne soll so wenig dehnbar wie möglich sein. Wie der Name Sehne nahelegt, kann man Bogensehnen aus den Sehnen von Tieren herstellen, aber tatsächlich sind andere Fasern gebräuchlicher, weshalb die Sehne in den meisten Sprachen auch einfach nur als Faden (z.B.: bowstring) bezeichnet wird. Wo Seide verfügbar war, fertigte man Bogensehnen zum Beispiel bevorzugt aus gestreckten Seidenfäden. Auch andere Materialien wie Rohleder, Bambusfasern, Hanffasern, Ramie und viele weitere wurden für Sehnen verwendet.

Der Schaft

Das lange Stück Holz, an dem die Sehne befestigt wird, ist der Schaft. Der Bogenschaft besteht aus biegsamem Material. Je länger dieses Material seine Spannkraft behalten kann und je mehr Energie es zu speichern vermag, desto leistungsfähiger und langlebiger ist ein Bogen.

Der Pfeil

Die dritte und letzte Komponente des Waffensystems ist der Pfeil, der ein Verbrauchsgegenstand ist und die Munition des Bogens darstellt. Im Wesentlichen ist der Pfeil nichts anderes als ein möglichst gerades Stück Holz, das biegsam genug ist, um nicht zu brechen, und hart genug, um nicht zu stark zu schwingen. Federn am Ende dienen der Stabilität im Flug, und die Spitze wird mit Stein, Glas, Horn oder Metall verstärkt, für größere Durchschlagskraft. Dazu später mehr.

Formen und Materialien

Bögen gibt es in vielen verschiedenen Formen und Bauweisen. Nahezu jeder Kulturkreis hat seine ganz eigene Art gehabt, Bögen zu bauen. Außerdem gibt es spezielle Bögen für bestimmte Verwendungszwecke. Die beiden Grundformen des Bogens sind der Primitivbogen und der Recurvebogen. Primitivbögen wiederum gibt es als Reflexbogen, Deflexbogen und Normalbogen, wohingegen Recurvebögen fast immer Reflexbögen sind, jedoch nie Deflexbögen.

Form des Primitivbogens
Primitivbogen. Unbesehnt, besehnt, gespannt

Der sogenannte Primitivbogen ist die verbreitetste Form des Bogens und sozusagen der Urtyp des Bogens überhaupt. Ungespannt und ohne Sehne, ist der Primitivbogen ein gerader Stab. Besonders lange Bögen werden oft als Langbögen bezeichnet, besonders kurze als Kurzbögen. Diese Klassifizierungen sind allerdings künstlich, und die Übergänge zwischen verschiedenen Bogengrößen sind fließend und allein von der Präferenz des Bogenbauers abhängig.

Recurvebogen

Neben dem Primitivbogen gibt es noch die Form des Recurvebogens, bei dem die Enden der Wurfarme vom Schützen weggebogen sind. Diese Form macht den Bogen kompakter und angenehmer zu schießen, weil der Bogen weniger starke Erschütterungen an den Schützen überträgt. Außerdem erreicht ein Recurvebogen eine höhere relative Beschleunigung des Pfeils. Erkauft wird dies durch höhere Materialanforderungen, denn ein Recurvebogen belastet seine Komponenten stärker, als ein Primitivbogen es tut.

Klassisch: Bögen aus Holz

Das verbreitetste Bogenmaterial ist Holz. Ein einzelnes Stück. Je nachdem, was für ein Ergebnis der Bogenbauer anstrebt, ist dieses Holz weicher oder härter oder vereint beide Eigenschaften, indem es aus zwei verschiedenen Schichten des Baumes gleichzeitig besteht. Das im Inneren eines Baumes liegende Kernholz widersteht Kompression, während das außen liegende Splintholz eine hohe Zugfestigkeit hat. Kernholz ist hart, wohingegen Splintholz weicher ist. Der klassische Englische Langbogen ist aus dem Splint- und Kernholz der Eibe gefertigt, mit einem typischen Verhältnis von 30 zu 70.

Ein derartiger Bogen, der nur aus einem einzigen Stück gefertigt wurde, wird auch Self-Bow genannt. Das könnte man grob als Selbstbogen übersetzen, also als Bogen, der seine Wirkung aus sich selbst heraus bezieht. Eine eigene deutsche Bezeichnung gibt es dafür aber nicht. Da praktisch alle Self-Bows gleichzeitig Primitivbögen sind, fallen sie auf Deutsch einfach in diese Formkategorie – ganz ohne eigene Untergruppe.

