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Säufer leben länger – Geschichtskrümel 3

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Als 1817 die Armee des britischen Weltreiches eine Militärkampagne in Indien durchführte, begann die Weltreise der Cholera. Nach einem Abstecher nach Kleinasien, Russland und ins schöne Polen erreichte dieses teuflische kleine Bakterium 1832 dann auch die USA.

In den Jauchegruben und überfüllten Toiletten der amerikanischen Städte fand das Bakterium ausgezeichnete Brutstätten. Mangelnde Hygiene bei den pflegenden Angehörigen förderte die Verbreitung zusätzlich. Die Stadtoberen handelten nur sporadisch und wenn, dann ohne konsistenten Plan. Wer konnte, der floh aufs Land. Die Choleraepidemien löschten in einigen Städten über 10 % der Wohnbevölkerung aus.

Die traditionelle Behandlung der Ärzte für die allermeisten Krankheiten bestehend als Blutungen und dem Geben von lange erprobten Laxativen wie Emetikum oder Kalomel war mehr Fluch als Segen. Cholera zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass die Kranken viel Flüssigkeit verlieren. Die Ärzte taten dennoch ihr Bestes und suchten (vergeblich) nach einer Lösung.

Eine Gruppe der Bevölkerung erkrankte wundersamerweise spürbar seltener an der neuen Krankheit: die Säufer. Dieser Zusammenhang zwischen Trunk und Krankheit war vielen ein Dorn im Auge. Ganz nach dem Motto „es kann nicht sein, was nicht sein darf“ rieten die Vertreter der Abstinenzbewegung vom Alkoholgenuss strengstens ab. Sie erhielten Unterstützung von den Ärzten, die erklärten, dass Alkohol die Ursachen der Krankheit verstärkte.

Das einfache Volk ließ sich seinen Wein und sein Bier jedoch nicht schlechtreden und verzichtete auch nicht auf die traditionellen Totenwachen. Die Ärzte wunderten sich, dass die Meisten den Hospitälern fernblieben und ihren vermeintlich guten Rat ausschlugen. Die Armen hingegen rechneten bestenfalls damit, dass sie in den Hospitälern als Versuchskaninchen für wohlmeinende aber nutzlose Ärzte herhalten müssten.

Es sollte darum niemanden wundern, dass es immer wieder vorkam, dass städtische Beamte in den Armenvierteln mit Latten verprügelt wurden, wenn sie kamen, um die örtlichen Gesetze durchzusetzen.

Erst knapp 2 Jahrzehnte später wurden die Zusammenhänge zwischen den öffentlichen Wasserstellen, der schlechten Hygiene und vielerlei Krankheiten klar. Das öffentliche Gesundheitswesen war geboren und man begann mit dem Saubermachen.

„Geschichtskrümel“ ist eine wöchentlich erscheinende Serie aus Kurzartikeln. Die Geschichtskrümel drehen sich um historische Ereignisse oder Themen, über die ich in meinem Alltag stolpere. Sie sind manchmal lehrreich, manchmal skurril und manchmal einfach nur lustig.

Quelle: Breslaw, Elaine C.: Lotions, Potions, Pills, and Magic. Health Care in Early America. New York University Press: New York, 2012. S. 172–175.

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