Zustände des Recurvebogens
Ein Recurvebogen. Unbesehnt, besehnt, gespannt.

Ebenfalls unter Self-Bows fallen Bögen, die aus Stahl gefertigt sind, denn ihre Wurfarme sind aus einem Stück und einem Material, auch wenn viele Stahlbögen zerlegbar sind. Die Form eines Stahlbogens kann die eines Primitivbogens sein, aber auch die eines Recurvebogens. Das liegt allein in der Hand des Schmieds, denn Stahl ist ein sehr vielseitiger und fast beliebig formbarer Werkstoff. Stahlbögen erfordern allerdings hochwertigen Federstahl, weshalb sie in der Geschichte nur sehr selten vorkamen. Hochwertiger Stahl war in den meisten Ländern stete Mangelware.

Vormoderne High-Tech: Kompositbögen

Statt aus Stahl oder aus einem einzigen Stück Holz kann man Bögen aber auch aus mehr oder minder komplizierten Verbundmaterialien herstellen. Beispielsweise werden dabei verschiedene Hölzer miteinander verleimt. Seide wird mit Leim ein- oder aufgearbeitet. Auch Scheiben aus Horn, tierische oder pflanzliche Sehnen werden im Bogen, auf dem Bogen oder um den Bogen geleimt. Völlig gleich, aus welchen Dingen ein solcher Bogen besteht, das Resultat ist aufgrund der Verbundbauweise ein sogenannter Kompositbogen.

Kompositbögen kommen als Primitivbogen und als Recurvebogen daher, aber die meisten sind Recurvebögen. Das hat einen einfachen Grund: Der Aufwand, einen Kompositbogen herzustellen, lohnt sich schlicht nicht für etwas so Banales wie einen Primitivbogen. Dort, wo es dennoch gemacht wird, handelt es sich um sehr einfache Kompositbauformen, oder es dient eher dem Zweck, minderwertige Bogenmaterialien zu kompensieren, als einen besonders hochwertigen Bogen zu fertigen.

Reflexbogen, Deflexbogen und Normalbogen bezeichnen letztlich drei unterschiedliche Leistungsklassen der vorangehend beschriebenen Formen und Bauweisen. Ein Langbogen, der ohne aufgespannte Sehne einem geraden Stock ähnelt, ist ein Normalbogen (siehe Illustration Primitivbogen, erste Darstellung). Ein Reflexbogen hingegen ist in unbespanntem Zustand nicht gerade, sondern der Spannrichtung entgegengekrümmt (siehe Illustration Recurvebogen, erste Darstellung). Er muss beim Bespannen daher stärker gebogen werden, um seine Endform zu erreichen. So speichert er mehr Energie beim Auszug. Dies erfordert höherwertige Materialien als bei einem Normalbogen. Im Gegensatz dazu ist der Schaft eines Deflexbogens bereits vorgespannt. Er ist also bereits ohne eine Sehne in Annäherung seiner letztendlichen Form gebogen. Er speichert weniger Energie und hat einen leichteren Auszug. Die meisten Kinderbögen und einige Anfängerbögen sind Deflexbögen. Als Waffen taugen sie jedoch nicht.

Kraft und Wirkung – Wie Pfeil und Bogen zusammenwirken

So einfach ein Bogen in seiner grundlegenden Funktionsweise ist, so komplex sind die Faktoren, die seine Wirkung beeinflussen. Wir können es aber herunterbrechen auf genau zwei Fragen, die den Bogen selbst betreffen. Erstens: Wie viel Kraft speichert der Bogen in gespanntem Zustand? Zweitens: Wie viel dieser Kraft kann der Bogen auf den Pfeil übertragen?

Die Energiequelle: Spannkraft

Die Kraft, die ein Bogen speichern kann, nennen wir die Spannkraft des Bogens. Das ist genau das, wonach es klingt: Wie viel Kraft braucht es, um den Bogen zu spannen? Gemessen wird das üblicherweise in Pfund oder Kilo, also als Gewichtskraft. Das kann man sich so vorstellen, dass der Bogen auf einen Rahmen aufgelegt wird und man dann so lange Gewichte an die Sehne hängt, bis der gewünschte Auszug erreicht ist. Das ist die Spannkraft.

Die Funktionsweise eines Bogens ist es, diese Spannkraft, so weit es geht, auf den Pfeil zu übertragen. Je mehr von dieser Spannkraft für die Beschleunigung des Pfeils genutzt werden kann, desto besser. Die Geschwindigkeit des Pfeils bestimmt schließlich maßgeblich seine Wirkung. Sobald der Schütze loslässt, schnellt die Sehne vorwärts. Der Bogen entspannt sich und drückt dabei den Pfeil nach vorn.

Wie wirkungsvoll die Sehne den Pfeil beschleunigen kann, hängt von zwei wesentlichen Faktoren ab. Erstens: Wie schnell entspannt sich der Bogen? Zweitens: Wie weit ist der Auszug? Die Auszugslänge entspricht der Länge des Pfeils, plus ein paar Zentimeter für Auflage und Pfeilspitze. Je länger der Pfeil ist, desto mehr Zeit hat der Bogen, um seine Kraft auf ihn zu übertragen. Je schneller der Bogen dies tut, desto größer ist die Geschwindigkeit, die der Pfeil erreichen kann. Die eigentliche Kraft des Bogens dient dabei dazu, die Trägheit des Pfeils zu überwinden.

Die Form des Bogens und das Material, aus dem er gemacht ist, haben dabei einen großen Einfluss. Ein Recurvebogen beschleunigt den Pfeil schneller, da die gekrümmten Wurfarme die Spannkraft des Bogens besser entladen können. Ebenso entspannt sich ein harter Bogen schneller als ein weicher, wobei Holz wiederum schneller ist als Metall.

Bogengrößen im Vergleich
Größenvergleich zwischen einem Primitivbogen und einem Recurvebogen.

So kommt es, dass ein kompakter Recurve-Kompositbogen mitunter die gleiche Spannkraft und Pfeilgeschwindigkeit erreichen kann wie ein riesiger Langbogen. Nur dass dieser riesige Langbogen vergleichsweise günstig in der Herstellung ist, wohingegen der Recurve-Kompositbogen ausgesprochen aufwendig und kostspielig sein kann. Der Langbogen hat zudem eine viel höhere Lebenserwartung und ein deutlich geringeres Risiko, zu brechen.

So weit der Bogen, aber was ist mit dem Pfeil? Wenn wir es wissenschaftlich betrachten, dann ist dem Pfeil am Ende des Tages eigentlich völlig egal, von was für einem Bogen er abgefeuert wurde. Für die Wirksamkeit des Pfeils sind nur die physikalischen Kräfte entscheidend, die während des Flugs auf ihn wirken. Relevant sind hierfür die Geschwindigkeit des Pfeils, das Gewicht des Pfeils sowie Länge und Materialstabilität des Pfeils.

Vereinfacht gesagt: Je schneller der Pfeil ist, desto mehr Energie und Reichweite hat er. Je schwerer er ist, desto besser kann er diese Energie erhalten. Je stabiler das Material des Pfeils ist, desto besser kann er die Energie auf das Ziel übertragen.

Qualität ist wichtig

Auf den Pfeil wirken enorme Kräfte. Das gilt sowohl beim Abschuss des Pfeils als auch beim Auftreffen auf das Ziel. Unzureichend stabile Pfeile, sei es, weil sie minderwertig sind oder für einen schwächeren Bogen gedacht waren, können bereits beim Versuch, sie abzuschießen, zerbrechen.

Auch die Pfeilspitze spielt eine Rolle für die Stabilität. Je härter sie ist, desto besser kann sie sich beim Auftreffen gegen Verformung behaupten. Je besser die Spitze mit dem Schaft verbunden ist, desto eher bleibt der Pfeil in einem Stück.

Wundwirkung

Für die Wundwirkung des Pfeils ist ausschlaggebend, wie tief er in das Ziel eindringen kann und wie breit seine Spitze ist. Grundsätzlich gilt hierbei natürlich „mehr ist mehr“. Allerdings gibt es dabei einen Haken: Je breiter die Spitze, desto schwerer ist es für den Pfeil, Hindernisse zu durchschlagen. Darunter fällt nicht nur Panzerung, sondern auch dicke Haut, Fettgewebe und Knochen.

Stellt euch vor, ihr habt sowohl eine kleine Eisenkugel als auch eine gewöhnliche Nähnadel. Beide haben das gleiche Gewicht und beide sind aus dem gleichen Material, oder meinethalben ist die Kugel sogar schwerer. Ihr legt beides auf euren Arm, die Nadel natürlich mit der Spitze auf der Haut, und drückt einmal kräftig. Die Kugel wird nur eine kleine Delle in der Haut hinterlassen und bestenfalls eine unangenehme Druckstelle. Die Nadel hingegen wird mit Leichtigkeit eure Haut durchdringen und tief in euren Arm stechen. (Darum: „stellt euch vor“ und nicht „probiert mal Folgendes aus“.) Moderne Feuerwaffen sind jedoch im Gegensatz zu eurem Daumen mühelos imstande, eine derart unförmige Kugel durch eure Haut und durch euren Arm hindurchzutreiben. Wenn das passieren würde, bestünde wohl kein Zweifel daran, dass die Wunde viel größer und verheerender wäre als die der Nadel.

Der richtige Pfeil für die Situation

Mit genau diesem Dilemma hat es jeder Bogenschütze auch zu tun. Ein Pfeil mit zu großer Spitze kommt vielleicht nicht durch die Rüstung des Gegners oder er dringt nicht tief genug ein. Ein zu dünner Pfeil wiederum verursacht vielleicht keine ausreichende Wunde. Sicher, ein Pfeil im Arm oder Bein tut höllisch weh, aber er ist für sich genommen erst einmal nicht tödlich. Zumal in der Hitze des Gefechts eine Menge Schmerz durch Adrenalin geblockt werden kann.

Dieses zentrale Problem der Abwägung von Wundwirkung und panzerbrechender Wirkung führt dazu, dass Bogenschützen im Verlauf der Geschichte eine Vielzahl verschiedenartiger Pfeile und Pfeilspitzen entwickelt und benutzt haben. Dabei hat fast jeder Pfeil seine spezifischen Vor- und Nachteile. Ein Pfeil, der gut gegen Kettenrüstungen wirkt, ist nicht so gut gegen eine Plattenrüstung. Zudem ist er schlechter gegen eine Tuchrüstung als ein Pfeil mit seitlichen Klingen.

Von den Kosten verschiedener Pfeile wollen wir hier vorerst gar nicht weiter sprechen, denn auch das spielt ja eine gewisse Rolle. Was nutzt es, 100 Pfeile zu haben, die das Ziel nicht verwunden, wenn man für den gleichen Preis 20 Pfeile hätte haben können, die genau das bewerkstelligen können? Was nutzt es wiederum, diese 20 Pfeile zu haben, wenn der Gegner nur über leichte Rüstung verfügt und man ihn hätte mit 100 Pfeilen verwunden können, dem Schützen aber nach 20 Schuss die Munition ausgeht?

Mehr Informationen zu den Projektilen von Bogen und Armbrust findet ihr in der Projektilkunde.

Stärken und Schwächen des Bogens

Die mit Abstand größte Stärke des Bogens als Waffe, egal ob zur Jagd oder im Krieg, ist im wahrsten Sinne des Wortes der Abstand. Durch die Distanz zum Ziel ist ein Bogenschütze imstande zu töten, ohne dass er selbst unmittelbar Gefahr läuft, getötet zu werden. Vorausgesetzt natürlich, er kann diesen Reichweitenvorteil auch nutzen. Im Allgemeinen hat er dazu allerdings meist ein paarmal die Gelegenheit, bevor es eng wird.

Zwar ist ein Bogen gegen einen gut gerüsteten Gegner nur von sehr eingeschränkter Wirksamkeit, aber das gilt auch für so ziemlich jede andere vormoderne Waffe. Zumal den Bogenschützen nichts daran hindert, den Bogen fortzuwerfen und einen Speer zu greifen, sobald der Gegner ihm nahe kommt. Er kann diese Aufgabe natürlich auch verbündeten Kämpfern überlassen, die sich bis dahin entspannt zurückgehalten haben.

Der Bogen braucht jahrelanges Training

Allerdings ist es gar nicht so leicht, mit einem Bogen zu schießen, und genau hier liegt die größte Schwäche des Bogens. Es erfordert regelmäßiges Training, genau die Muskeln aufzubauen, die es braucht, um einen Bogen wirksam zu nutzen. Nur ein kräftiger und ausdauernder Schütze kann einen Bogen verwenden, der ausreichend leistungsstark ist, um auf dem Schlachtfeld von Nutzen zu sein. Dieses Training kann man durch fast nichts ersetzen. Körperlich harte Arbeit allein reicht nicht. Wer ein guter Bogenschütze werden will, der muss regelmäßig mit Bögen schießen, und das erfordert viel Zeit und Energie. Zeit und Energie, über die ein armer Knecht nicht verfügt. Die Engländer hatten da ein sehr ausgefeiltes System, bei dem nicht nur jeder wehrfähige Mann zu regelmäßigem Training verpflichtet war. Man ging sogar so weit, bestimmte Sportarten zu verbieten und die Länge von Kirchenpredigten zu begrenzen, damit sie die Männer nicht vom Schießtraining abhielten.

Die zweite Schwäche des Bogens hängt ebenfalls mit Training zusammen, wenn auch nicht dem Training von Muskeln. Für Schüsse auf unbewegliche Ziele über relativ kurze Distanz reichen trainierte Muskeln allein aus. Ein guter Bogenschütze muss mehr als das können. Er muss in der Lage sein, auch bewegliche Ziele zu treffen. Im Krieg muss er zudem auch Ziele treffen, die er nicht in gerader Linie direkt beschießt, sondern über eine lange Parabel. Auch das gemeinsame Schießen auf eine bestimmte Distanz erfordert ein besonderes Maß an Übung.

Was im Laufe der Zeit geschieht, ist, dass der Schütze sein Gehirn mehr und mehr dazu trainiert, zu einem biologischen Zielcomputer zu werden. Das dauert bedeutend länger, als nur die Muskeln aufzubauen, und es hat keinerlei sekundären Nutzen im Alltag, wenn man einmal davon absieht, dass so jemand auch etwas genauer werfen könnte. Forscher fanden heraus, dass ein Langbogenschütze mit vielen Jahren Training intuitiv zu vergleichbar präzisen Zielberechnungen imstande ist, wie die Geschützleitsysteme der besten Schlachtschiffe des Zweiten Weltkriegs es waren. Dabei ist er obendrein schneller. Gemeinhin heißt es daher völlig zutreffend, einen guten Bogenschützen auszubilden, fängt bei seinem Vater an. Nur so können Muskeln und Gehirn ausreichend trainiert werden.

Transport, Aufbewahrung und Pflege

Der Bogen zieht seine Wirkung aus seiner Spannung, also dem Bestreben seines Materials, in einen bestimmten Zustand zurückzukehren. Der gerade Stock möchte zurück in seine gerade Form. Die Folge ist, dass man einen Bogen nicht mit aufgespannter Sehne lagern kann. Je länger ein Bogen besehnt ist, desto eher verliert er seine Spannkraft. Bei Recurvebögen dauert dies wesentlich länger, sodass sie viele Tage und sogar Wochen bespannt bleiben können. Einem Primitivbogen hingegen fügt eine derartige Behandlung schnell irreparablen Schaden zu. Die Spannkraft nimmt ab und der Bogen wird immer schwächer.

Die richtige Aufbewahrung

Um dies zu verhindern, lagern und transportieren Bogenschützen ihre Waffen mit ausgehakter Sehne. Der Bogen streckt sich dann in seine natürliche Form und wird, im Falle eines Primitivbogens, zu einem langen Stock. Ein Recurvebogen nimmt eine seiner bekannten Form entgegen gekrümmte Form ein. Diese Form ähnelt in den meisten Fällen vage dem Buchstaben C. In dieser Form kann der Bogen beliebig lange gelagert und transportiert werden. Man kann in dann in der Hand tragen, mit einer Schlinge über den Rücken werfen. Es ist auch möglich, ihn am Gepäck zu verschnüren oder in ein Tuch gewickelt zu tragen.

Die Waffe wieder besehnen

Soll der Bogen eingesetzt werden, muss die Sehne erst wieder aufgezogen werden. Bei einem Primitivbogen dauert das je nach Situation und Spannkraft des Bogens zwischen fünf Sekunden und einer Minute. Bei Recurvebögen vergleichbarer Stärke dauert es etwa doppelt so lange, da auf die Sehnenführung geachtet werden muss. Zumal man die Schwungarme nicht beschädigen will. Ausreichend kompakte Bögen, zumeist Recurve-Kompositbögen, können auch eine Weile lang mit aufgespannter Sehne in speziellen Bogenköchern transportiert werden. So sind sie jederzeit schussbereit zur Hand.

Bloß nicht feucht werden lassen

Es ist für einen Bogenschützen wichtig, seinen Bogen, seine Pfeile und seine Sehnen so gut wie möglich trocken zu halten. Zwar kann ein Bogen zum Schutz vor Feuchtigkeit lackiert, gewachst oder mit verleimten Textilien überzogen werden, aber nur wenige Lacke und Beschichtungen widerstehen auf Dauer der Feuchtigkeit. Ein Bogen, der nass wird, quillt auf und verliert an Spannkraft. Noch schlimmer trifft es die Sehne. Während einige Herstellungsweisen von Bogensehnen sich bei starker Nässe regelrecht auflösen, werden andere dehnbar. Diese Dehnung führt zu einem Verlust an Spannkraft. Das kann sogar bis hin zur völligen Unbenutzbarkeit des Bogens reichen. Andere Fasern ziehen sich zusammen, sodass man sie nicht mehr aufspannen kann oder der Bogen beim Auszug bricht.

Auch die Pfeile müssen sorgsam behandelt werden, und auch sie müssen vor Feuchtigkeit geschützt werden. Ein nasser Pfeil biegt sich beim Abschuss stärker und kann brechen. Zudem fliegt er weniger stabil und neigt zum Trudeln. Sein höheres Gewicht macht ihn obendrein langsamer. Pfeile sind zudem durch Parasiten gefährdet, die es auf die Befiederung abgesehen haben. Speckkäfer und andere Leichenverwerter können einen kompletten Arsenalbestand an Pfeilen über einen Winter vollkommen ruinieren. Mit einer beschädigten Befiederung fliegt ein Pfeil weniger stabil und braucht nach dem Abschuss länger, bis er aufhört zu vibrieren.

Mehr Last als man glaubt: Munition

Pfeile aus Holz, Federn und Eisen sind zudem deutlich schwerer und dicker, als die meisten modernen Schützen erwarten würden. Kriegspfeile wiegen zwischen 75 und 100 Gramm. Historisch führte ein Schütze zwischen 20 und 50 Pfeile am Mann, davon die Hälfte im Köcher und die andere Hälfte als Bündel. Das sind zwischen 1,5 und 5kg Munitionsgewicht, abhängig vom Pfeilgewicht. Weitere Munition wurde im Versorgungstross mitgeführt. Im Verlauf eines größeren Gefechts oder gar einer Schlacht verbrauchten Bogenschützen schnell über hundert Pfeile pro Mann.

Implikationen

Historisch spielten Bögen die meiste Zeit lang nur eine Nebenrolle. Bögen sind nützlich, und Bogenschützen zu haben, ist für einen Feldherrn eine feine Sache, aber sie waren selten kriegsentscheidend, und man hatte oft nicht genug von ihnen, um ihre Fähigkeiten ausnutzen zu können. Die Gruppe, aus der man die meisten Bogenschützen hätte rekrutieren können, war in den meisten Gesellschaften stets der Adel. Niemand sonst verfügte über so viel freie Zeit zum regelmäßigen Training. Der Adel bevorzugte gerade im europäischen Mittelalter aufgrund verschiedenster Gründe aber oft die Kampfweise des gepanzerten Reiters.

Anders war dies vor allem dort, wo schwere Panzerung unpraktisch war oder gar nicht existierte und wo es viel offene Flächen gab. Die Pharaonen und der restliche Adel Ägyptens kämpften mit Pfeil und Bogen vom Streitwagen aus, genauso wie die Kriegerelite der Akkadier, Sumerer und Babylonier. Die zunehmende Verfügbarkeit guter Panzerung und die geordnete Kampfweise der Römer verdrängten den Bogen aber auf den Schlachtfeldern der Antike.

Bögen sind egalitär

Hinzu kommt, dass Bögen in nicht adeligen Händen sich nicht gut mit autokratischen Herrschaftsstrukturen vertragen. Wer in den Krieg zieht und eine signifikante Menge Training dafür vorzuweisen hat, der verlangt auch Mitbestimmung außerhalb des Krieges. Ein Sklave mit einem Bogen kann seinen Herrn töten, selbst wenn dieser eine Rüstung besitzt und von mehreren Leibwächtern geschützt wird. Auch die beste Rüstung kann nicht zu jeder Zeit getragen werden, und ein Leibwächter kann gegen einen Bogenschützen erst dann etwas unternehmen, wenn er weiß, dass es ihn gibt, wohingegen der Bogenschütze aus dem Hinterhalt und aus mehr als einhundert Metern Entfernung zuschlagen kann.

Bögen bedeuten Freiheit

Bögen bedeuten so immer auch Freiheit. Wer einen Bogen besitzt und damit umgehen kann, der kann jagen und sich wirksam verteidigen. Zehn fähige Bogenschützen können eine befestigte Stellung gegen hundert Angreifer behaupten, und der materielle Aufwand, einen Bogenschützen aufzuwiegen, übersteigt den materiellen Einsatz des Bogenschützen um ein Vielfaches. Ein Fußkämpfer braucht eine Menge teurer Ausrüstung. Ein Bogenschütze hingegen ist höchstpersönlich der kostspieligste Teil seines Waffensystems.

So verwundert es nicht, dass der massenhafte Einsatz des Langbogens im Zuge des Hundertjährigen Kriegs zwischen England und Frankreich aufseiten der Engländer mit einem großen Gewinn an Rechten für die Bogenschützen einherging. Diese rekrutierten sich aus der zu dieser Zeit geschaffenen sozialen Klasse der Yeomen, der englischen Freibauern. Die Franzosen konnten diese militärische Entscheidung nicht kopieren. Das lag nicht etwa daran, dass sie Schwierigkeiten gehabt hätten, biegsame Holzstäbe aufzutreiben, sondern dass es an den sozialen Voraussetzungen gescheitert wäre. Die Franzosen verwendeten daher bevorzugt die Armbrust.

Der Vorteil des massenhaften Einsatzes von Bögen ist vor allem der psychologische Effekt von Salvenfeuer. Die meisten Kämpfe werden nicht mit der Vernichtung des Gegners gewonnen, sondern dadurch, dass seine Kampfmoral bricht. Das geschieht nicht allein durch Verluste. Es mag erschreckend sein, zu sehen, wie ein Kamerad fällt. Es ist für die meisten Menschen jedoch weniger schockierend, zehnmal hintereinander zu sehen, wie ein Kamerad fällt. Die psychologische Wirkung auf die Kämpfer, wenn sie erleben, wie auf einen Schlag um sie herum zehn Mann fallen, ist deutlich erschreckender. Der Mensch verkraftet Unglück besser in kleinen Dosen als in großen. Selbst dann, wenn das Endergebnis das gleiche ist.

Zusammenfassung

Bögen sind Fernwaffen, die Pfeile verschießen. Sie werden seit der Steinzeit verwendet. Ihr grundlegendes Konzept hat sich bis heute kaum verändert. Allerdings haben sich die verwendeten Materialien für Bogen und Pfeile von Holz, Stein über Bronze, Eisen und Stahl im Verlauf der Jahrtausende gewandelt. Die längste Zeit bestanden Bögen einfach nur aus einem speziell ausgesuchten Stück Holz.

Die klassischen Bogenformen sind der Primitivbogen und der Recurvebogen. Je kompakter ein Bogen sein soll, desto aufwendiger (und damit teurer) ist seine Herstellung. Einen guten Bogen herzustellen, erfordert einen guten Bogenmacher, und selbst die besten Bogner können selten mehr als ein oder zwei spezifische Modelle herstellen, denn jede Bogenform und Bauweise erfordert andere Materialien, Werkzeuge und Kenntnisse. Das gilt ganz besonders für die Herstellung von Kompositbögen, bei denen verschiedene Materialien miteinander verleimt werden, um bessere Materialeigenschaften zu erhalten.

Ein Bogenschütze benötigt ausgesprochen viel und regelmäßiges Training. Die Verwendung von Bogenschützen als relevantem Teil einer Armee erfordert darum eine entsprechende Sozialstruktur.

Extras

Ein Beispiel für die Wirkung von Bögen gegen Rüstung findest Du in diesem Artikel.

Alle Artikel der Waffenkunde

Hat dir der Artikel gefallen? Dann teile ihn doch mit deinen Freunden!

Blog abonnieren und nichts mehr verpassen

Per Newsletter informiert bleiben